den Thäter gehörig zu strafen . Ich erfuhr noch am selben Tage , was Ursprung und Zweck des Schriftstücks gewesen ; den Erfolg desselben - nämlich , daß Friedrich und ich uns nunmehr noch ein wenig näher gekommen - hatte der Urheber schwerlich vorausgesehen . Am Nachmittage ging ich zu meiner Freundin Lori , um ihr den Brief zu zeigen . Ich wollte sie aufmerksam machen , daß sie einen Feind habe , von welchem sie fälschlich verdächtigt wurde , und wollte mit ihr über den Fall lachen , daß mein diktiertes Billet so mißdeutet worden . Sie lachte mehr als ich geglaubt » Also bist Du über den Brief erschrocken ? « » Ja , tödlich . Und doch hätte ich beinahe das inliegende Billet ungelesen verbrannt . « » Da wäre ja der ganze Spaß mißlungen - « » Welcher Spaß ? « » Du hättest am Ende noch geglaubt , daß ich Dich wirklich betrüge . Laß mich bei dieser Gelegenheit Dir beichten , daß ich in einer verrückten Stunde - es war nach dem Diner bei Deinem Vater , wo ich neben Tilling saß , und weil ich zu viel Champagner getrunken hatte - daß ich da wirklich mein Herz so zu sagen auf einem Präsentierteller ihm antrug - « » Und er ? « » Und er mir noch rechtzeitig sagte , daß er Dich über alles liebe und fest entschlossen sei , Dir bis zum Tode treu zu bleiben . Damit Du nun dieses Phänomen desto besser schätzen lernen mögest , ist der ganze Spaß gemacht worden . « » Von welchem Spaß redest Du nur immer ? « » Du weißt ja doch : nachdem der Brief samt Einlage von mir kommt - « » Von Dir ? ... Ich weiß nichts . « » Hast Du denn das Begleitschreiben nicht umgewendet ? Sieh her : hier steht ja auf der Kehrseite der Name und das Datum : Erster April . Näher gebracht - immer näher ! Ich habe es erfahren , daß die Annäherungsfähigkeit liebender Herzen zu jenen Dingen gehört , die keine Grenzen haben - wie zum Beispiel die Teilbarkeit . Man sollte glauben , ein Partikelchen sei schon so klein , daß es nicht kleiner gedacht werden könne , und doch : es läßt sich noch in zwei Hälften spalten ; und man sollte glauben , zwei Herzen seien schon so ineinander verschmolzen , daß ein innigeres Einswerden nicht mehr möglich wäre , und doch : eine äußere Einwirkung und noch fester und näher - immer näher - umschlingen und durchdringen sich die Herzensatome . So hatte Loris ziemlich geschmackloser Aprilscherz auf uns gewirkt , und so wirkte noch ein äußeres Ereignis , welches kurz darauf eintrat . Ein heftiges Nervenfieber nämlich , das mich sechs Wochen auf das Krankenlager warf . Ein an sich zwar trübes Ereignis - und doch wie fruchtbar an glücklichen Erinnerungen für mich und wie einflußreich auf den oben geschilderten Vorgang : das » Noch-näher-bringen « von zwei so allernahesten Herzen . War es die Furcht , mich zu verlieren , die mich dem Gatten noch teurer machte , oder war mir seine Liebe nur noch offenbarer geworden durch sein Krankenwärter-Benehmen - kurz , während dieses Nervenfiebers und nach demselben fühlte ich mich noch viel mehr und noch viel sicherer geliebt als zuvor . Vor dem Sterben hatte ich mich auch wohl gefürchtet . Einmal , weil es mir schrecklich leid gethan hätte , ein Leben zu verlieren , das mir so reich an Schönheit und Glück schien , und meine Lieben - Friedrich , mit dem ich so gern alt geworden wäre , Rudolf , den ich so gern zum Manne auferzogen hätte , zu verlassen ; zweitens auch - nicht in Selbstsucht , sondern im Hinblick auf Friedrich - war mir der Gedanke an den Tod entsetzlich , denn ich wußte , so gewiß als man nur wissen kann , daß der Schmerz , mich zu begraben , den Beraubten schier unerträglich wäre ... Nein , nein : glückliche Menschen und von teuern Wesen geliebte Menschen können nicht Todesverachtung empfinden . Zu dieser gehört vor allem Lebensverachtung . Ich konnte auf meinem Lager , wo die Krankheit mit ihrer tödlichen Gewalt mich umschwirrte , wie der Krieger auf dem Schlachtfeld von Kugeln umschwirrt wird , mich so recht in die Empfindung solcher Soldaten hineindenken , welche das Leben lieben , und welche wissen , daß ihr Tod geliebte Wesen in Verzweiflung stürzen würde . » Nur das eine hat der Soldat vor dem Fieberkranken voraus : das Bewußtsein erfüllter Pflicht , « antwortete mir Friedrich , als ich ihm diese Gedanken mitteilte . » Doch darin gebe ich Dir recht : gleichgültig sterben , freudig sterben , - was uns allenthalben zugemutet wird - das kann kein glücklicher Mensch . Das konnten nur die aller Lebensnot Preisgegebenen in alter Zeit , die an der Friedensexistenz gar nichts zu verlieren hatten , oder solche , die sich und ihre Brüder nur durch den Tod von Schmach und unerträglichem Joch befreien können . « Als die Gefahr überstanden war , wie genoß ich da meine Genesung , meine Wiedergeburt ! Das war ein Fest - für uns beide . Ähnlich dem Glücke bei der Wiedervereinigung nach dem Schleswig-Holsteiner Kriege , aber doch anders . Dort kam die Freude mit einem Schlag und hier nach und nach - und zudem , wir waren uns ja seither wieder näher , immer näher . Mein Vater hatte mich während meiner Krankheit täglich besucht und viel Besorgnis gezeigt ; dennoch , ich wußte , daß er sich meinen Tod nicht übertrieben zu Herzen genommen hätte . Seine beiden jüngeren Töchter hatte er viel lieber als mich , und der Liebste von Allen war ihm Otto . Ich war ihm durch meine zwei Heiraten , namentlich durch die zweite , und vielleicht auch durch meine ganz verschiedene Denkungsart , einigermaßen entfremdet . Als ich vollständig hergestellt war - es war