seinen Faden wiederzufinden ; aber er gab es schnell auf und schloß mit der konfus und undeutlich hervorgestotterten Versicherung , daß er in acht Tagen , wenn das Schicksal es erlaube , da fortfahren werde , wo er jetzt endige . Das Schicksal , soweit es sich an dem heutigen Abend durch den Polizeidirektor Betzendorff vertreten ließ , lächelte fein und verbindlich ; es pflegt das bekanntlich häufig so zu machen , auch in Fällen , wo seine Schlußentscheidung noch lange nicht feststeht . Folgte das Getümmel des Aufbruchs und riß alle in dem gewöhnlichen ungemütlichen Durcheinander aus dem Saale fort , die bleiche , erregte Nikola unter dem Schutze der Mutter , des Gatten und des Herrn von Betzendorff . Mit den verschiedenartigsten Gefühlen drängten sich die Freunde um den verwirrten , schwitzenden , betäubten Redner , der nicht ein Wort von dem , was sie ihm zu bemerken hatten , verstand . » Van der Mook , van der Mook ! « murmelte er , sich gegen die Türe drängend ; aber der Befreier war verschwunden , und Täubrich-Pascha , der Wächter an der Türe , hatte nur gehorcht , aber nicht gesehen . Der spukhafte Finger und die gespenstische Faust duldeten keine zu laute und zu sehr das Aufsehen der Menschen erregende Nachforschungen ; es blieb dem fiebernden Mann aus dem Tumurkielande nichts anderes übrig , als sich den Freunden wieder anzuschließen und eine sehr zerstreute und geistesabwesende Hauptperson bei dem feierlichen Mahl zu sein , welches der Professor Reihenschlager oder vielmehr des Professors Tochter ihm , dem Vetter Wassertreter und dem Ritter von Bumsdorf hatte bereiten lassen . Neunzehntes Kapitel Es war ein braves Essen und machte dem Charakter der kleinen , wackern Serena alle Ehre . Der Wein des Professors war recht zu loben ; wäre nur auch die Gemütsverfassung der Schmausenden zu loben gewesen . Sie ließ alles zu wünschen übrig : selbst auf die heitere Seele des Vetters Wassertreter drückte allmählich ein schwarzes Gewölke ; der Gastgeber war still und nachdenklich , die Tochter fast noch stiller und nachdenklicher , und der Ritter von Bumsdorf aß und trank , aber ohne Genuß . Ein umgekehrter alter Ägypter , hatte er nicht seinen verstorbenen Großvater , sondern seinen höchst lebendigen Herrn Sohn sich gegenüber an der Wand lehnen und ließ sich von ihm den guten Humor mit ebensolcher Berechtigung verderben wie irgendein thebanischer oder memphitischer Grundbesitzer vor viertausend Jahren den seinigen durch die anrüchigste Ahnenreihe . Wie immer vergnügten sich diejenigen am meisten , die Gewinn und Verlust des Tages oder der Stunde am wenigsten berechnen konnten . Täubrich-Pascha war fest überzeugt , daß sein Patron , wie er sich ausdrückte , heute gradso einen großen Sieg über die Residenz gewonnen habe als der König Xerxes von Griechenland über den Kaiser Alexander von Persien . Sievers , der stahlherzige Vasall des Hauses Bumsdorf , hatte einen Taler von seinem jungen Herrn Hugo empfangen und hielt ihn im seligsten Bewußtsein fortwährend warm in der linken Hand und in der linken Tasche seiner gelben ledernen Hose . Beide , der Pascha und der Vasall , saßen in der Küche des Hauses Reihenschlager , und beide Mägde des Hauses hatten Befehl , ihnen den Aufenthalt drin so angenehm als möglich zu machen . Als die Glocke der Mitternacht erklang , fand es sich , daß die Zeit in den untern Räumen des Hauses viel schneller und angenehmer hingegangen war als in den obern , und es bedurfte längerer und dringender Überredung , um den biedern Knappen zu bewegen , die Rieke vom rechten Knie freizulassen und seinem Ritter in den Pelz zu helfen . Pilz und Schaumlöffel hatten viel von ihren Studentenjahren gesprochen , aber die besten Schnurren in Anbetracht der Gegenwart des Fräuleins für sich behalten müssen . Der Herr von Bumsdorf hatte mit dem Fräulein Ökonomie - Gartenwirtschaft , Milchwirtschaft und Federviehzüchtung - getrieben . Von der Vorlesung war kaum noch die Rede gewesen , und Leonhard Hagebucher durfte sich seinen unruhigen Gedanken , dem Gewimmel von Fragezeichen in seiner Seele ungestört hingeben : jeder der Anwesenden hatte sich vorgenommen , ihm seine Ansichten über den Abend in einem ruhigen Augenblick ausführlich mitzuteilen ; allein diese stille Minute hatte sich für niemanden gefunden . Es war übrigens auch besser so . Als die Herren aufbrachen , drückte der koptische Professor seinem Mitarbeiter an der großen Grammatik die Hand und sprach dumpf : » Morgen , lieber Hagebucher ! « Und Hagebucher antwortete zerstreut : » Es wird sich wohl für alles eine Zeit finden ! - Fräulein Serena , ich danke herzlich für die gütige Bewirtung . « » O ich habe zu danken ! « rief die kluge Tochter des gelehrten Vaters . » Sie haben uns heute ganz andere Dinge , als in meinem Kochbuche zu finden sind , zusammengerührt und aufgetragen ! Nun , der liebe Gott möge jedem von uns einen gesunden Schlaf nach der Aufregung verleihen . « » Ein guter Wunsch ! Wollen Sie einen Kuß dafür , Liebchen ? « rief der Vetter Wassertreter , aber Serena versteckte sich lachend und kopfschüttelnd hinter dem Papa , und auch der Wegebauinspektor fuhr endlich in seinen Pelz . Man nahm Abschied ; dreimal nahm man Abschied . Zuerst an der Tür des Speisezimmers , sodann oben und zuletzt unten an der Treppe ; an der Haustür aber faßte der Vetter den Hospes in die Arme , streckte ihm den Kopf über die rechte Schulter und stöhnte : » O Pilz , dein Keller ! « , streckte ihm den Kopf über die linke Schulter und seufzte : » O Pilz , dein Herz ! « , schob ihn sodann von sich , legte ihm beide Hände auf die Schultern , blickte ihm gerührt in die Augen und stammelte unter einem langen , langen Kuß : » O Pilz , deine Tochter ! ... Gute Nacht , Pilz ! « - Es kostete einige Mühe , die beiden alten Herren und