Jetzt fuhr eine glänzende Stadtequipage heran . Anna schreckte zusammen und entfärbte sich , ihr Blick ruhte eine Secunde lang fast ängstlich auf den spiegelhellen Scheiben des Wagenfensters , es ward rasch niedergelassen . Kronberg grüßte sie freundlich - verbindlich , fast wie ein Fremder - und sie flogen einander vorüber . Als sie in ihr Cabinet trat , um vor der Soirée noch ein Stündchen zu ruhen , saß ihr alter invalider Freund St. Luce bereits in demselben . Sie schon hier , lieber General ? Das ist freundlich von Ihnen , daß Sie mich erwarteten , sagte sie leichthin . Sie wissen , verehrte Freundin , daß ich mich gar nicht gern so rottenweise mit dem ganzen Trosse Ihrer Anbeter zugleich begrüßen lasse , erwiderte er , indem er ihr seine einzige Hand bot - ihm fehlte ein Arm - auch habe ich auf ein Plauderstündchen in Ihrem Boudoir gerechnet , wenn Sie nicht noch Toilette machen . Nur eine fertige Coiffure drücke ich mir auf den Kopf ; ich bin sogleich wieder bei Ihnen . Sie verschwand durch eine Seitenthür und kehrte nach wenigen Minuten im schwarzen eleganten Gesellschaftskleide und dem zierlichen , ebenfalls schwarzen , Aufsatz zurück . Nun , General ! was haben Sie mir Neues mitgebracht ? Une pensée , erwiderte lachend der Gefragte , und zwar in Stiefeln und Sporn . ( Das Gespräch wurde französisch geführt . ) Ich sagte besser noch auf deutsch : » ein Vergißmeinnicht ! « ich habe den ehemaligen Besitzer Ihres Posthörnchens , Ihren Monsieur August , aufgefunden . Ach ! Sie sind wahrhaftig eine Art Hexen-Schatzgräber und höchst glücklich im Finden . Dies Mal nicht ganz . Rathen Sie einmal , wer es ist ? Wie kann ich , lieber General ! Mein alter Bediente und ehemaliger Reitknecht August , der mich seit zwölf Jahren nicht verlassen hat , und dem unzählige Mal die Gnade geworden , Ihnen in oder aus dem Wagen zu helfen ! Ist ' s möglich ? das freut mich ungemein . Aber daß mir das nie geahnt ! Zwölf Jahre ist der alte Kerl in meinem Dienst , ihm fehlt glücklicherweise nur der Gebrauch des linken Armes ; aber das Ding bammelt ihm noch zur Seite , er hat nicht , wie ich , blos einen armen Stummel aufzuweisen - kurz , wir helfen einander eben aus ; das Schicksal hat uns ja Beide auf einem Felde in einer Stunde getroffen . Zwölf Jahre schweigt der Narr , und heute , erst heute , erzählt er mir , daß er die Frau Gräfin , wie er Sie par excellence nennt - Das ist eine Artigkeit für Sie , General ! weil Sie mir die Cour machen ! Es war eine bis heute , wo er mir sein älteres Recht , Sie zu verehren , bewiesen . O , schicken Sie mir ihn , lieber Freund ! sagte Anna innig und weich , ich bin ihm noch ein Gegengeschenk schuldig . Sie zeigte auf eine kleine Uhr über ihrem Schreibtische , an welcher die ihr von August geschenkte Berlocke hing . Leider ist Monsieur August ein Prophet gewesen , und das Posthorn bläst die obligate Begleitung zu allen Hauptmelodien meines Lebens . Wissen Sie auch warum ? Vermuthlich , weil ich nicht mehr gern reise und allzugern gereist habe . Was man in der Jugend wünscht , hat man im Alter die Fülle . Geht noch , das Alter zu ertragen , wenn man sechsundzwanzig Jahre zählt . Sie müssen nun nicht mehr so bestimmt von meinem Alter sprechen , General ! nicht eher , als bis mein ältester Sohn erwachsen ist , dann bin ich nach Ihren französischen Grundsätzen der Galanterie stets ein Jahr älter als er , also positiv jünger , als jetzt . Aber was meinen Sie wegen der Prophezeiung ? Daß Sie uns schwankenden , unsicheren Naturen das Bild der Stabilität in der ewig wechselnden Umgebung zu geben bestimmt sind - Sie bleiben überall Sie selbst . Er sah sie mit tiefem Wohlwollen an , es überflorte eine Art Wehmuth seine heitere , mit Narben verzierte Stirn . Sophie brachte auf einem silbernen Präsentirteller ein Paar weiße Handschuhe , ein Batisttaschentuch und Trauer-Armbänder von Lava . Anna reichte ihr den wunderschön geformten Arm , um dieselben zu befestigen ; St. Luce sah mit heimlich vergnügter Bewunderung zu , aber er wagte kein Wort . Noch immer in Trauer ? fragte er endlich . Kronberg fürchtet die Todten nicht , erwiderte Anna schwermüthig , nur die Lebenden sind ihm - unbequem . Ist Ihr Bruder noch in Wien ? Leider ! Kann ich etwas für Sie thun ? Sie schüttelte traurig das Haupt . Morgen , lieber Freund ! jetzt muß ich mir die Augen hell erhalten . Sophie hat das Zeichen zum Aufbruch gegeben . Ihren Arm , General ! Sie traten in den Gesellschaftssaal und fanden dort bereits einige Herren versammelt , die der Gräfin Ankunft erwarteten . Bald vergrößerte sich der Kreis ; Duguet machte den Maître d ' hôtel und führte die Aufsicht über eine glänzende zahlreiche Dienerschaft . Es war eine Reihe Zimmer geöffnet , in der eine sehr verschiedenartige Menge sich hin und her bewegte , denn die Gesellschaft war keine besonders für diesen Abend eingeladene , sondern einer der gewöhnlichen Empfangstage der Kronbergs hatte den bunten Kreis gebildet . Anna machte unvergleichlich die Honneurs , sie vergaß Keinen , hatte für Alle Blicke , Worte , Aufmerksamkeit ; sie störte keine einzige Coterie , keine partie carrée , keine Unterhaltung Zweier , die unter funfzig Menschen allein zu sein glaubten ; sie übersah keinen von Langeweile Bedrohten , kein erstes Auftreten , keine schüchterne Unsicherheit , und that das Alles so leicht , so ganz ungezwungen natürlich , daß jedem Einzelnen war , als bescheine gerade ihn die Sonne ihres Wohlwollens . Die jungen Männer umdrängten sie mit ungeheuchelter Bewunderung , die hübschesten Frauen vergaben es ihr ; nur konnte Niemand von