Frau , wenn sie liebt , vor dem Manne in ihrer Zärtlichkeit eine gewisse Scheu und Furcht haben müsse , durch welche das Geheimnis der Liebe dann noch eine höhere Weihe erhält . Diese Furcht und Scheu ist ja nur die gesteigerte Achtung vor der wahren Männlichkeit , die die Frau verehren will : sosehr sich die Gatten auch verstehen mögen , so gibt es eine Grenze , wo sie sich , wenn auch nicht fremd , doch geheimnisreich bleiben müssen , und hier an dieser Grenze hält jene Scheu Wacht , die sich selbst in ein ahnendes Grauen , in einen süßen Schauer verwandeln kann . Auch der liebende Mann wird das Weib nie ganz verstehn . Eine Zartheit , eine Aufopferung , ein Hingeben über die Natur und Möglichkeit hinaus , wird ihm , sooft er es ahnen kann , auch ein Erschrecken einflößen . « Der Mutter war diese Erörterung sehr unangenehm , denn jedes Wort war fast wie ein Spott auf die Ohnmacht Perettis . Jetzt stürzte der Kammerdiener fast zitternd herein und meldete , daß der Herzog von Bracciano seine Aufwartung zu machen wünsche . Selbst die Mutter , sosehr sie täglich die vornehmsten Besuche annahm , wurde etwas verlegen . Vittoria schrie auf , als Paul Giordano in seiner Trauer , mit der edeln , stolzen Gebärde eintrat , und der Mutter versagte vor Verwunderung das Wort , das sie eben aussprechen wollte . » Ihr edeln Frauen « , sagte Bracciano mit seiner schönen , volltönenden Stimme , » müßt mich als einen alten Bekannten aufnehmen , wenn meine Bitte irgend etwas bei euch gilt . Dem unbekannten Don Giuseppe zeigtet ihr Vertrauen ; warum soll ein anderer Name mich euch entfremden ? « » O Exzellenz « , rief Donna Julia , nachdem sie sich wieder gesammelt hatte , » warum uns damals und unsern Caporale so listig hintergehn ? Ist es nicht Bosheit , daß Ihr Euch nun an unserer Verlegenheit ergötzen wollt ? « » Eure Tochter , verehrte Dame « , antwortete der Herzog , » scheint mir gar nicht verlegen . Übrigens legt Ihr mir eine Absicht unter , die meinem Wesen völlig unnatürlich sein würde . Ich lebte schon seit Wochen inkognito in Rom und der Umgegend , wie es denn meine Liebhaberei ist , mich zuweilen von allen Banden der Gesellschaft zu befreien , um mich selbst und die andern Menschen in ihrem wirklichen Wesen kennenzulernen . In meinem Hause hier glaubte man , ich sei wichtiger Geschäfte wegen in Neapel . Da lernte ich zufällig den wackern Don Cesar kennen , und wir sprachen viel von euch ; da er mich nur unter der Maske , mit einem nichtssagenden Namen kannte , nahm der wackere Mann lange Anstand , den Rätselhaften bei euch einzuführen . Aber ich danke ihm um so mehr , denn die Erlaubnis , euch zu meinen Freunden zählen zu dürfen , wird zu den glücklichsten Begebenheiten meines Lebens gehören . « Man ergoß sich in höflichen Erwiderungen , und Pepoli , der dem Herzoge schon seit Jahren bekannt war , führte hauptsächlich das Gespräch . Vittoria war stumm und saß fast wie im Traum ; ihr Auge wurzelte auf dem Antlitze des Gastes , und sie verglich ihr damaliges Gefühl , als sie ihn hatte kennen lernen , mit dem jetzigen . Die beiden Stimmungen waren sich so ähnlich , und doch wieder so unähnlich ; ihr war , als habe sie sich im jetzigen Augenblick völlig verloren , und doch blitzte sie in diesem Vernichtetsein ein so helles Bewußtsein der wahrsten Existenz an , daß dieses Grübeln ihr schon hohes Glück war . Als die Besucher sich entfernt hatten , wollte man sich niederlegen , und zögerte nur noch , weil der junge Peretti ausblieb . Er hatte sich angewöhnt , oft aus den Gesellschaften , die er besuchte , und die nicht die besten waren , spät nach seinem Hause zu kommen , aber noch nie war er so lange ausgeblieben , als es heute geschah . Man war schon besorgt , man fragte die Dienerschaft , wo der junge Mann sein möge , als sich vor dem Hause ein lautes Getümmel erhob . Man öffnete die Türe , und fremde Menschen trugen den Jüngling herein , der schwer verwundet schien . Er hatte Streit gehabt , man hatte gefochten , und so war er verletzt nach seiner Wohnung gebracht worden . Die Mutter seufzte , denn es schien ihr nun schon ausgemacht , daß sie dasjenige , was sie das wahre Glück des Lebens nannte niemals finden würde . Sie ging in ihr Schlafzimmer , fast grollend mit dem Schicksal . Wundärzte wurden gerufen , und Vittoria blieb die ganze Nacht bei dem Kranken , welcher , seinen Klagen nach , empfindliche Schmerzen litt . Als es Tag geworden , erschien die Mutter wieder . Es hatte sich ein heftiges Wundfieber eingestellt , welches den Arzt , der jetzt von Montalto war gesendet worden , sehr besorgt machte . Endlich fand sich der Schlummer ein , und man konnte für den Kranken wieder Hoffnung schöpfen . Vittoria wich nicht vom Lager des Leidenden , sie schlief fast gar nicht , sie genoß wenig und alles für den jungen Mann besorgte sie , die Umschläge der Wunde , die oft auf der Schulter erneuert werden mußten , die Dekokte , die Tränke . Sie gab ihm ein , sie tröstete ihn auf seinem Lager , wenn er vor Schmerzen winselte , um ihm irgend Erleichterung zu verschaffen . Sie sah niemand , und erschien niemals im Besuchzimmer : Bracciano meldete sich wieder bei der Mutter aber Vittoria kam nicht zur Gesellschaft . Selbst Caporale , als er wieder in Rom war , ward seiner jungen Freundin nicht ansichtig , und die Mutter bewunderte stillschweigend diese strenge Tugend , die sie der Tochter niemals , ja vielleicht sich selber nicht in diesem hohen Grade zugetraut hatte . So waren mehr