Luft hoch oben und sich jagen und schwingen und zwitschern , das ist dann mehr . Ich wußt es wohl , aber ich vergaß es , weil ich ' s vergessen wollte . « So sprach er vor sich hin und trat dann vom Fenster her wieder an seinen Arbeitstisch zurück , auf dem in geschnitztem Rahmen eine Photographie Franziskas stand . Er nahm sie von der kleinen Staffelei . » Das war damals , als wir in Riva waren ; ich entsinne mich noch des Tages . Und wie klug und ruhig sie mich anblickt . Aber darf sie ' s nicht ? « unterbrach er sich plötzlich , und unter ihrem ruhigen Blicke schien ihm selber etwas wie Ruhe wiederzukommen . » Was weiß ich am Ende ? Was hab ich in Händen ? Ich habe nichts als den Ring , auf den hin ich den Schwiegersohn des alten Brabantio spielen könnte . Soll ich ' s ? Soll ich aus der Taschentuch- eine Ringszene machen und ihr statt des entsetzlichen the handkerchief das etwas besser klingende the ring , the ring zurufen ? Es gibt hundert Ringe , hunderttausend , und der Boden , auf dem ich steh , ist recht eigentlich der Fruchtboden aller bösen Einbildungen . « Und so fuhr er fort , seinen Verdacht geflissentlich einzulullen und alles , was ihm eben noch als Beweis gegolten hatte , wieder wegzubeweisen . In aller Frühe war er auf und fand sich pünktlich um neun Uhr beim Frühstück ein ; aber Franziska fehlte noch , und statt ihrer erschien Hannah und meldete : die Gräfin ließe sich entschuldigen , auch für den Tag ; aber zum Tee werde sie drüben bei Gräfin Judith sein und hoffe den Grafen dort zu treffen . » Was ist es , Hannah ? « » Ein Fieber . Sie hat kein Auge zugetan . « » Ein Fieber . Ist das alles ? Ich finde die Gräfin seit kurzem so verändert . Was meinst du ? « » Verändert ? Vielleicht ... Ich weiß es nicht ... « » Ich weiß es nicht « , wiederholte der Graf , als Hannah gegangen war . Und damit brach alles , was er mühsam von sich wegbewiesen hatte , wieder über ihn herein und ließ sein ganzes Trostgebäude zusammenstürzen . » Ich weiß es nicht . Wahrlich , es klang fast , als ob ich Franziska selber darum befragen solle . Soll ich es ? Sie würde sich mir unterwerfen und nichts leugnen und ihre Schuld auf sich nehmen ... Aber ach , was schwatz ich nur ! Ihre Schuld ? Schuld , Schuld ! Daß das häßlich anmaßliche Wort mir immer wieder auf die Lippe tritt , daß ich es nur zu denken wage ! Hab ich ihr nicht selber im voraus den Ablaßzettel in die Hand gegeben ? Bin ich nicht das Kind , das etwas wiederfordert , das es zuvor weggeschenkt hat ? Bin ich nicht der Gläubiger , der bis Ultimo warten will und am dritten Tage schon nach Zahlung verlangt ? Und wenn ich den Ausgang aus dem Wirrsal nicht finden kann oder wenigstens nicht den , der ins Lichte führt , wer ist schuld ? Wer ? Ich , ich allein . An mir ist es , die Konsequenzen eines falschen Exempels auf mich zu nehmen , und ich will es und werd es . « So stürmten Fragen und Betrachtungen auf ihn ein , aber nach einer Weile fuhr er ruhiger fort : » Eine der lästigsten Erscheinungen in Leben und Gesellschaft ist mir immer der Störenfried gewesen ; ich mag seine Rolle nicht spielen . Und zudem , was ist der einzelne ? Nichts . Und nun gar der einzelne , wenn er gelebt hat und seine Tage hinter ihm liegen . Es kann auch ein Glück sein , ein letztes und höchstes , dem Glück an derer die Wege zu bereiten . « Er rief Andras , ließ sich ankleiden und ging in die Stadt , um inmitten ihres bunten Treibens den Tag zu verbringen . Er freute sich an allem und war in der Stimmung wie jemand , der aus einer schönen Gegend scheidet und im Abschiede sich das Bild derselben noch einmal fest und warm ins Herz prägen will . Er sah in Sankt Stephan hinein , wo man eben ein Hochamt zelebrierte , ging dann den Kohlmarkt hinunter und trat in die Kirche der Augustiner , zu der das Haus Petöfy von alter Zeit her hielt . Ein paar Lichter brannten , ein Wispern und Murmeln ging , und er sah still auf die Stelle vor dem Altar und gedachte des Tages , des Tages seiner Vermählung , an dem er das letzte Mal hier gestanden hatte . Dann verließ er die Kirche wieder , nahm sein Diner , las eine Zeitung und vergnügte sich eine Weile vor der » Burg « , wo die Vorstellung eben begonnen haben mußte . Danach ging er wieder auf sein Palais zu , denn die Stunde war nahe , wo man sich bei Schwester Judith zu versammeln pflegte . Wirklich , Franziska war da . Sie saß neben Feßler und plauderte mit ihm in jenem neckischen Tone , der von ihrer ersten Begegnung an zwischen ihnen beibehalten war und namentlich dem Pater ein ersichtliches Behagen weckte . Zur andern Seite hatte Graf Pejevics Platz genommen , und nur Egon fehlte , was Feßler veranlaßte , nach dem » Jüngstverwundeten der kaiserlichen Armee « zu fragen , aber zugleich auch nach dem » mitlädierten Inkulpaten , dem kleinen Ringe « - Fragen , an die sich dann wie von selbst ein Gespräch über Ringe und Ringinschriften anschloß , zu dem jeder nach Kräften , am meisten aber Graf Pejevics beisteuerte , der ein Numismatiker war und durch allerlei Kuriositäten und Niedlichkeiten überraschte . Nur Feßler hatte geschwiegen , bis er zuletzt , nach seiner Lieblingsdevise befragt , unter Lächeln bemerkte , daß es sonderbarerweise