entflohen war , so qualvoll dünkte ihn jetzt ein Zwang , der ihn zu leidender Unthätigkeit , zu peinlichem Erwarten des Kommenden verurtheilte ; ihn , der bis jetzt allen Begegnissen seines Lebens rasch handelnd entgegengetreten war . Deshalb erschien ihm Reinhard , der , eben in Berghoff angelangt , seine Braut suchte , wie ein Erlöser aus drückenden Banden . Erst nachdem die ganze Familie beisammen und eine Stunde in Mittheilungen mancher Art vergangen war , konnten sich Eduard und Clara allmälig von den schmerzlichen Empfindungen befreien , die sie erduldet hatten , und zu des Vaters großer Genugthuung sich , wenn auch ohne wahre Theilnahme , in die Unterhaltung der Uebrigen mischen , bis endlich , von Eduard heiß ersehnt , die Trennungsstunde schlug . Und wieder geleitete er Clara zu ihrem Wagen , wie an dem letzten Abende , den sie in der Stadt zusammen verlebt ; aber gegen den dumpfen Gram , den Beide jetzt empfanden , mußte ihnen der Schmerz jener Stunde wie ein Glück erscheinen . Denn in jenem Schmerze lag noch Bewegung und Leben ; heute aber fühlten sie die Entsagung wie ein Leichentuch über ihre Zukunft gebreitet und schieden wortlos , hoffnungslos . Wie man verabredet hatte , sollte Jenny ' s Taufe nun in wenig Tagen vollzogen werden , und die Abfassung des nöthigen Glaubensbekenntnisses führte sie zu ernstlichem , erneuertem Nachdenken über diesen Punkt . Menschen von besonders lebhafter Phantasie ist es möglich und eigen , sich allmälig in einen bestimmten Ideenkreis hineinzudenken , ihn nach allen Richtungen hin mit Gründen auszustatten , und sich so ein Gebäude zu errichten , das den Schein der Festigkeit und Vollendung an sich trägt , ohne irgend eine wirkliche Basis in der Ueberzeugung Desjenigen zu haben , der es aufgeführt . Wie der Dichter , namentlich in seiner Jugend , die Geschöpfe seines Geistes kaum von den um ihn her lebenden Menschen zu unterscheiden vermag ; wie Kinder sich spielend so fest in die erfundenen Verhältnisse ihrer Puppen hineindenken , daß sie unwillkürlich Erfundenes und Wirkliches vermischen und nicht mehr trennen können , so ging es in gewisser Art Jenny mit ihrer religiösen Erkenntniß . Nachdem sie vergebens versucht , die Symbole des Christenthums mit dem Verstande zu erfassen , bemächtigte sich einst plötzlich ihre Einbildungskraft derselben , und sie wurde mit Ueberraschung gewahr , daß sie Vieles sich denken und in seinen Folgen und in seiner Veranlassung ausmalen , ja es bis zu einer deutlichen Vorstellung in sich ausbilden könne , woran ihr der Glaube fehlte . Christus , der eingeborne , gekreuzigte und wieder auferstandene Sohn Gottes , wurde für sie zu einer so festen Gestalt in seinen Wundern , wie es ihr früher irgend ein Gott des Olymps gewesen , wie es ihr noch jetzt Goethe ' s göttlicher Mahadö war , der die sich opfernde Geliebte mit sich verklärt aus den Flammen emporhebt . Sowie sie , trotz der historischen Kenntniß des mittelaltrigen Johann Faust , diesen gänzlich in der unsterblichen Gestalt des Goetheschen Faust verloren hatte , weil der Letztere allein ihr durch die poetische Schönheit des Gedankens als wirklich erschien , so bildete sie aus dem Menschen Jesus , den die Apostel beschrieben , jenen mystischen Christus in sich aus , wie ihn die spätern christlichen Philosophen als Theil der Dreieinigkeit dachten . Sie wähnte , als diese Erscheinung in einer bestimmten Form in ihr lebte , endlich an Christus und seine Wunder zu glauben , in dem Sinne , den Reinhard verlangte , so daß sie mit vollem Vertrauen von sich zu behaupten wagte , jetzt sei ihr nicht blos die christliche Moral , sondern die Menschwerdung Christi zu einer vollkommenen Wahrheit geworden . Wie bei allen Trugschlüssen stimmte plötzlich Alles zu ihren Ideen , nachdem sie willkürlich einen Anfangspunkt für ihr System gefunden hatte , den sie als richtig annahm , obgleich er es in der That nicht war . Die sichere Ruhe , mit der sie sich hinterging , täuschte auch Reinhard und den sie unterrichtenden Pastor , obgleich der Letztere über eine so unerwartete Veränderung der ansichten bei seiner Schülerin sehr überrascht zu sein schien . Dazu kam , daß seit einigen Wochen Clara und Eduard ihre Theilnahme in Anspruch nahmen , während zugleich die Entdeckung von Theresens Liebe für Reinhard und Erlau ' s unerwartetes Geständniß sie vielfach beschäftigt und ihre Gedanken von den Forschungen über das Christenthum abgezogen hatten , bis der für die Taufe festgesetzte Termin herannahte und sie wieder darauf hinlenkte . Als sie nun jenes Glaubensbekenntniß niederschreiben wollte , das sich eigentlich streng an die im » Glauben « enthaltenen Dogmen binden mußte ; als sie ihr Nachdenken fest auf den Punkt richtete , fing das Luftgebäude ihrer künstlichen Ueberzeugung zu schwanken an , und die Schöpfung einer regen Phantasie zerfloß vor dem festen Blick ihres Verstandes in ein Nichts . Sie bemerkte das mit Schrecken . Sie hatte Ruhe und Heiterkeit gewonnen durch die Täuschung , der sie sich unbewußt hingegeben ; was frommte ihr eine Einsicht , die ihr Beides schonungslos raubte , die sie in das alte Chaos des Zweifels stürzte und , wenn sie wahr sein wollte , sie von Reinhard trennte , weil ihr Uebertritt zum Christenthum bei diesen Zweifeln zu einer Lüge wurde ? Vergebens wollte sie die Vorstellungen in sich zurückrufen , die ihr vor wenig Stunden geläufig und klar gewesen waren ; es gelang ihr nicht . Ebenso wie es dem Erwachsenen nicht gelingt , jene Empfindung in sich hervorzuzaubern , die wir als Kinder alle haben , wenn wir im Wagen dahinfahrend wähnen , Bäume und Häuser an uns vorüberfliegen zu sehen , während wir stille stehn . Wenn uns erst einmal das Gegentheil unumstößlich bewiesen worden , kann selbst unser fester Wille das Trugbild nicht mehr erzeugen . Einen Moment lang mag man hoffen , sich gegen die Wahrheit verblenden , eine liebgewordene Täuschung in sich festhalten zu können - die Wahrheit siegt doch immer . Es ist