. » Ein deutsches Buch , « erwiederte kaum halblaut das junge Mädchen . » Herta , « versetzte die Gräfin ruhig , aber in befehlendem Tone , » ich habe Dich schon so häufig ermahnt , diese rohe , unzarte und alle ächte Bildung zerstörende Lectüre aufzugeben , aber es scheint nicht , daß meine mütterlichen Warnungen etwas bei Dir fruchten . Wie hab ' ich solchen Undank verdient ? Fehlt es Dir etwa an bildender Unterhaltung ? Die gesammte Bibliothek steht Dir zu Gebote , Du brauchst mir Deine Wünsche nur zu nennen . Altes und Neues ist reichlich vorhanden , alle Schriften der geistreichsten französischen Autoren , denen gebildete Geister allein Geschmack abgewinnen können und dürfen , öffnen sich Dir . Warum also diese Abweichung vom Wege der Pflicht und guten Sitte ? Warum diese abscheuliche Vorliebe für unsere neuesten plumpen deutschen Schriftsteller , denen ich kaum diesen Namen zugestehen möchte ? Es ist nicht einer darunter , der wahrhafte Lebensart besitzt . Sie lieben alle den Verkehr mit dem Pöbel und incanaillisiren sich durch so entwürdigenden Umgang . Ja habe ich doch sogar von einer Freundin hören müssen , daß mehrere dieser Menschen , von denen der ungebildete Haufe jetzt so großes Geschrei macht , sich zuweilen betrinken ! Fi donc ! Sich betrinken , wie unsere wendischen Holzbauern ! - Das allein verdirbt mir allen Geschmack , macht , daß ich jedem Buche so roher Menschen den Zutritt in mein reines Zimmer verwehre , und enthielte es selbst entzückende Dinge . Nur der Mann der Gesellschaft , der feinen Lebensart kann Werke schreiben , die uns fesseln und gefallen ! - Was lasest Du ? « Herta warf einen fragenden Blick auf den Grafen , der mit stillem Lächeln dieser Strafrede seiner Gattin zugehört hatte . Erasmus verstand seinen Liebling und sagte mit leichtem Augenblinken , das Herta Unterstützung verhieß : » Ja , Liebe , das möchte ich auch wissen . « Das Mädchen senkte wieder die Blicke , und während sie Wasser in die Theekanne goß , was eigentlich ein Eingriff in die Rechte der Gräfin war , erwiederte sie : » Es war das neue Trauerspiel von Schiller , von dem die Zeitungen so viel sprachen . Don Karlos , Infant von Spanien hat es der Dichter genannt . « » Von Schiller ? « fiel die Gräfin ein . » Ist das nicht der aufrührerische Taugenichts , der heimlich seinem gnädigen Herrn entlaufen ist und das abscheuliche , schwülstige , der lästerlichsten Gedanken volle Buch Die Räuber geschrieben hat ? Ein sauberer Mensch , dieser Schiller ! Die Polizei sollte auf ihn fahnden und ihn in lebenslänglichen Arrest bringen , um alle Unschuldigen vor seiner Verführung zu schützen . Hat er es ja doch schon so weit gebracht mit seinen hochverrätherischen und aufrührerischen Schriften , daß die Schuljugend zusammengelaufen ist und seine höllischen Phantasien auf ' s wirkliche Leben hat anwenden wollen . Grade dieser Mensch ist mir unter allen deutschen Autoren der verächtlichste , der boshafteste , und der Haß aller Gutgesinnten wird ihn verfolgen . Und dieser Mensch wagt es , seine unsaubern plebejischen Hände zu einem Infanten von Spanien , zu einem Königssohn zu erheben ! « Es war dies ein Thema , bei welchem die Gräfin immer sehr beredt wurde und nicht selten in etwas unaristokratischen Zorn gerieth . Wenn Erasmus einen Ausbruch dieser Art bemerkte , fing er an zu husten , was ein sicheres Zeichen seiner Unzufriedenheit war . Dann mäßigte sich seine Gemahlin , weil sie es für entschieden roh hielt , auch nur die Ahnung an einen Streit mit ihrem Gatten in Andern aufkommen zu lassen . Auch jetzt hustete Erasmus , da er sah , daß Herta von den Worten ihrer Pflegemutter in tiefstem Herzen verwundet wurde . Utta brach ihre Rede sogleich ab und reichte dem Grafen einen Teller fein geschnittener Brödchen , als wolle sie ihm den Mund damit stopfen . Erasmus dankte verbindlich , drehte spielend seine goldene Tabatière zwischen dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand und sprach zu Herta : » Theile ich auch nicht vollkommen die Entrüstung meiner Frau über Deine Lectüre , mein gutes Kind , so gestehe ich doch , daß ich ebenfalls keinen Gefallen an Deiner sonderbaren Wahl finde . Ich gebe zu , daß die neueren deutschen Poeten gebildeter , feiner und geistreicher sind , als ihre Vorgänger , allein Geschmack , jener unbeschreibliche Duft , der uns aus jedem französischen Geistesproduct entgegenweht , dieser fehlt ihnen noch gänzlich . Sie wollen durch Kraft und Ungeheuerlichkeit die mangelnde Eleganz der Form ersetzen , welche einzig und allein nur dem Witz und freien Spiel des Geistes erreichbar ist . Sie besitzen mit einem Worte keinen Esprit . Auch werden sie es nie dazu bringen , weil unsere Sprache zu schwerfällig ist und sich nie die leichte Geschmeidigkeit der französischen Sprache aneignen kann . Doch billige ich es , daß man auf diese Bewegungen in der deutschen Literatur achtet und Theil daran nimmt , soweit es sich mit guter Gesellschaft verträgt . Nur sei man vorsichtig dabei ! Man wisse zu sondern und lasse sich nicht von Leidenschaft und Vorurtheil leiten ! Wir haben bereits recht geschmackvolle und feinsinnige deutsche Schriftsteller , mit deren Werken ich mich selbst einigermaßen beschäftigt habe . Wieland , Herder , Goethe haben recht liebe Sachen geschrieben . Einige ihrer Schriften würde ich Dir , wenn Du deutsche Bücher so sehr liebst , empfehlen . Allein gegen diesen Schiller habe ich meine Bedenken ! Er ist ein entschiedener Revolutionär , gefahrvoll für die Jugend , gefahrvoll für das ungebildete Volk ! Er redet Ideen das Wort , die , griffen sie Platz im Leben , unsere ganze Existenz bedrohten . Namentlich richtet er seine , ich gebe es zu , furchtbaren Schwerthiebe gegen die höchsten Stände und schon deshalb müssen wir ihn ignoriren . Ignoriren ist eine höchst empfindliche Strafe , die mehr wirkt , als Lärm ! -