Decke - der Gips berstet , der Plafond kommt auf Sie herunter , voran natürlich der kleine Jemand , den Sie los werden wollen . Nein , nein , es gibt nur ein Mittel : spielen Sie mit ihm , schlau , kindlich , machen Sie ihn kirre , zutraulich und sorglos . Und dann - und dann - ja - ja - In diesem hübschen Augenblick ein scharfes Messerchen bereit halten ! Blutet ' s , so war ' s eine Realität , unzweifelhaft ! - es blutet nämlich immer , ich habe ja meine Erfahrungen , meine - hm ! hm ! Kuriert - kuriert , und doch nicht kuriert ! Man ist halt Psychopath , meine Herren ! « - - Jemand kam an sein Bett , griff nach seiner Hand , an seinen Puls . » Was kann das sein ? « Es wurde ihm schwer , die Zähne auseinanderzubringen . Endlich gelang es ihm , und er röchelte : » Ein Anfall ! Seit Jahren ausgeblieben . Gib Morphium . « Josefine gab ihm Morphium . Er belebte sich wunderbar schnell , sprach ganz vernünftig , aß und trank und schlief ein . Die Frau besah die Instrumente auf dem Tische . Sie waren unangerührt ; kopfschüttelnd packte sie alles auf und trug es fort . Ihr Buch erschien ohne jene mißratenen Clichés , die übrigen fünfzehn Tafeln waren vollständig gelungen . Georges fragte nie wieder danach , und sie zeigte ihm das Buch nicht , als es herauskam . Er sah es dann , als sie in der Klinik war , blätterte darin mit anfangs gleichgültigen , dann aufglimmenden Augen . Als Hermann zufällig darüber zukam , warf er den Band schnell unter das Bücherregal . Auch das Mikroskop betrachtete er nie wieder . Josefine hatte die sechs schweren Examenwochen hinter sich ; die letzte Stufe war erstiegen - sie konnte nun ihre Praxis ausüben , überall wo sie wollte in ihrem Vaterlande . Eine Art Befreitsein empfand sie , nicht mehr . Zuweilen verwandelte sich dies Gefühl des Losgebundenseins in eine wehe Verlassenheit . Bedauern ergriff sie , daß die Studienzeit hinter ihr liege ; rückwärts gesehen erschien sie ihr als die einzige Zeit , wo sie wirklich gelebt . Die größten Schmerzen und die größten Freuden lagen in diese Zeit eingeschlossen wie Perlen in köstlicher Fassung , und wenn sie sich selber erblickte , wie sie vor diesen fünf und ein halb Jahren gewesen , dann staunte sie über ihre damalige , fast ungestüme Frische . Wie konnte ich das alles auf mich nehmen , damals , unter dem Druck des großen Unglücks ! Daß ich nicht erlegen bin , daß ich nicht einmal ernstlich erkrankte , daß ich es durchgemacht habe , und daß ich nun ein ganz selbständiger Mensch bin - wie merkwürdig ist das alles ! Und mit wehmütigem Neid sah sie die eben immatrikulierten Studentinnen ins Kolleg gehen . Oh , schöne , schöne Zeit ! Nehmt sie wahr ! Blickt nicht so geschäftig , nicht so sorgenvoll ! Ihr denkt , daß ihr sehr wichtige Personen seid ; daß ihr schon viel viel Großes und Schweres arbeitet ! Aber ihr arbeitet noch nicht , ihr nehmt nur auf wie das weiche Frühlingsland den warmen Regen . Wann ihr fertig seid , dann - beginnt eure Arbeit . Erst dann . Meine Arbeit beginnt jetzt , und was - was werde ich tun ? Werde da in meinem Sprechzimmer sitzen , froh , wenn mein Warteraum von hilfesuchenden Kranken überläuft ? Werde sie hereinbitten , einzeln , feierlich ? werde den Gott aus den Wolken spielen , Lebenshoffnung aus meiner hohlen Hand herabsprengen auf emporgerichtete sterbende Elende ? Werde dem an der Armut Leidenden die » kräftige Kost « des Wohlhabenden verschreiben und nicht die höhnische Träne beachten , mit der er aus meiner Tür hinausgeht ? Werde » Ruhe « verordnen der zwölf Stunden täglich über dem Stickstuhl hängenden Stickerin , für die Ruhe gleich Arbeitslosigkeit und Arbeitslosigkeit gleich Verhungern ist ? Werde Wunden flicken , wie man Löcher in den Schuhen flickt , gleichgültig , geschäftsmäßig , in der ruhigen Überzeugung , daß ich die wahren Wunden mit keiner Sonde erreichen , mit keinem Pflaster heilen kann ? Werde - oh das allerschlimmste ! werde mich einreihen in die Heere der Zufriedenen , der mit dem Bestehenden Einverstandenen , der » mit den gegebenen Tatsachen Rechnenden « ? Nein , nur das nicht ! nur das nicht ! nur das nicht ! Was aber werde ich tun ? Und es schien ihr , daß sie von Himmelsflügen heimgekehrt sei , um auf die platte Erde zu fallen und dort Ameisenarbeit zu verrichten , eine von Millionen anderen Ameisen ! Ameisenarbeit ! nun denn auch das , wenn es so sein mußte ! Aber wenigstens keine schädliche , der Ameisenheit schädliche Arbeit verrichten ! Nützlich sein , selbst am Leben bleiben mit meiner Familie , der ich Brot schaffen will und muß , und der Ameisenheit nützlich sein - das ist fast unmöglich ! Aber dann wenigstens nicht schädlich sein . Für mich und die Meinen sorgen und doch nicht schädlich sein ! So viel wenigstens ! Ach , und wäre es denn nicht doch auch möglich , ein wenig zu nützen ? Hab ich so viel gelernt , so klar gesehen , so tief gefühlt , was schlimm , verderblich , zerstörend ist , und sollte ich kein , aber kein Mittel haben , gegen dieses Schlimme , Verderbliche , alle Kräfte Zerstörende mitzukämpfen ? Was kann ich tun ? Ich Ohnmächtige , Einzelne ? Der Einzelne kann nichts , nichts ausrichten , und wer sollte mir wohl helfen ? Es denkt ja niemand so , wie ich denke . Plötzlich tauchte vor ihr wie ein Stern ein schönes Gesicht auf ; eine schöne Stirn sah sie über tiefen Augen , und hinter der schönen Stirn wohnten schöne Gedanken . Gedanken den ihren gleich und deshalb