Ihr mir vor zwanzig Jahren gesagt hättet : Ich will nicht , daß dies Kind ein Sellner ( korrumpiert aus Söldner , Soldat ) wird - schreibt es als Mädele ein - ich hätt ' s um hundert Gulden getan . Oder : Schreibt ihn gar nicht ein , hätt ' nicht viel mehr gekostet ... Aber jetzt ... jetzt könnt ' ich ihn höchstens sterben lassen ... « » Sterben ? ! « » Ja - freilich müßt ' er dazu nach Tluste gehen , der hiesige Doktor macht solche Sachen nicht . Dort wird ihm ein Totenschein ausgestellt ... erschreckt nicht , solche Leut ' leben am längsten . Freilich muß er dann für einige Jahre nach Rußland gehen oder nach Rumänien , bis er unter anderem Namen zurückkommt ... Das ist das Sicherste , das einzige Sichere , aber es kostet fünfhundert Gulden ! « » So viel hab ' ich nicht ! « murmelte sie mit bleichen Lippen . » Wißt Ihr keinen anderen Weg ? ! « Luiser Wonnenblum zuckte die Achseln . Er kannte deren genug , aber keinen , wo er auch etwas verdienen konnte . Weil aber die Frau so gebrochen war , so meinte er : » Ich kenn ' keinen ... Ein ehrlicher Mann hat mit solchen Sachen nicht gern zu tun ... Aber - fragt doch andere ! « Frau Rosel wandte sich an den Mann , dessen Pflicht es war , den Witwen und Waisen beizustehen , den Rabbi der Gemeinde . Das war ein Mensch anderen Schlages als Luiser , fromm und gewissenhaft , beides freilich nur im Sinne des starren , düsteren Glaubens seiner Sekte . Er galt - und das wollte wahrlich etwas heißen - als der schlimmste , härteste Fanatiker unter den galizischen Chassidim , freilich auch als ein Mann von untadeliger Ehrlichkeit . Aber auch er fand das Bestreben , auf Schleichwegen der Militärpflicht zu entgehen , nicht sündhaft , im Gegenteil , Gott wohlgefällig - wer » Sellner « geworden , konnte ja die Speisegesetze nicht einhalten ! Und vielleicht gab es damals - heute ist es anders und besser - keinen Menschen im Kreise , der anders dachte . Dem Städter und dem Bauer , dem Polen , Ruthenen und Juden - ihnen allen war jedes Mittel recht , den Staat um die Blutsteuer zu betrügen . Und vielleicht gereichte diese Anschauung nicht ihnen allein zur Unehre , sondern auch dem Staate , der nun acht Jahrzehnte über jene Landschaft gebot , ohne ihre Bewohner zu einer sittlicheren Auffassung ihrer Pflicht erzogen zu haben . » Schlimm « , sagte Rabbi Manasse Kirschenkuchen , » sehr schlimm ! Vielleicht ist es eine Strafe Gottes ! Ich will ' s nicht Euch zum Vorwurf sagen , ich bin ja mitschuldig . Aber recht war ' s von uns beiden nicht ! Das kommt von den Heimlichkeiten - wir hätten dem Knaben seine Abstammung nicht verhehlen sollen . Wir haben ' s aus gutem Herzen getan , um ihn vor seines Vaters Schicksal zu bewahren , aber das hätte sich vielleicht auch richten lassen , ohne auf unser Haupt Sünde zu häufen . Dem armen Mendele lebt ein Sohn , aber der weiß nichts von seinem Vater und sagt ihm an seiner Jahrzeit ( Sterbetag ) keinen Kadisch nach . Um das haben wir den Toten betrogen - « » Ich laß die Jahrzeit seiner Eltern halten « , beteuerte Frau Rosel , » freilich durch einen Fremden ... « » Gott hat aber geboten « , sagte der Rabbi bekümmert , » daß es das eigene Fleisch und Blut tut . « » Und dann betet er aus seines Vaters Gebetbuch « , fuhr sie zu ihrer Entschuldigung fort . » Ich hab ' s ihm gegeben , es war ohnehin sein einziges Erbe ! ... Und gibt es auf unserem guten Ort ( Friedhof ) zwei besser gepflegte Gräber , als die von Mendele und Miriam ? ! « Der Rabbi seufzte . » Das wird uns vor Gott nicht entlasten « , sagte er . » Und dann noch eine Sünd ' : Sender ist über zwanzig Jahr ' alt und hat noch kein Weib ! Ich weiß , es ist nicht Eure , sondern seine Schuld - aber eine Sünd ' bleibt ' s doch . Und für die Rekrutierung ist es auch nicht gut . Freilich muß die Kommission auch verheiratete Leut ' nehmen - gottlob sind die meisten Juden schon mit zwanzig Jahren verheiratet . Aber wenn so ein junger Mensch vor den Herren weint : Mein Weib , meine vier Kinder ! so nehmen sie doch lieber einen anderen , der keine Kinder hat , und am liebsten einen Ledigen ... Ein Lediger , Frau Rosel , ist schon gar verloren ! Ihr solltet doch noch einmal mit Reb Itzig sprechen - es sind ja noch drei Monate Zeit ... « » Ich werd ' es tun « , versprach sie . » Aber das allein bringt ihn ja nicht frei . An wen soll ich mich sonst wenden ? ! « » Da ist nicht leicht raten - « erwiderte der Rabbi , » es ist ja ein notwendiges Geschäft , aber ehrliche Leute betreiben es nicht . Wollt Ihr die Kommission bestechen , so sind der Herr v. Wolczynski und Dovidl Morgenstern die anständigsten Vermittler , wollt Ihr lieber einen Fehlermacher nehmen , so rat ' ich Euch zu Srul , dem Cyrulik ( Bader ) , oder zum Wundarzt Grundmayer . « Schon am nächsten Tage eröffnete Frau Rosel die Verhandlungen . Itzig Türkischgelb , den sie zunächst zu sich entbot , schüttelte wehmütig den Kopf . » Wer bin ich ? « sagte er gekränkt . » Antwortet mir zur Güte , Frau Rosel ! Bin ich Reb Itzig , der geschickteste Schadchen ( Heiratsvermittler ) im ganzen Land , oder bin ich es nicht ? Braucht man mich noch daran zu