redete ! Hier blüht der Bilderbogen , Türke links , Russe rechts . Ach , Lorenzen , es ist traurig , hier versauern zu müssen . « Als er so gesprochen , ließ er sich , vor sich hin starrend , in die Sofaecke nieder , ganz wie in andre Zeiten verloren , und sah erst wieder auf , als ein junges Ding ins Zimmer trat , groß und schlank und blond , und dem Pastor verlegen und errötend etwas zuflüsterte . » Meine gute Frau Kulicke « , sagte Lorenzen , » läßt eben fragen , ob wir unsern Imbiß im Nebenzimmer nehmen wollen . Ich möchte beinahe glauben , es ist das beste , wir bleiben hier . Es heißt zwar , ein Eßzimmer müsse kalt sein . Nun , das hätten wir nebenan . Ich persönlich finde jedoch das Temperierte besser . Aber ich bitte bestimmen zu wollen , Herr Superintendent . « » Temperiert . Mir aus der Seele gesprochen . Also wir bleiben , wo wir sind ... Aber sagen Sie mir , Lorenzen , wer war das entzückende Geschöpf ? Wie ein Bild von Knaus . Halb Prinzeß , halb Rotkäppchen . Wie alt ist sie denn ? « » Siebzehn . Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke . « » Siebzehn . Ach , Lorenzen , wie Sie zu beneiden sind . Immer solche Menschenblüte zu sehn . Und siebzehn , sagen Sie . Ja , das ist das Eigentliche . Sechzehn hat noch ein bißchen von der Eierschale , noch ein bißchen den Einsegnungscharakter , und achtzehn ist schon wieder alltäglich . Achtzehn kann jeder sein . Aber siebzehn . Ein wunderbarer Mittelzustand . Und wie heißt sie ? « » Elfriede . « » Auch das noch . « Lorenzen wiegte den Kopf und lächelte . » Ja , Sie lächeln , Lorenzen , und wissen nicht , wie gut Sie ' s haben in dieser Ihrer Waldpfarre . Was ich hier sehe , heimelt mich an , das ganze Dorf , alles . Wenn ich mir da beispielsweise den Tisch wieder vergegenwärtige , dran wir , drüben im Krug , vor einer halben Stunde gesessen haben , an der linken Seite dieser Krippenstapel ( er sei , wie er sei ) und an der rechten Seite dieser Rolf Krake . Das sind ja doch lauter Größen . Denn das Groteske hat eben auch seine Größen und nicht die schlechtesten . Und dazu dieser Katzler mit seiner Ermyntrud . All das haben Sie dicht um sich her und dazu dies Kind , diese Elfriede , die hoffentlich nicht Kulicke heißt - sonst bricht freilich mein ganzes Begeisterungsgebäude wieder zusammen . Und nun nehmen Sie mich , Ihren Superintendenten , das große Kirchenlicht dieser Gegenden ! Alles nackte Prosa , widerhaarige Kollegen und Amtsbrüder , die mir nicht verzeihen können , daß ich im Haag war und mit einer Großfürstin über Land fahren konnte . Glauben Sie mir , Großfürstinnen , selbst wenn sie Mängel haben ( und sie haben Mängel ) , sind mir immer noch lieber als das Landesgewächs von Quaden-Hennersdorf , und mitunter ist mir zumut , als gäbe es keine Weltordnung mehr . « » Aber Herr Superintendent ... « » Ja , Lorenzen , Sie setzen ein überraschtes Gesicht auf und wundern sich , daß einer , für den die hohe Klerisei soviel getan und ihn zum Superintendenten in der gesegneten Mittelmark und der noch gesegneteren Grafschaft Ruppin gemacht hat - Sie wundern sich , daß solch zehnmal Glücklicher solchen Hochverrat redet . Aber bin ich ein Glücklicher ? Ich bin ein Unglücklicher ... « » Aber Herr Superintendent ... « » ... Und möchte , daß ich eine Hundertundfünfzig-Seelen-Gemeinde hätte , sagen wir auf dem Toten Mann oder in der Tuchler Heide . Sehen Sie , dann wär es vorbei , dann wüßt ich bestimmt : Du bist in den Skat gelegt . Und das kann unter Umständen ein Trost sein . Die Leute , die Schiffbruch gelitten und nun in einer Isolierzelle sitzen und Tüten kleben oder Wolle zupfen , das sind nicht die Unglücklichsten . Unglücklich sind immer bloß die Halben . Und als einen solchen habe ich die Ehre , mich Ihnen vorzustellen . Ich bin ein Halber , vielleicht sogar in dem , worauf es ankommt ; aber lassen wir das , ich will hier nur vom allgemein Menschlichen sprechen . Und daß ich auch in diesem Menschlichen ein Halber bin , das quält mich . Über das andre käm ich vielleicht weg . « Lorenzens Augen wurden immer größer . » Sehen Sie , da war ich also - verzeihen Sie , daß ich immer wieder darauf zurückkomme - , da war ich also mit siebenundzwanzig im Haag und kam in die vornehme Welt , die da zu Hause ist . Und da war ich denn heut in Amsterdam und morgen in Scheveningen und den dritten Tag in Gent oder in Brügge . Brügge , Reliquienschrein , Hans Memling - so was müßten Sie sehn . Was sollen uns diese ewigen Markgrafen oder gar die Faule Grete ? Mancher , ich weiß wohl , ist fürs härene Gewand oder zum Eremiten geboren . Ich nicht . Ich bin von der andern Seite ; meine Seele hängt an Leben und Schönheit . Und nun spricht da draußen all dergleichen zu einem , und man tränkt sich damit und hat einen Ehrgeiz , nicht einen kindischen , sondern einen echten , der höher hinauf will , weil man da wirken und schaffen kann , für sich gewiß , aber auch für andre . Danach dürstet einen . Und nun kommt der Becher , der diesen Durst stillen soll . Und dieser Becher heißt Quaden-Hennersdorf . Das Dorf , das mich umgibt , ist ein großes Bauerndorf , aufgesteifte Leute , geschwollen und hartherzig , und natürlich so trocken und trivial , wie die Leute hier alle sind . Und noch stolz darauf .