gern den ersten Schneider ins Haus schicken , und später werden ihr ganz andere Leute Kleider machen lassen . Ja , ja ! « Das Lächeln der Obristin gefiel Adelheid nicht , auch mißfiel ihr , daß die Tante immer , um sie herauszustreichen , ihre Nichten demüthigte . Ohne sie zu beachten , erbot sie sich deshalb gegen Jülli , wenn sie ein neues Kleid bedürfe , es ihr zuzuschneiden , auch , wenn sie es wünsche , ihr Unterricht im Schneidern zu geben , so gut sie es eben könne . Die Tante war von dem Anerbieten sehr gerührt , bei der Jülli könnte es vielleicht noch anschlagen , aber die Karline wäre gar zu faul : » Wer den Unterricht zu schätzen weiß , und was lernt , aus dem kann alles werden , und oft habe ich ihnen das gesagt . Nun sehen sie es mal mit Augen vor sich . Ja , mein liebes Engelchen , - verzeihen Sie schon , Fräulein Adelheid , daß ich so zu Ihnen rede , aber ich kann gar nicht anders , wenn ich Ihnen ins liebe Gesicht sehe , - ja , das muß ich Ihnen auch sagen , seit ich die Ehre habe , Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben , da ist mit Ihnen auch schon eine Veränderung vorgegangen . Ach , Sie haben einen vortrefflichen Lehrer . « Adelheids Gesicht leuchtete auf : » Kennen Sie ihn ? « » Habe nicht die Ehre , aber ich wollte wetten , er heißt Cupido . « » Nein , er heißt van Asten . Und seine Stunden sind gar nicht wie Stunden . Es plaudert sich so fort , und sind immer zu End ' , ehe wir es versehen . Ich schäme mich zuweilen , wenn er fort ist , daß ich so wenig aufgeschrieben habe , aber wenn ich mich hinsetze , um es niederzuschreiben dann muß ich oft einen ganzen Tag schreiben und noch mehr . Ich thue es nun gar nicht mehr , denn ich behalte doch alles auswendig . « » Ist ' s die Möglichkeit ! « » Manchmal ist ' s mir wie einem Vogel zu Muthe , als schwebte ich hoch in die Luft , unter mir sähe ich Berge und Städte und Flüsse . So weiß er das alles klar zu machen , wenn er erzählt . Da ist mir oft , als müßte ich das Umschlagetuch zusammenziehen , wenn er die kalten Länder beschreibt , wo ewiger Schnee liegt und Eis . Und wenn er die heißen schildert , da wird ' s mir so heiß , so heiß - ach , ich rede gewiß recht dummes Zeug , es ist nur gut , daß es Herr van Asten nicht hört . « » Ach , liebe Seele , Engelchen , das versteh ' ich . Wer das einmal gekostet hat , wie ' s draußen schön ist in der Welt , der möchte immerfort fliegen . Na nu versteht sich , fliegen kann keiner von uns , denn wir haben keine Flügel . Aber zwei Füchse vorgespannt vor den Wagen , oder noch besser viere , Extrapost , und nun , Schwager , ins Horn gestoßen und geknallt , über Berg und Thal , und Sonnenschein und überall geputzte und frohe Menschen . Das ist ein Leben , mein Engelchen . Berlin ist eine hübsche Stadt ; aber , ach Gott , was giebt ' s noch für andere ! Das zu sehen und sich erklären zu lassen ! Und Herr van Asten müsste neben Ihnen im Wagen sitzen ! Na , das wäre doch ein Leben wie alle Tage Sonntag . Ihnen gönne ich ' s. ' S kommt auch mal so . Was man sich wünscht , das kommt . « Adelheid schwieg betroffen . Hatte sie sich denn das gewünscht ? » Nein , liebe Frau Obristin , daran habe ich gar nicht gedacht . Neulich , da schämte ich mich fast , daß ich noch nicht in Potsdam gewesen , und daß Sie aus Leipzig kamen , aber jetzt - jetzt ist mir gar nicht , als wenn das nöthig wäre . Wenn Herr van Asten mir von den fremden Ländern erzählt , so brauche ich gar nicht zu reisen . « » Ist das ein himmlisches Gemüth ! - Und wie sie die Chokolade nippt , seht Euch mal das an . Wo sitzt auf ihren Lippen nur ein Tröpfchen , und wie Ihr immer schlürft . Die Schaale fasst sie doch an , als hätte sie ' s bei Hofe gelernt . - Nu müssen Sie auch mal in die Untertasse sehen , das ist ein Spiegel , da sieht Adelheidchen sich selbst . « Adelheid ließ die Porzellantasse beinahe fallen . » Die Venus ! das ist ja die Venus ! « kreischten die Mädchen . Die Tante wollte über die Atrappe sich ausschütten vor Lachen , aber als sie Adelheids Verlegenheit bemerkte , nahm sie rasch die Untertasse in die Hand , und meinte , da müsste sie sich vergriffen haben , denn sie habe noch eine Tasse , wo die Venus ein Umschlagetuch hat . Adelheid hatte wohl von der Venus gehört , aber in der Mythologie und Geschichte sollte der Unterricht später anfangen , weil Herr van Asten sie zuvor die Erde und ihre Bewohner , wie sie ist und sind , habe kennen lernen wollen , ehe er zu den Menschen überginge , die vormals gelebt , und was sie geglaubt und sich vorgestellt . Dagegen entwickelte die Frau Obristin in dieser Wissenschaft einige Kenntniß und schien sie mit Vergnügen auszukramen . Sie wusste namentlich viel von Najaden und Dryaden , von den Metamorphosen , und sogar von Ovid , der ein charmanter Dichter gewesen , daß Adelheid über ihre Gelehrsamkeit erstaunte . Sie hatte auch in ihrer Jugend bei Hofe den kleinen Schauspielen zugesehen , wie man die Götter und Göttinnen anzog , und