« , fügte Lena neckend hinzu , » dass Lotte bis dahin ganz mobil ist . Er ist ein grosser Verehrer von ihr . « Lotte wurde rot . » Ach , lass doch , Lena , wie kannst Du so etwas sagen . « Frau Wohlgebrecht aber klopfte die Unwillige wohlgefällig auf die Schulter . » Warum soll Ihre Schwester so was nicht sagen ? Sie hat ganz recht . Ganz mobil wollen wir werden bis dahin , und dann , wer weiss ? « Frau Wohlgebrecht sah Lena schmunzelnd an . Dabei fiel es ihr auf , dass Lena , die sonst den Vergleich mit Lottes sanfter , poetischer Schönheit nicht ausgehalten hatte , jetzt die bei weitem Hübschere von ihnen war . » Zum Fressen nett sieht die Kröte aus « , dachte Frau Wohlgebrecht . » Die weiss , was sie will . Kein Wunder , dass die ihren Weg gemacht hat . « Das Mädchen , das sie früher nicht hatte leiden können , flösste Frau Wohlgebrecht jetzt plötzlich Interesse ein . Es war doch alles mögliche , was diese Lena erreicht hatte , und eine gute Portion Fleiss und Tüchtigkeit gehörte bei allem Glück dazu , es so weit zu bringen . Frau Wohlgebrecht fragte nach diesem und jenem , und Lena machte es ein ungeheures Vergnügen , von den wirklich hübschen materiellen Erfolgen , die sie in dieser Saison schon erzielt hatte , zu erzählen . Lena berichtete über ihre schöne Kundschaft aus den besten Gesellschaftskreisen , rechnete Frau Wohlgebrecht in grossen Zügen ihre Aktiva und Passiva vor und versicherte sie , dass es der glücklichste Tag ihres Lebens sein würde , wenn sie das Kapital , das Herr Bornstein - sie nannte ihn ganz ungeniert als ihren Geldgeber - ihr für die Geschäftsbegründung vorgestreckt habe , einstmals würde herauszahlen können . Es dem Vertrag gemäss zu verzinsen , dazu habe es ja gottlob bisher immer ausgereicht , fügte sie am Ende hinzu . Frau Wohlgebrecht empfahl sich heut unter dem Vorwande , noch Geschäftswege machen zu müssen , früher als sonst . Sie hatte das Gefühl , dass die beiden Mädchen sich noch manches zu sagen hätten , was keinen Dritten etwas anginge . Vielleicht handelte es sich um Lotte und den Jugendfreund . Was würde sie darum geben , wenn das Kind in diesem Manne Glück und Frieden finden könnte ! - Sobald die Thür sich hinter Frau Wohlgebrecht geschlossen hatte , fing Lotte genau da wieder an , wo sie bei ihrem Eintritt aufgehört hatte . Mit demselben Eifer , mit derselben warmen Freudigkeit . » Du glaubst nicht , Lena , wie lieb es ist . So rund und niedlich , und so reizende blaue Augen wie es hat , und wenn es erst lacht gar ! Lange lass ' ich ' s der Frau da draussen nicht , wenn sie es auch noch so gut pflegt . « » Um Gotteswillen , Lotte , mach nur keinen Unsinn wieder . Bis jetzt ist alles so hübsch glatt gegangen . Du wirst doch Luischen nicht etwa zu Dir nehmen wollen ? Dann wäre der Skandal fertig . « Lotte schüttelte den Kopf . » Nein , aber ich will zu Luischen gehen , irgend wohin , wo es hübsch still und einsam ist und niemand uns kennt und niemand nach uns fragt . « Dabei erinnerte sie sich plötzlich des Häuschens und des Blumengartens , von dem Gerhart am Tage ihres Geständnisses im Wald am Müggelsee zu ihr gesprochen hatte . Etwas heisses stieg ihr in den Augen auf . Aber sie unterdrückte es schnell . Nur keine Erinnerungen , keine neue Schwäche ! Ihre ganze Kraft brauchte sie jetzt für das liebe kleine Geschöpf da draussen , das niemanden hatte als sie auf der Welt . Ihm wollte und musste sie fortan gehören , niemandem sonst . Lena hatte sich inzwischen heftig ereifert . » Was das für phantastische Gedanken sind , Lotte ! Du solltest doch nun endlich klug geworden sein ! Sich mit dem Kinde irgendwo vergraben , das wäre das rechte ! Verhungern kannst Du dabei und das Wurm dazu . Hier bleibst Du , wo Du Dein bischen Arbeit endlich gefunden hast , und Frau Korn ist und Frau Wohlgebrecht und ich und später der Franz . Wir werden Dich schon durchbringen , und das Kind mit Dir . Bleib ' mir blos mit den sentimentalen Geschichten vom Leibe . Du hast ja doch gesehen , was dabei herauskommt . « Lotte erwiderte nichts , aber in ihrer stillen Art dachte sie sich ihr Teil . Allzumächtig hatte sich heute die Mutterliebe in ihr geregt , als sie das kleine Geschöpf zum erstenmal wieder im Arm gehalten , zum erstenmal wieder gewartet hatte . Die Mutterliebe und die Eifersucht , die Niemandem ihr Kleinod gönnt als sich selbst . - Der Winter liess sich im ganzen so milde an , dass Lotte trotz ihrer noch immer sehr zarten Gesundheit es wagen durfte , ihrem Herzen zu folgen und jede Woche ein paarmal nach Schmargendorf hinauszufahren . Sie hatte sogar durch Vermittlung von Luischens Pflegemama draussen etwas Kundschaft bekommen , so dass sie sich nicht allzuviel Skrupel über den Zeitaufwand zu machen brauchte , den die Besuche bei Luischen ihr kosteten . Heute , an einem fast frühlingswarmen Tage zu Ende Februar hatte sie die kurze Stunde draussen doppelt genossen . Wohlverwahrt hatte sie die Kleine in das sonnige Gärtchen der Tischlersleute hinausgetragen . Unter den kahlen Fliederbüschen , die nun bald Knospen ansetzen würden , um die bescheidenen Beete , auf denen noch die verfaulten Stauden der Herbstblumen standen , die nun bald den ersten Schneeglöckchen und Veilchen würden Platz machen müssen , war sie mit ihr umhergegangen . Das war eine Lust gewesen ! Ganz allein mit ihrem Herzensschatz , unter Gottes reinem , blauen Himmel ! Niemand , der , wie in dem engen Zimmer der Tischlersleute , ihre Liebkosungen beobachtete ,