den Einfluß , den Du auf Deine Kinder übst , brauchst Du Dir wirklich nicht viel einzubilden . Über den Rudi und sein Gebaren wird ja genug gespottet und geschimpft . Daß es geheißen hat , er würde aus der Reserve fortgejagt , hast Du wohl erfahren ? « Martha warf den Kopf zurück . » Du versuchst , mir weh zu tun . Was zwischen Rudolf und dem Kriegsminister vorgefallen , weiß ich - ich besitze meines Sohnes volles Vertrauen und ich vertraue auch ihm . Was er tun wird , wird recht getan sein . Das Gebiet seiner Pflichten liegt höher als Du weißt . « » Verrückt ist er einfach - und Ihr alle miteinander . « Sie stand auf : » Anton , ich ersuche Dich , mich zu verlassen . Du hast kein Recht , in meinem Hause mich und meine Kinder zu insultieren . « Sie sagte es mit ruhiger und gar nicht erhobener Stimme , doch war sie kreidebleich geworden . » Oh , ich gehe ja ohnehin , « antwortete der Schwiegersohn . Und ohne zu grüßen eilte er zur Türe hinaus und schlug diese heftig hinter sich zu . XXIV Sylvia saß in einer Parkettloge des Burgtheaters - allein . Sie hielt den Zettel in der Hand . Zum ersten Male : Der tote Stern . Märchenspiel in 4 Aufzügen von Hugo Bresser . Am selben Morgen hatte sie eine Sendung des Dichters aus Dresden erhalten , wohin er sich begeben hatte , um der Generalprobe seines Stückes beizuwohnen . das dort gleichzeitig mit Wien aufgeführt werden sollte . Doch war ihm die Burgtheater-Première die wichtigere und mit dem Sechsuhrzuge wollte er heute hier eintreffen . In jener Sendung war die Sammlung der Gedichte » An sie « enthalten . » Ich wollte Ihnen diese Lieder erst schicken , « schrieb er dazu , » bis ich zu Weltruhm gelangt wäre , damit die Huldigung Ihrer würdiger sei . Doch nein - so lange will ich nicht warten - wer weiß , ob ich je zu Weltruhm gelange ... Und nicht die Außenwelt - Sie habe ich mir zum Richter eingesetzt . Was ich in den Augen jener bin , die ich besinge - das entscheidet . Und diese könnte mich nicht ganz beurteilen , wenn sie von meinen Dichtungen nicht kennte , was meiner innersten Seele entrungen , was mit meinem Herzblut geschrieben ist - was ich schreiben mußte . « Mehrere Stunden des Tags hatte Sylvia mit lesen und wieder lesen der zwanzig Gedichte zugebracht , und sie stand von dieser Lektüre auf , so leidenschaftlich aufgewühlt und süß erschöpft , als wäre diese Stunden über der Dichter selber zu ihren Füßen gelegen . So geliebt zu sein , so anbetungsvoll , so schmerzlich , so zärtlich und heiß - das hätte sie sich niemals träumen lassen . Das Theater war noch leer - es fehlten beinahe zwanzig Minuten bis zur angesetzten Anfangszeit . Sylvia hätte um alles in der Welt nicht das erste Aufziehen des Vorhangs , das erste Stimmen der Orchesterinstrumente versäumen wollen . Daß dieser Theaterabend zu den wichtigsten , angst- und doch zugleich genußreichsten ihres Lebens gehören würde , fühlte sie , und so wollte sie ihn ganz und gar ausnützen , auch die Vorstimmung kosten - auf dem Kampfplatze selber . Nie noch im Leben - selbst an ihrem Hochzeitstage nicht - war sie so erregt gewesen , wie an diesem Abend . So muß einst den Rittersfrauen zu Mute gewesen sein , die von ihrer Galerie auf den Tournierplatz herabsahen , wo der von ihnen still und heiß Geliebte entweder siegen oder in den Staub fallen sollte ... Ein Viertel vor sieben . Das Publikum fängt an , die letzten Parkettreihen und die höchste Galerie zu füllen . Noch ein paar Minuten und die Musikanten kommen zum Orchestertürchen herein und setzen sich an ihre Pulte . Die Logen sind noch leer . Sylvia späht nach der Direktionsloge ... wo mag Hugo sein ? Man sieht ihn nicht ... vermutlich hinter dem Vorhang ... wenn es ihm nur einfiele , jetzt auf einen Augenblick zu ihr zu kommen - mit einem Händedruck hätte sie ihm Mut machen wollen und selber ermutigt werden - sie hatte vielleicht größere Angst als er ... Fünf Minuten vor sieben . Jetzt füllt sich das Parkett , auch in den ersten Reihen und in den Logen beginnt es , sich zu regen . Die Galerien sind bis auf den letzten Platz gefüllt und im Stehparterre sind die Zuschauer dicht gedrängt . Punkt sieben . Der Kapellmeister gibt das Zeichen und das Orchester setzt ein . Zwei Erzherzöge nehmen am Rand der Inkognitologe Platz und in der Kammerherrenloge zeigen sich ein halb Dutzend uniformierte Herren und Hofdamen . Erwartungsvolle Spannung scheint über dem ganzen Haus zu schweben - Premièrenstimmung . Der Vorhang rollt auf . Sylvias Herz pocht und sie atmet schwer . Den ersten Akt kennt sie ja , hat sie ihn doch selber vorgelesen ; sie weiß noch , wie entzückt sie von der Schönheit der Sprache gewesen - aber würde das , hier auf der Bühne , so zur Geltung kommen ? Von der ersten Szene , durch drei oder vier Minuten verstand sie kein Wort . War es , weil ihr das Blut im Kopfe tobte , oder weil man immer erst eine Zeitlang an die Stimmen , die von der Bühne dringen , sich gewöhnen muß , bis man die Worte auffaßt und bis man sich überhaupt den Vorgängen dort gefangen gibt ? Und die Leute da herum , die gleichgültigen Leute , und die nörgelnden Rezensenten , diese ganze , einem Neuling gegenüber instinktiv widerstrebende Menge - wann wird es dem Dichter gelingen , die mitzureißen , wenn sogar sie , seine glühendste Bewunderin noch dasaß , verständnislos , unaufgetaut ? ... Aber es währte nicht lange und die Reden und Gegenreden der Schauspieler drangen deutlich und lebendig ins Haus . Sylvia erkannte einige