Erben unmöglich rechnen konnte . Man hatte gefürchtet , der Schreck über die plötzlich hereinbrechende Katastrophe werde auch für ihn verhängnisvoll werden ; aber er war eigentlich gar nicht sehr erschrocken gewesen ; er hatte weit mehr erstaunt und konsterniert ausgesehen , und war am ersten Tage wie im Traume umhergegangen . Nachher hatte die Kühlheit seines Wesens die Leute im Kontor noch eisiger angeweht , als bisher , und bei dieser Fassung und Objektivität war es auch niemand verwunderlich gewesen , daß er schon am zweiten Tag probiert hatte , wie es sich auf dem verwaisten Schreibstuhl des Heimgegangenen sitze . Die Trauerfeierlichkeiten waren vorüber . Der größte Teil der Versammelten hatte sich entfernt ; nur da und dort zögerten noch einzelne , die sich nicht satt sehen konnten an diesem » letzten Mal « in seiner Pracht und Herrlichkeit . Die hervorragenden Teilnehmer an dem Einsegnungsakt , die Geistlichkeit , die Damen vom Prinzenhofe , der stellvertretende Adjutant des Herzogs und die nächsten Freunde des Hauses , verweilten noch im großen Salon , wo sich auch die Angehörigen des Verstorbenen versammelt hatten . Nur die Tochter des Hauses fehlte . Sie hatte sich hinter die schwarztuchene , das mittlere Fenster mit ihrem reichen Faltenwurf verhüllende Draperie zurückgezogen . Wie verwundet war sie in diese dunkle Ecke geflüchtet . Mußte es sein , dieses Zeremoniell , diese grausame Schaustellung des Toten und der schmerzvollen Trauer der Ueberlebenden ? Hier oben , wo ihr war , als töne der plötzlich abgerissene Akkord eines Menschenlebens in seinen letzten Schwingungen fort , wo sie meinte , der Flügelschlag der geschiedenen Seele müsse mit rückwirkender Kraft nachzittern in dem ehemaligen irdischen Heim , hier hatten die Tapeziere tagsüber gepocht und gehämmert , und unermüdlich waren Tragbahren voll Orangerie treppauf geschleppt worden . - Und mußte es sein , daß sich eine Schar fremder Gesichter um den Sarg drängte , während der Geistliche innige , ergreifende Abschiedsworte sprach ? Aber je mehr , desto größer die Ehre für die Familie ! Mit jedem neuen Wagen , der donnernd drunten vorgefahren , war die zierliche Gestalt der die Honneurs machenden Großmama förmlich gewachsen ... Und was für gedankenlose Redensarten gingen von Mund zu Mund ! Ein plötzlich dazwischentretender Fremder hätte meinen müssen , der Verstorbene sei zeitlebens ein elender Krüppel , ein in jeder Hinsicht darbender , verkümmerter Mensch gewesen , weil ihm ja » die ewige Ruhe , die Heimberufung aus dieser Welt so zu gönnen war « . » Ihm ist wohl ! « In allen Varianten wurde es gesagt ; aber keiner dieser Schönredner wußte , daß gerade in seinen letzten Lebensstunden eine geheimnisvolle Mission sein ganzes Denken und Wollen durchdrungen und ihn zur Ausführung unwiderstehlich gedrängt hatte . Er hatte keine Ahnung davon gehabt , daß der Tod mit ihm reite , als er sein Haus verlassen . Draußen in der Fabrik war er der Ruhigste unter den durch die Verwüstungen beunruhigten Leuten gewesen . Er hatte überall die Schäden besichtigt und seine Befehle gegeben ; dann war er heimwärts geritten - und da hatte es ihn gepackt . Vom Schwindel überfallen , war er vom Pferde gestiegen und hatte noch Kraft genug gefunden , das feurige Tier festzubinden und sich auf den weichen , laubbestreuten Moosboden hinzustrecken . Wer aber konnte wissen , welche Schrecken das plötzlich hereinbrechende Todesgefühl hinter der jetzt so glatten , kalten Stirn kreisen gemacht ? Fortgerissen , ohne erfüllt zu haben , » was ein Ende nehmen sollte und mußte « - kam wirklich ein so völliges Vergessen über die entführte Seele , daß » ihr wohl « war , wie alle diese Leute wissen wollten ? Die letzten der noch im Flursaal anwesenden Leute waren gegangen , und es war so feierlich still geworden , daß man über das gedämpfte Stimmengemurmel im Salon hinweg das vereinzelte Knistern der herabbrennenden Wachskerzen hören konnte ... Da kam der Maler Lenz aus dem tiefen , dunkelnden Hintergrunde des Flursaales , er mochte wohl während der ganzen Zeremonie unbeachtet dort gestanden haben . Der alte Mann war nicht allein , sein kleiner Enkel ging mit ihm und schritt auf das Geheiß des Großvaters unverweilt nach dem schwarzbeschlagenen , um einige Stufen erhöhten Podium , auf welchem der Sarg stand . Der Kleine war eben im Begriff , den Fuß auf die erste Stufe zu setzen , als Reinhold wie toll aus dem Salon geschossen kam . » Da hinauf kannst du nicht , Kind ! « stieß er kurzatmig , mit unterdrückter Stimme , aber sichtlich empört hervor und zog den Knaben am Arme zurück . » Erlauben Sie , daß mein Enkel die Hand küßt , die - « Der alte Maler kam nicht weiter , so bescheiden er auch seine Bitte vorbrachte . » Das geht nicht , Lenz - so verständig sollten Sie doch selbst sein ! « unterbrach ihn der junge Mann kurz abweisend . » Was hätte denn werden sollen , wenn alle unsere Arbeiter mit diesem Ansinnen an uns herangetreten wären ? Und Sie werden mir doch zugeben , daß Ihr Enkel nicht um ein Titelchen mehr Recht hat , als die Kinder unserer anderen Leute - « » Nein , Herr Lamprecht , das kann ich Ihnen nicht zugeben . « versetzte der alte Mann rasch . Das Blut stieg ihm dunkel ins Gesicht . » Der Herr Kommerzienrat war - « » Mein Gott , ja , « - gab Reinhold mit einem ungeduldigen Achselzucken zu - » der Papa war allerdings oft unbegreiflich nachsichtig ; aber so wie er im Grunde dachte , läßt sich durchaus nicht annehmen , daß er dem Jungen eine solche intime Annäherung im Beisein vornehmer Freunde « - er zeigte nach dem Salon zurück - » gestattet haben würde . Ich muß ihn deshalb auch zurückweisen ... Geh du nur hin ! « - er schob das Kind an den Schultern weiter und zeigte nach dem Ausgang - » dein Handkuß ist nicht vonnöten