gab es um diesen schwarzen Fleck . Was wird aufwachsen aus dem Schutt und den Trümmern , aus dem Kummer und der Verzweiflung aller derer , welche verloren haben und welche jetzt noch so fest überzeugt sind , niemals wieder gewinnen zu können ? ! Siebenzehntes Kapitel Unter dem Schutt und der Asche - unter den Trümmern ! Drei vor allen andern Unglückliche hatte der Funke gemacht , welcher in der Fabrik von Semmelroth und Kompanie in einem toten Aschenhaufen geschlafen hatte , welcher erwacht und gewachsen war , welcher sich gereckt und gedehnt und in seine feurigen Umarmungen so vieles hineingezogen hatte . Die drei vorzugsweise zu Bedauernden waren der reiche Bankier Wienand , der alte Schreiner Johann Tellering und - Fräulein Aurora Pogge aus Nummer zwölf in der Musikantengasse . In verschiedener Weise litten sie , aber alle litten schrecklich ; in verschiedener Art trugen alle das Schreckliche , aber ertragen mußten sie es . Das Feuer ließ dem Bankier viel mehr , als die meisten Menschen jemals besessen haben und besitzen werden ; aber es nahm ihm auch unendlich viel ; es entriß ihm den besten Teil seines Ichs , seine Energie , die Spannkraft von Körper und Geist , in welcher allein für den Unglücklichen die Hoffnung künftiger Erfolge liegt . Man sprach viel in der Stadt über dieses phänomenartige Zusammenbrechen eines so eisernen Charakters ; die Ärzte machten es zum Thema mancher wissenschaftlichen Untersuchung ; und es ist sogar später in ihren Zeitschriften davon die Rede gewesen . Der Sanitätsrat Pfingsten als Hausarzt des Kranken wollte lange nicht an solche Möglichkeit glauben und hielt den Zustand für eine momentane , vorübergehende Erschöpfung durch Schreck , körperliche Aufregung und Überanstrengung . Es war aber kein momentaner Zustand ; - es blieb mit dem Bankier fürs erste , wie es war - er war ein geschlagener Mann . Mit lächelnder Miene wäre , wie schon gesagt , der Bankier jedem vorherberechneten Unglücksfall entgegengetreten ; das Unvorhergesehene traf ihn mit vollster Wucht , ohne daß er einen Schild zur Abwehr bereiten und vorhalten konnte . Tief sollte diese kluge , klare Stirn in den Staub gedrückt werden . Die ersten Tage nach der Feuersbrunst hatte der unglückliche Mann mit seiner Tochter in der Wohnung seiner alten Freundin , des Freifräuleins von Poppen , zugebracht ; und wieder einmal zeigte sich die alte Dame als seine treueste Helferin in der Not . Sie konnte freilich dieses Mal nicht viel helfen ; ihre Ermahnungen , ihre Vorstellungen , ihre Vorwürfe prallten an der krankhaften Apathie des Bankiers wie an einem Panzer ab ; und es sollte noch schlimmer kommen mit ihm . Vergeblich mühten sich auch die andern Freunde , die Geschäftsgenossen des berühmten Geldmannes , ihm das Leben wieder von einer bessern Seite zu zeigen , ihm die geretteten Fonds , den unerschütterten Kredit in die Erinnerung zu rufen . Der Kranke hörte ihnen stumpfsinnig lächelnd zu , schüttelte den Kopf und fing wieder an , an den Fingern zu zählen und das Einmaleins herzusagen . Stundenlang konnte er so sitzen und in einen Winkel starren , teilnahmlos für alles , was um ihn her vorging , teilnahmlos für die Bekannten , die Kollegen von der Börse , teilnahmlos für die alte Juliane , teilnahmlos sogar für seine Tochter , die arme , bleiche , weinende Helene . Man griff zu einem neuen Mittel . Man mietete ihm in der Kronenstraße eine Wohnung - dem Hause der Baronin von Poppen gegenüber - , man richtete ihm daselbst ein elegantes Geschäftszimmer ein ; - er weinte , als man ihm seine Firma auf dem blanken Messingschild an der Tür zeigte ; er setzte sich vor das große leere Hauptbuch , welches man ihm auf den Arbeitstisch gelegt hatte , stützte das Haupt mit den Händen und weinte - weinte bitterlich . Es sollte aber noch viel schlimmer kommen ; die Verwirrung seines Geistes hatte noch lange nicht den höchsten Grad erreicht ; die fixe Idee , daß er sich und seine Tochter nicht mehr ernähren könne , daß er den Hungertod sterben müsse , griff immer mehr in seinem kranken Hirn Platz und zeigte sich auf die seltsamste , traurigste und verschiedenartigste Weise . Wir werden leider damit noch mehr zu tun haben und brechen hier ab , um den Leser zu dem zweiten Ort der Schmerzen zu führen . - Dunkel war der Hof von Nummer zwölf der Musikantengasse , noch dunkler fast die niedere Wohnung , deren Fenster auf den engen Raum gingen , wo einem der Hut vom Kopf fiel , wenn man nach dem Stückchen blauen Himmels über den Dächern sehen wollte . Aber wieviel Sonnenschein hatten die guten Menschen , welche hier wohnten , in diese dämmerigen Räume hineingetragen ! Diese dunkeln Wände hatten oft heller geglänzt als königliche Säle voll unzähliger Wachskerzen . Da war ein Winkel hinter dem Ofen , ein Winkel , in welchem ein uralter Lehnstuhl stand , und Winkel und Lehnstuhl hatten einen Schein von sich gegeben , der mit nichts zu vergleichen war . Jeder Gegenstand in der Wohnstube , der Werkstatt , den Kammern , der Küche hatte sein eigenes Leuchten gehabt ; echtester , wahrster Goldglanz hatte den Hammer , den Topf , den Kessel umspielt , Fluten von Licht hatte der ärmliche Spiegel über das Gesichtchen Luise Tellerings gegossen - nun sollte alles erlöschen , alles in die tiefste Finsternis versinken . Wie die Hand der Frau Anna das verdunkelnde Tuch über den Käfig des Kanarienvogels hing , damit der kleine fröhliche Sänger den kranken Meister nicht auch noch störe im qualvollen Fieberschlummer , so warf das Geschick den schwarzen Schleier über das ganze arme Hauswesen . Mit gesträubten Federn und eingezogenem Köpfchen saß der Vogel auf der Stange und wunderte sich über die lange Nacht , welche gar kein Ende nehmen wollte , und ebenso verstört , verschüchtert , aber viel schmerzenreicher saßen Mutter und Kinder der Familie Tellering um das Lager des unsäglich leidenden