und er geht ! « - Bisweilen machte sie sich selbst Vorwürfe , wiederholte sich , daß einige Wochen schnell verstrichen , daß er heimkehren würde , daß auch Andlau , nach seinem letzten Brief zu schließen , bald kommen müsse , und daß alsdann für sie Alle eine Erhöhung des Reizes im lebendigen Verkehr eintreten könne . Aber das lag so fern , gleichsam hinter den Nebelwolken ihrer Traurigkeit . Sie sah es nicht klar . Der Schmerz der Entbehrung lag ihr näher , als der Trost des Genusses einer zweifelhaften Zukunft . Sie wußte nicht , ob Mengen und Andlau an einander Behagen finden würden : Beide waren schroff und scharf , dieser eisig , wenn er unangenehm berührt sich fühlte , und jener in demselben Maaß schneidend - zwei Naturen , die mit gezogenem Schwert sich gegenüberstehen mußten , sobald sie nicht Hand in Hand gingen . Faustine war in ihrer tiefsten Seele beklemmt und unheimlich . Hätte sie den Muth , die Stärke und die Besonnenheit gehabt , den Verhältnissen fest ins Auge zu sehen , so wäre ihr bald genug klar geworden , daß in Marios Entfernung ihrer Aller Heil liege , und sie hätte durch ein gefaßtes : » Fahre hin , « dem Schicksal vorbeugen können , das sie zerbrach , als es in seiner vollen Macht über sie herbrauste ; sie hätte durch eine ruhige Darlegung ihrer innersten Seelenverbindung mit Andlau Mengen auf einmal , ehe er ein Wort gesagt , durch einen einzigen kurzen Schmerz , in sein altes Gleichgewicht , wenigstens äußerlich , zurückgestellt , und in dem seinen das ihre gefunden ; sie hätte Alles das thun können , was sie nicht that , eben weil ihr Muth , Stärke und Besonnenheit fehlten . Gegen Clemens war sie während dieser Zeit viel freundlicher , oder eigentlich sanfter als sonst , wo sie ihm nicht leicht irgend ein Wort hingehen ließ , ohne es zu rügen , sobald es über seine Grenze sprang . Jetzt hörte sie nicht so scharf hin , oder sie hatte Mitleid mit seiner Thorheit . Was den Frauen ihr Mitleid für Schaden thut - das ist nicht zu beschreiben und nicht zu begreifen ! wenigstens nicht von den Männern zu begreifen , welche für die Frauen alle mögliche Empfindungen , nur kein Mitleid hegen . Im Haß und in der Liebe als Ueberwinder , vernichtend , grausam , vor den Frauen zu stehen , ist ihre Wonne , ihre Lust , ihr Triumph , - ihre Natur ! und die Frau , die darüber klagt , ist falsch : es hat noch jeder Simson seine Delila gefunden ! - Aber daran thut der Mann unrecht , in jeder Mitleidsäußerung ein Liebeszeichen zu sehen . So weit müßte er aus seiner Natur heraustreten und die fremde Eigenthümlichkeit erkennen . Mitleid ist eine Tochter des allgemeinen Wohlwollens , und die Frau hat viel mehr Wohlwollen für den Mann , in welchem sie von Hause aus eine Stütze und den Begründer ihres Glückes sieht , als er für sie hat , die er doch nur à tout prendre , als eine sichre Beute betrachtet . Daher wird die Frau durch eines Mannes Neigung zwar nicht immer zur Erwiderung , doch gewiß immer zum Mitleid gestimmt - vorausgesetzt , daß ihr keine Verbindung mit ihm droht , wie es bei Cunigunden und Feldern war - und sie wird Dinge thun und sagen , die ihm ja nur den Mangel an Liebe freundlich verbergen sollen . In solchem Verhältniß ist es nur seine , niemals ihre Schuld , wenn er ein Lächeln , einen holden Blick , ein süßes Wort als ein Versprechen künftiger größerer Gaben betrachtet . Die Frau ist gleich dem Kinde , heftig , glühend , leichtgerührt ; hernach vergißt sie das , und das macht ihr der Mann zum Verbrechen . Es ist aber ihre Natur , so wie die seine Barbarei ist . Nur nie Mitleid mit dem Manne geäußert ! er mißbraucht es alle Mal . Clemens jubelte heimlich : » ich wußte wohl , daß ich sie rühren würde ! « Anfänglich war sein brennendster Wunsch nicht weiter gegangen , als seine Liebe geduldet - nun wünschte er schon , sie erwidert zu wissen . Er gestand es sich freilich nicht ein , aber im Herzen rechnete er schon darauf ; denn was wär ' es für eine wunderliche Liebe , die keine Erwiderung begehrt ? ich denke , es wäre gar keine Liebe . - Mengen geht - so lautete Walldorfs Rechnung - sie wird ihn vermissen , weil er ihr eine angenehme Gesellschaft ist , doch von einer Neigung kann nicht zwischen ihnen die Rede sein , da diese Trennung statt findet . Hingegen wird Andlau kommen - aber ist denn da noch die alte Liebe ? fast sechs Monat hat er sie verlassen , und sie lebte während der Zeit ruhig und heiter . Wo ist der Mensch , der , wie ich , ohne ihren Blick in Verzweiflung untergeht ? Nein , mir , meinem lodernden Herzen gehört sie einzig an . - Bisweilen saß er ihr viertelstundenlang schweigend gegenüber und sie schwieg auch . Sie malte oder zeichnete . Clemens kam gern in den frühen Morgenstunden , wo er gewiß war , sie allein zu treffen ; spätern Besuchen räumte er das Feld , und war am glücklichsten , wenn er sie ungenirt bei ihren gewohnten Beschäftigungen , die sie seinetwegen nicht unterbrach , häuslich und traulich fand . Darum begehrte er auch keine Conversation von ihr . Sie durfte sich in ihre Arbeit , ihre Gedanken vertiefen . Das that sie auch . Fiel es ihr dazwischen ein , es sei doch sehr unfreundlich , sich gar nicht um des armen Clemens Anwesenheit zu kümmern , so sah sie lieblich zu ihm auf , oder nickte ihm einen holden Gruß , gleichsam seine Nachsicht erbittend , zu . Er aber meinte dann , sie freue sich über