und strich die Haare aus dem heißen roten Gesicht . » Nein , « sagte sie hastig , mit scheu abschweifendem Blick , » nein . Es ist nichts . Zuweilen überkommt es mich , daß ich nirgendwo in der Welt ein Recht zum Dasein habe und daß ich eines Tages auch die Heimat verlieren kann , die eure Güte mir gewährt . Und in solchen Stimmungen denke ich , daß Mutter Holten es besser hat als ich . Das Dach über ihrem Haupte ist ihr eigen , und ihr körperliches Elend klopft so laut an die Herzen der Mitmenschen , daß diese ihr nie Trost und Linderung vorenthalten werden . Das sind die heilbaren Schmerzen , die jeder sieht ! « Der Pastor sah ihr tief in die Augen , indem er mit seiner Hand unter ihr Kinn griff . » Alle Schmerzen sind heilbar , meine Tochter , außer denen , welche den Nachwirkungen begangener Sünden entspringen , und davor bewahre Dich Gott ! « sagte er ernst . » Grundlosen Trauerstimmungen sich hinzugeben , ist eine Schwäche , in die nur ein nicht gesundes Herz verfällt . Woran krankt das Deine ? « Severina faßte sich mit Gewalt . » An Undankbarkeit , « sprach sie mit einem Versuch zu lächeln , » denn ich konnte vergessen , daß Deine Liebe mein armes Dasein immer gütig ertragen hat . « Der Pastor drückte ihr die Hand . Er faßte diese Aeußerung als eine Hindeutung auf , daß Severinas » armes Dasein « von der Pastorin bekanntlich nie » gütig ertragen « werde und es war ihm zweifellos , daß seine Frau die Pflegetochter wieder durch irgend eine Bemerkung schwer gedemütigt habe . Natürlich war dann die Sache zu heikel , um dem Grund von Severinas Erregung näher nachzuforschen . Er begnügte sich mit einigen allgemeinen Beruhigungsworten . Severina fühlte sein Mißverständnis heraus . Damit ward es ihrem Bewußtsein wieder lebendig , daß es eine Schranke zwischen ihr und dem guten alten Mann gab , die sie verhinderte , ihr gequältes Herz durch Vertrauen zu erleichtern . Sie konnte ihn nicht zum Mitwisser einer Sorge machen , von der die Pastorin keine Ahnung haben durfte . Alle ihre Erregung erstarrte in plötzlichem Trotz gegen Gott und die Menschheit . Sie warf den Kopf zurück und ging hinaus , ohne selbst der Alten noch einmal zuzunicken . Der Pastor seufzte . Ja , dieser jungen Seele war nicht zu helfen . Die Saat der Milde und Geduld , die er immer darin auszustreuen bemüht gewesen , konnte nicht aufgehen , wie ein scharfkantiger Pflug ackerte die Zunge der Pastorin das neubesäte Feld immer wieder um . Severina aber ging ins Schloß zurück , von einem mechanischen Gedanken beherrscht , dessen selbstverachtende Bitterkeit ihre Lippen fast wie im Spotte hob und allen ihren Zügen einen in diesem Gedanken erstarrten Ausdruck gab . » Was liegt an mir ? Ich bin zum Elend geboren , « dachte sie . Daß es vielleicht in ihrer Macht sei , durch liebevolle Worte , durch einen beredten Brief , in den sie ihre ganze Gefühlsgewalt hineinlegen könne , mahnend vor Joachim hinzutreten , fiel ihr gar nicht ein . Ihre Betäubung war so groß , daß sie sich nicht einmal wehrte . Ihr einziger Wunsch war , daß man sie ungestört lassen möge . Aber das schien ihr wenigstens heute nicht beschieden . Kaum betrat sie die Schwelle , als Adrienne aus der nächsten Zimmerthür ihr entgegenstürzte . » O , wie habe ich auf Sie gewartet ! Bitte - der Kleine ist krank - es scheint so - ich bin außer mir . Aber vielleicht täuscht es mich . Sie kennen das . « Severina fühlte zwei heiße , weiche Hände ihre eisige Rechte umklammern . Sekundenlang ging ihr ein befriedigendes Gefühl lösend durch das Herz . Das Kind krank ? Joachims Abgott ? Da war es ja , das große Unglück , das diesen dumpfen Zustand der Angst zerriß wie ein Blitzstrahl die Nacht . Willkommen , Krankheit und Tod ! - Dann durchzuckte sie jähe Angst um das Kind . Die auflodernde Grausamkeit erlosch vor dem Schreckgedanken einer Gefahr für seinen Liebling . » Wir wollen sehen , « sagte sie heiser . Unten im Wohnzimmer saß die Kindsmagd und hatte den Kleinen auf dem Schoß . Schon kniete die vorauf geeilte junge Mutter wieder vor ihm und sah ihm bang in die Augen . Diese waren groß und glasig , während die Bäckchen purpurn glühten . Das Kind lag ganz teilnahmslos und atmete kurz . Während Severina über ihm gebeugt stand und es mit scharfen Augen betrachtete , fing es an , den Kopf hin und her zu drehen , die Hände zu ballen , die Beinchen kurz zusammenzuziehen . » Das Kind hat Krämpfe , « sagte Severina kurz . Adrienne schrie auf . » Zahnkrämpfe , « setzte die alte Magd hinzu , » da hilft nichts gegen als Sympathie . Vielleicht ist im Dorf jemand , der besprechen kann . « » Unsinn , « sprach Severina finster , » Zahnkrämpfe gibt es nicht . Dies ist eine Kinderkrankheit wie andere auch . Wir wollen das Kind nach oben tragen . Holen Sie Schnee herein ; es muß kalte Umschläge auf den Kopf bekommen . « » Sollen wir die Pastorin nicht holen ? « fragte Adrienne bang . » Nein , nur die nicht , « sagte Severina hart . » Sie wird Ihnen vorrechnen , daß Sie kürzlich irgendwelche Sünde begangen haben müßten und daß dies die Strafe dafür sei . Sie wird auch die kalten Kompressen für ein unerlaubtes Eingreifen in das Strafgericht Gottes halten . « Adrienne folgte zitternd , mit gesenktem Haupte dem Mädchen , welches auf starken Armen vorsichtig das zuckende Kind trug . Und nach dem hastigen Hinundher der ersten Hilfsmaßnahmen , nachdem ein Knecht mit dem Jagdwagen zum Arzt gefahren war und ein Kübel mit Eisstücken und Schneewasser neben