als ein von Gott begnadigtes Geschöpf . Meine Aufmerksamkeit und Ausdauer freuten ihn so sehr , daß er mich nach seiner Weise herzlich lieb gewann , und Selbstliebe und Eifersucht lagen ihm so fern , daß er mir zuweilen den Wunsch aussprach : zum Lohn meiner Achtung für die erhabenste Wissenschaft , der ich hoffentlich mein ganzes Leben widmen würde , verdiene ich die Ehre - die allgemeine Formel für die Primzahlen zu finden , und mein unsterblicher Ruhm werde ihn mehr beglücken als sein eigener . Ich hatte also zwei Lehrer wie man sie sich nicht besser wünschen kann , und überdas den festen Willen möglichst viel von ihnen zu lernen . Im schneidendsten Contrast zu meinem vagabondirenden Leben in Venedig , wurde das gegenwärtige mit einer zuchthausmäßigen Pünktlichkeit Stunde für Stunde eingetheilt , und von sieben Uhr früh , wo ich aufstand - bis zwölf Uhr Abends , wo ich schlafen ging - gab es keine Minute , welcher nicht ein Geschäft zugetheilt gewesen wäre : denn auch die Erholungen bekamen ihrer Regelmäßigkeit wegen einen Geschäftsanstrich . Mein Haus kam mir wirklich vor wie eine Strafanstalt , während es für Herr Becker und Herr Müller , und für eine junge musikalische Gesellschafterin ein ganz angenehmer Aufenthalt war : dermaßen kommt Alles auf die Deutung an , welche wir den Zuständen geben und auf die Gesinnung mit der wir in sie hineintreten . Aber ich wollte es nun einmal so ! ich wollte meine Thätigkeit nicht vergeuden noch versplittern , sondern sie auf einem Punkt sammeln um sie gleichsam zu einem Pfeil zu machen , der von der gespannten Bogensehne des Gedankens geschnellt , das Ziel in der Mitte treffen mußte - das Ziel nach dem ich nun schon so lange rang , das mir stets in andrer Form erschien , und das ferner denn je von mir zurückwich sobald ich der Form scharf ins Auge sah - das Ziel jedes Menschen , sein glühendstes Bedürfniß , nach welchem er heimlich seufzt oder laut schreit , und um welches er herum irrt wie um ein unentdecktes Land , das der Schiffer mit Magnet und Compaß nicht aufzufinden weiß - - das Glück ! Ich studirte mit großem Eifer , aber ohne eigentliche Vocation ! Ich lag heimlich bei mir selbst auf der Lauer ob nun nicht bald ein genußvoller Zustand eintreten werde . Dadurch wurde natürlich die unbefangene Hingebung getrübt , und die übertriebene Erwartung die ich mein Lebenlang von jedem Ereigniß gehabt hatte , verließ mich auch hier nicht . Immer war mir zu Muth als stände ich an jenem Brunnen in welchem nach einer Fabel die Wahrheit sitzen soll , und als schöpfte ich mit der größten Anstrengung nichts als Wasser heraus ! - Auch jezt war ich wieder auf Verfolgung der Göttin begriffen . Während dieses unfruchtbaren Bemühens dachte ich doch zuweilen an Otbert und Arabella - mit Neid . Mogten sie in einem Wahn befangen sein , so war derjenige der Liebe doch der süßeste von allen . Bald nach dem Ausbruch der Julirevolution war Otbert nach Paris gegangen . Die fiebernde Aufregung der Gemüther und die tobende Gährung aller Zustände waren ihm eine zauberische Lockung . Wie ein geübter Schwimmer , der seiner Kräfte sicher ist , ließ er sich bald von dieser , bald von jener Welle heben , schaukeln , fortziehen , und fand ein eigenthümliches Behagen an ihrem Gebraus und Gewirbel . Die religiösen und socialen Fragen mit deren Lösung diejenigen sich beschäftigten , welche auf dieser Basis eine neue Ordnung der Gesellschaft aufführen wollten , interessirten ihn aufs Höchste . Mit einer Wärme gab er sich dem St. Simonismus hin , als sei er bereit ein Apostel , ein Märtyrer der neuen Lehre zu werden ; und mit einer Leichtigkeit wandte er sich ab sobald der Reiz des Neuen erschöpft war , als habe es sich nicht um Ueberzeugung sondern um Persiflage der Sache gehandelt . Er selbst hätte nicht genau bestimmen können ob er wirklich ergriffen war oder nur das Ergriffensein spielte um es als Mittel zu irgend einem Zweck zu gebrauchen : denn bald wollte er als ein Propagandist neuer Ideen populär werden , bald suchte seine Eitelkeit ihren Genuß in dem Nimbus des Außergewöhnlichen , bald begehrte er nichts weiter als in Feuer gesetzt zu werden , gleichviel wodurch ! gleichviel für wen ! um nur nicht der grauen Monotonie zu verfallen . Sehr flüchtige Briefe , die er mir nur schrieb um mich von seinen pecuniären Verhältnissen zu benachrichtigen , deuteten mir das an . Ich hatte ihm bei unsrer Trennung die Hälfte meines Einkommens bestimmt . Es schickte sich nicht anders - so schien es mir - da ich seine Frau war und , mit ihm zusammenlebend , das Ganze mit ihm wenn auch ungetheilt genossen haben würde . Aber mein Schicklichkeitsgefühl ward in diesem Punkt durch seinen gänzlichen Mangel daran verletzt . War es die gemeine Gesinnung oder die kindische Nachlässigkeit die sich darin aussprach - genug , es peinigte mich in seiner Seele , daß er von seiner Frau gar nichts begehrte als Geld ! und immer wieder Geld ! Der St. Simonismus kostete ihn unglaubliche Summen . Später waren es die ausgewanderten Polen . Dann unterstützte er legitimistische Bestrebungen . Noch später warf er sich zu einem Träger des Socialismus auf . Immer hatte er das Bestreben in der jedesmal herrschenden Richtung bemerkt zu werden ; und da jede derselben ihre sehr materielle Seite hatte für welche nur wenig Adepten bereit waren Opfer zu bringen , so zeichnete er sich zwischen denselben um so mehr aus . In seinen Briefen berührte freilich nur ein Postscript von zwei Zeilen den fraglichen Punkt ; allein es war sehr klar , daß die Briefe überhaupt nur des Postscripts wegen geschrieben waren . Daher beantwortete ich sie mit der trockensten Kürze , und fühlte mich nie veranlaßt eine Frage nach Arabella an ihn zu thun . Kaum zwei Jahr nach unsrer Trennung erhielt ich aber von