Alles . Mürrische und melancholische Menschen nannte sie im Geheimen eitel oder schlechterzogen . Sie duldete an ihrem Manne nie das träge schleichende Aufkommen einer griesgrämigen Stimmung , von der der alte Bonvivant keineswegs ganz frei war . Sie ließ allen seinen Neigungen und Leidenschaften ohne Ausnahme die Zügel schießen , beförderte sie sogar oder schloß die Augen zu denen , die seinem Alter nicht ziemten . Das waren Erscheinungen , die uns wol misfallen können , aber mit ihrer Wahrheitsliebe und ungeschminkten Natürlichkeit nicht im geringsten im Widerspruche lagen . Sie wollte eben nur das Natürliche . Sie war eine Frau , von der man sagen mochte : Sie ist eine Najade ; ihr Element ist das reine , frische , klare Quellwasser . Sie badete auch täglich . Und so war ihr auch zugleich geistig jedes » Muffige « , wie sie ' s nannte , verhaßt . Ein langer Kampf mit Leidenschaften schien ihr völlig nutzlos . Sie nahm ihren Mann , wie er war ; sie nahm Melanie , wie sie war . Nur reinlich , nur sauber , nur frische Wäsche und frischer Muth ! Das Übrige war ihr , wie sie ' s nannte , meistentheils » dummes Zeug « . Hannchen Schlurck , aus einer einfachen , aber bemittelten Bürgerfamilie , war dabei gar nicht unbelesen , gar nicht ungebildet und vollkommen fähig , in der großen Welt zu repräsentiren . Schlurck ' s » Hannchen « war ein Philosoph wie ihr Gatte . Auf den Genuß hielt sie selbst für sich gar nichts . Sie schenkte Andern Champagner in Strömen ein , trank aber selbst nicht . Und Melanie hatte Ähnlichkeit mit ihr . Die Mutter , verschweigen wir es nicht , die Mutter hätte von ihrer Tochter das Schlimmste vernehmen können , sie würde nur bedauert haben , wenn Melanie dabei » dumm « gehandelt hätte . Ob sie sich dieselbe Freiheit gestattete ? Ob sie sich in allen Beziehungen beherrschte ? Es ist darüber schwer Etwas zu sagen .... Nur behauptete man , daß Bartusch , das Factotum ihres Mannes , einen größern Einfluß auf sie hatte als Schlurck selbst , der nach ihrem Sinne nicht immer praktisch war . Das hinderte aber nicht , daß der Justizrath mit vollem Rechte oft laut rühmen durfte : Er besäße in seinem saubern , klugen , runden , netten Hannchen die vernünftigste und respectabelste Ehefrau von der Welt ! Frau Pfannenstiel , die hier nur » geduldet « wurde » aus Rücksichten « , die elegante Frau von Reichmeyer hatten sich bereits eingefunden . Etwas später kam in sehr gewählter Toilette auch Frau von Zeisel , eine sehr bestimmt auftretende unruhige , anspruchsvolle und doch gar kleinstädtische Dame . Auch die bescheidene Frau des Pfarrers Guido Stromer stellte sich mit diesem selbst ein . Herr von Zeisel , dem zuviel daran lag , die Gunst des allgewaltigen Administrators zu behalten , schlenkerte neben seiner Gattin her ; so lang und weitläufig er an Gestalt war , hatte er doch etwas Windspielartiges . Auch Herr von Reichmeyer kam mit Briefen und Zeitungen , die man ihm natürlich sehr gern für sich zu lesen gestattete , um nur seine üble Laune nach dem gewagten Ritte und dem nicht günstigen Resultat der Massa-Bilanz auf eine Zerstreuung abgeleitet zu sehen , die vielleicht auch die Andern unterhalten konnte . Dem Pfarrer Guido Stromer hätte es eigentlich sehr befremdlich vorkommen müssen , in denselben Räumen , wo er so oft mit der frommen Fürstin Amanda und allen ihren Schutzbefohlenen gebetet und gesungen hatte , jetzt einer sehr weltlichen Gesellschaft beizuwohnen . Allein dieser eigenthümliche Mann schien sich ziemlich leicht in die veränderte Stimmung dieser Atmosphäre zu finden . Es waren dieselben hohen Zimmer , die von seinem Gebete sonst widerhallten , es waren dieselben großen geöffneten Fenster , durch die die balsamische Kühle des Sommerabends jetzt erquickend hereinströmte , wo sonst die Stickluft der vielen zusammengedrängten Bauern und Bäuerinnen die Brust beengte . Aber ihm selbst schien es ganz wohl zu sein , von der Vergangenheit sich erlöst zu sehen . Ob er freilich in seiner Unterwürfigkeit und Nachgiebigkeit gegen die veränderten Umstände des Schlosses Hohenberg nicht zu weit ging , mag sein Gewissen entscheiden . Die alte Brigitte z.B. , die im Schlosse hin- und herwandelte und sich an die Wände drückte , um von all den neuen Kammerzofen , Köchinnen , Jägern , Jockeys , Bedienten nicht umgerannt zu werden , klagte den Pfarrer Guido Stromer laut genug an , daß er allerdings seinen Sinn geändert hätte . Oft stand er sonst bei ihr still und hatte gefragt nach Diesem und Jenem , von dem er wissen konnte , daß sie der Fürstin davon wiedererzählen würde ; jetzt aber , in gewählterer Kleidung , mit bunten Tüchern und Westen , rannte Guido Stromer gleich allen andern Weltkindern an ihr vorüber und that , als wenn er sie nicht mehr kannte und ihm eine Minute verlorenginge , die er hoffen durfte , in der Nähe dieser neuen Halbbesitzer von Plessen und Hohenberg zu verweilen ! Schon in den zwei Jahren , als der Fürst allein hier walten durfte ( jedoch niemals ernstliche Anstalten dazu traf und nicht selbst erschien ) , hatte sich Stromers frühere Gesinnung sehr abgekühlt , wie die alte Brigitte oft genug der Frau Pfarrerin klagte . Diese , eine sehr einfache und nur in ihrem nächsten Kreise wirkende , mit vielen Kindern geprüfte und , man kann wol sagen , von ihnen völlig zerbröckelte und zermürbte Frau , ließ sich nicht gern auf Dinge ein , die ihr in Allem stark und sehr selbstbewußt auftretender Mann allein vertheidigen mochte . Stromer gehörte zu einer gewissen Classe von Gelehrten , die man » ewige Studenten « nennen möchte . Entweder war er wirklich ein Genie oder , was für die Beurtheilung seiner Stimmung wol Dasselbe sagen will , er hielt sich dafür . Pietismus ist solchen Naturen der willkommenste Ableiter eines überstarken Selbstgefühls