Das war ein sinniger Gedanke der Dichterin Thusnelda Wechsler . Nachdem sie sein Schweigen über ihre erotischen Gedichte , richtiger , über ihre zahlreichen Liebschaften , die sie darin besungen , mit Champagnerkörben und Zigarrenkisten glaubte nicht mehr ausreichend erkaufen zu können , packte sie ihn am Eitelkeitszipfel . » Nein , schöner , heldenhafter Mann , wie Sie einem der größten Heroen der Kriegs-und Litteraturgeschichte gleichen , ist in der That wunderbar ! Sie sind Cervantes wie er im Buche steht . « » Wer ist Cervantes ? Ich erinnere mich im Augenblick dieses Namens nicht , « entgegnete er mit genialer Ignoranz . » O Sie liebenswürdigster aller Schäker , wie fein Sie mich täuschen wollen . Sie möchten Ihren großen Kollegen verleugnen , weil Sie ihm körperlich und geistig auf ein Haar gleichen : auch er war einarmig wie Sie , ein heroischer Soldat wie Sie , er hatte eine ritterliche Statur wie Sie , er gab ein Blatt heraus wie Sie - später wurde es gesammelt und als Buch veröffentlicht unter dem etwas spanischen Titel Donquixote , kurz : alles stimmt . « Und er : » Natürlich der Donquixote , ah , von dem hab ' ich auch gehört , der erfand ja all ' die dummen Streiche , die man heute noch Donquixoterieen nennt . Natürlich ! « Darauf sie : » Und hier verehre ich Ihnen einen sehr kostbaren Stahlstich , sein Porträt . « Er : » Nach einer ähnlichen Photographie angefertigt , wie ' s scheint . « - » Selbstverständlich . « - Seit jener Zeit hängt das Bild des Cervantes unter dem Spiegel im Redaktionsbüreau der » Kloake « - und der Preßbandit stilisiert seinen polizeiwidrigen Vagabundenkopf nach seinem , genialen Doppelgänger und » Kollegen « , dem Helden von Lepanto . Als seine Alte fragte : » Wen stellt das Bild vor , wer ist das ? « antwortete er ruhig-stolz : » Kollege Cervantes ; er soll mir sehr ähnlich gesehen haben . « Der Preßbandit erwog sogar den Gedanken , ob ' s nicht vorteilhafter und schöner wäre , vom nächsten Semester ab sein herrliches Wochenblatt , statt » Kloake « » Donquixote « oder » Der bayerische Donquixote « zu benennen . Allein die kluge Thusnelda Wechsler riet ihm von der Umtaufe ab . Erstens sei das Blatt unter dem ursprünglichen Namen zu großem Renommee gekommen ; zweitens klinge das Wort echt klassisch , denn die weltbeherrschenden Römer hätten schon eine Kloake mit dem Untertitel » Maxima « gehabt ; drittens habe das Wort außer der lateinischen Klassizität - was in einer ältlichen akademischen Kunststadt wie München schon an und für sich sehr empfehlend sei - einen Stich ins Naturalistische , wodurch die Sympathieen der allerneuesten Richtung in Litteratur und Kunst unfehlbar gewonnen würden , der französische Romanschriftsteller Zola z.B. sei von liebreichen und witzigen Kritikern schon des öftern der Großmeister der Kloakendichter genannt und seine berühmtesten Bücher mit Kloaken verglichen worden ; viertens habe das Wort wie das Blatt , dem es als Überschrift diene , wirklich so viel Lokalfarbe und Lokalgeruch , daß jeder kunstsinnige Münchener die Umtaufe schmerzlich empfinden müßte . Dem Kloaken-Journalisten leuchteten diese Gründe ein . Da er aber doch von dem Titelblatt seines Witzblattes nicht mehr vollkommen befriedigt war , so wollte er demnächst ein Preisausschreiben zur Gewinnung einer geeigneteren Titelvignette veranstalten ; als Prämie gedachte er dem siegreichen Künstler die erschienenen Kloaken-Jahrgänge , stilvoll in Schweinsleder gebunden , sowie eine seidengestickte Fahne und das Prädikat eines Ehrenmitgliedes der Kloaken-Redaktion anzubieten . Jetzt stand noch in der rechten Ecke des Titels ein geharnischter bayerischer Hiesl in einer Positur und mit einem Gesicht , als hätte er Rizinusöl statt Hofbräuhausbier aus seinem Maßkrug getrunken , und links ein Münchener Kindl mit einer so sündhaft verblödeten Fratze , als wäre es vom » Jungferntribut des modernen Babylon « ausgemustert worden . Diese Bilder konnten seinem ebenso originellen wie verfeinerten ästhetischen Gefühl nicht mehr genügen . Um neben seiner lokalpatriotischen und bajuwarischen auch seiner kaiserlich-deutschen Gesinnung gebührend Ausdruck zu verleihen , wollte er schon die Züge des bayerischer Hiesl in die des deutschen Reichskanzlers umwandeln ... Vorläufig mußte das alles Zukunftsmusik bleiben , so lange die wohllöbliche Polizei dem Kloaken-Witzblatt das Leben überhaupt noch so sauer machte . Lagen da nicht wieder drei Briefe mit unheilkündenden großen Amtssiegeln ? Der Preßbandit stierte mit seinem einzigen Auge darauf - nein , er mag sich jetzt seine rosige Stimmung nicht verderben lassen : er wird diese » Uriasbriefe « nicht lesen . Er setzte sich würdevoll in seinen Redaktionslehnstuhl und ließ noch einmal die freundlicheren Briefzeichen auf sich wirken . Dann öffnete er die Zuschrift der Dichterin Thusnelda Wechsler . » Hochzuverehrender Herr Chefredakteur ! Ihre gehorsame Dienerin hat wieder ein neues Buch verbrochen , diesmal einen Band Theaternovellen in Versen - Heyse ' sche Schule ! Darf ich Ihnen das Werk mit einer eigenhändigen Widmung als schwaches Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit zusenden ? Garniert mit einigen Büchsen russischen Sardinen und Kaviar ? Ich versichere Sie , es ist kein Kaviar fürs Volk - von der Tante Meier - sondern wirkliche feinste Primamarke . Ein durchreisender russischer Militär , Freund meines Freundes ... « » Und so weiter , « machte der Preßbandit , den Rest des Schreibens überfliegend . » Das genügt den Kaviar für mich , das Buch für den Antiquar . So gibt ' s besser aus . Eine brave Frau . Hat sich halt wieder einen jungen Leutnant abgerichtet , der Russe geht drein . Schwamm drüber . Leben und leben lassen . Nein , ich werde doch etwas über sie schreiben , ich werde sie über den Schellenkönig , den hochnäsigen Kollegen Heyse und Konsorten , loben . Unsere beliebte vaterländische Dichterin und echt deutsche Hausfrau Thusnelda Wechsler , welche so poetisch und taktfest zwischen Wiege und Schreibtisch Schritt zu halten weiß , ... welche in dem einen Jahr dem deutschen Vaterland einen strammen , das Geheimnis des