einfach überspannt ? Und das hast Du getan und tust es noch . Ich habe Dich beschworen , Christinens Eigenwillen gegenüber auf der Hut zu sein und ihrem Herrschergelüste , das sich hinter ihrer Kirchlichkeit verbirgt und zugleich immer neue Kraft daraus saugt , energisch entgegenzutreten , und ich habe Dir , so ganz nebenher , auch wohl den Rat gegeben , es mit Eifersucht zu versuchen und in Deiner Frau , meiner geliebten Schwester , die Vorstellung zu wecken : auch der sicherste Besitz sei nicht unerschütterlich sicher und auch der beste Mann könne seine schwache Stunde haben . Ja , lieber Holk , in diesem Sinne habe ich zu Dir gesprochen , nicht leichtfertig , sondern , wenn mir der Ausdruck gestattet ist , aus einer gewissen pädagogischen Erwägung , und ich bedaure nichts davon und habe auch nicht nötig , irgendwas davon zurückzunehmen . Aber was hast Du nun in Anwendung dieser , glaub ich , richtigen Sätze tatsächlich daraus gemacht ? Aus Prickeleien , die vielleicht gut gewesen wären , sind Verletzungen , aus Nadelstichen sind giftige Pfeile geworden , und , was schlimmer ist als alles , an die Stelle einer gewissen Zurückhaltung , der man den Kampf und die Mühe der Durchführung hätte ansehen müssen , an die Stelle solcher Zurückhaltung ist Nüchternheit getreten und ein nicht immer glückliches , weil forciertes Bestreben , diese Nüchternheit hinter Stadtklatsch- und Hofklatschgeschichten zu verbergen . Ich habe Deine Briefe gelesen - es waren ihrer nicht allzuviel , und keinen einzigen traf der Vorwurf , zu lang gewesen zu sein - , aber die Hälfte dieser wenigen beschäftigt sich mit der märchenhaften Schönheit der doch mindestens etwas sonderbaren Frau Brigitte Hansen und die zweite Hälfte mit den Geistreichigkeiten des ebenfalls etwas sonderbaren Fräulein Ebba von Rosenberg . Für Deine Frau , Deine Kinder hast Du während dieser langen Zeit keine zwanzig Zeilen gehabt , immer nur Fragen , denen man abfühlte , daß sie nach Antwort nicht sonderlich begierig waren . Ich glaube , lieber Holk , daß es genügt , Dich auf all das einfach aufmerksam gemacht zu haben . Du bist zu gerecht , um Dich gegen das Recht der hier vorgebrachten Klage zu verschließen , und bist zu gütigen und edlen Herzens , um , wenn Du das Recht dieser Klage zugestanden hast , nicht auf der Stelle für Abhülfe zu sorgen . Die Stunde , wo solcher Brief auf Holkenäs eintrifft , wird zugleich die Stunde von Christinens Genesung sein ; laß mich hoffen , daß sie nahe liegt . Wie immer Dein Dir treu und herzlich ergebener Schwager Alfred Arne « Holk war so getroffen von dem Inhalt dieses Briefes , daß er darauf verzichtete , die beiden andern zu lesen . Petersen schrieb vielleicht ähnliches . Zudem war die Stunde da , wo er bei der Prinzessin erscheinen mußte , vor der er ohnehin fürchtete seine Erregung nicht recht verbergen zu können . Und er wäre auch wirklich damit gescheitert , wenn bei seinem Erscheinen alles wie sonst und die Prinzessin bei freiem Blick gewesen wäre . Dies war aber nicht der Fall , weil der Prinzessin selber inzwischen ein Brief zugegangen war , der ihr Gemüt gefangennahm und ihr die Fähigkeit raubte , sich um Holks Benommenheit zu kümmern . Vierundzwanzigstes Kapitel Der bei der Prinzessin eingetroffene Brief war ein Brief des Kammerherrn Baron Blixen-Finecke und lautete : » Eurer Königl . Hoheit in aller Eile die gehorsamste Mitteilung , daß Se . Majestät der König , der heute noch von Glücksburg nach Kopenhagen zurückkehrt , mit der Absicht umgeht , die nächsten Wochen in Schloß Frederiksborg zu verbringen , wahrscheinlich bis Neujahr ; jedenfalls gedenkt er das Weihnachtsfest daselbst zu feiern . Es werden ihn nur wenige Personen aus seiner nächsten Umgebung begleiten : Oberst du Plat vielleicht , Kapitän Westergaard und Kapitän Lundbye gewiß . Ich hielt es für angezeigt , Eure Königl . Hoheit von diesem Entschlusse Sr. Majestät in Kenntnis zu setzen . Eurer Königl . Hoheit untertänigster Blixen-Finecke « Der erste Gedanke nach Lesung dieser Zeilen war gewesen , das Feld zu räumen und noch vor Eintreffen des Königs , also womöglich noch vor Ablauf der nächsten vierundzwanzig Stunden , nach Kopenhagen zurückzukehren . War der König erst da , so war solcher Rückzug , wenn nicht unmöglich , so doch sehr erschwert , weil , bei den persönlich guten Beziehungen zwischen Neffen und Tante , zu klar zutage getreten wäre , daß die Prinzessin nur vermeiden wolle , mit der von ihr gehaßten Gräfin Danner unter einem Dache zu sein . Also rasches Entschließen war unerläßlich und » Abreise oder nicht « die Frage , die den um die Prinzessin versammelten Kreis beschäftigte , vor allem Ebba , die mehr Hoffnungen als Befürchtungen an die Möglichkeit einer raschen Rückkehr knüpfte . Denn einen so fein ausgebildeten Natursinn sie hatte und so gut ihr Schleppegrell , trotz gelegentlicher Auflehnung gegen ihn und seine ewige Altertümlerei , gefiel , so war ihr alles in allem die Hauptstadt , wo man die Neuigkeiten sechs Stunden früher und außerdem abends eine Theaterloge hatte , doch um ein erhebliches lieber . Die große Frederiksborger Halle war in ihrer Art ein Prachtstück , gewiß , und wenn die Lichter und Schatten an Wand und Decke hinliefen , so hatte das seine Romantik und seinen kleinen Schauer ; aber man konnte doch nicht sechs Stunden lang , von Dunkelwerden bis Schlafenszeit , mit immer gleichem Interesse nach Herluf Trolle hinüberblicken und noch weniger auf die große Seeschlacht und den in die Luft fliegenden » Makellos « . Ja , die Rückkehr , wenn die Entscheidung bei Ebba gelegen hätte , wäre rasch beschlossen worden ; die Prinzessin aber , die schon aus Aberglauben von einem Platze nicht gern fort wollte , den sie sich durch Jahrzehnte hin als ihren Weihnachtsplatz anzusehen gewöhnt hatte , verharrte , ganz gegen ihren sonstigen Charakter , in einer gewissen Unschlüssigkeit und war froh , als