das Reich des Fleisches sich als ein legitimes abschließt und auf den Thron der Erde sich setzt , ohne die freie Bewegung des Gedankens in sich einzulassen , tritt es bloß als die Ruchlosigkeit der weltlichen Form auf , die sich in sich selbst vernichten und verdammen muß . Aber der Gedanke , wenn er der ächte und freie , und nicht der abstracte ist , hat auch ein erhabenes Verlangen danach , in das Fleisch hineinzuscheinen , ohne das er nicht ist , und dann durchleuchtet er den irdischen Klumpen , der durch seinen Lichtathem hell wird und rein . Die antike heidnische Welt war nichts als das legitime und stabile Reich des Fleisches , und darum das Zeitalter der Plastik . Auch ihre Götter wurden Fleisch und stiegen in menschlichen Formen und Bildern hernieder , aber nicht wie Christus Fleisch geworden war . Diesen Göttern wurden menschliche Formen gegeben , weil sie nichts als menschliche Gedanken waren , aber sie erschienen dennoch als die erste Prophezeihung der Offenbarung Gottes im Fleische . Doch es war nur die Schönheit des Fleisches , zu der es die ganze antike Weltanschauung brachte , und die auch Form ihrer Religion wurde . Daher die Aufgabe dieses Menschenalters , die Schönheit hervorzubringen , und eine seelige Harmonie des Körperlebens an ihren Zuständen auszubilden . Eine Aufgabe , die nun auch das Christenthum in einer höheren und umfassenderen Bedeutung überkommen hat . Denn wird sich nicht endlich auf seiner Grundlage in einem tieferen Sinne ein harmonischer Bildungszustand des Menschen entwickeln , in dem Welt und Geist sich in einer kräftig zusammenwirkenden Einheit mit einander bewegen und durch Ueberwindung ihrer alten Trennung ein unendliches Glück gründen ? Warum bin ich also traurig ? Warum ergreift mich diese plötzliche Wehmuth , und lähmt mir die Freudigkeit meiner Gedanken ? Die gothische Dämmerung von St. Veit ist es , und die Perspective in das Jenseitige , die meine Seele erbangen macht und Seufzer meinem Herzen entlockt . Nun fliehe ich die späte Einsamkeit dieser melancholischen Kirche , mein Fuß durcheilt , wie von Gespenstern getrieben , den finstern Kreuzgang , und die hohe Pforte schlägt langsam in einem einförmigen Takt hinter mir zu . Da bin ich entschlüpft . Wieder hinaus in die Welt ! Die helle , strahlende , brennende , drängende , farbige , strömende , unaufhaltsame Welt ! Es hat aufgehört zu regnen . Die Sonne ist blitzend aufgegangen mit erneuten Flammen an dem blauen lächelnden Firmament . - Und für heut sei zufrieden mit mir ! Ich will und kann diese Dinge , die mich schon seit einigen Jahren unaufhörlich beschäftigen , jetzt nicht weiter ausdenken . Aber Du magst Dich nur gefaßt machen , daß ich bei der nächsten Gelegenheit wieder darauf kommen und nicht ablassen werde , diese Gedanken mit Dir durchzusprechen und ins Klare zu bringen . Zu Dir , meine Heilige , rede ich gern davon , und Du weißt doch , warum ? Aber meine Ansichten über die sogenannte Wiedereinsetzung des Fleisches , wie ich sie Dir heut und früher schon angedeutet , drucken zu lassen , könnte ich mich nie entschließen . Wie sehr würden mich Diejenigen mißverstehen , die überhaupt nicht verstehen ! Und doch wäre es unserer Zeit , wie keiner anderen , höchst nothwendig , darüber auf ' s Reine zu kommen . Ich sage mit Absicht , auf ' s Reine ! Freilich gibt es auch Reine , denen nicht Alles rein ist . Nun , Jedes auf gut Glück ! Was liegt auch am Mißverständniß ? Ich finde im Gegentheil , daß es zu wenig Mißverständnisse heutzutage gibt , und daher die viele klare Langeweile , an der unsere Zeitgenossen leiden . Deshalb glaube ich , man macht sich verdient um die Bewegung , wenn man sich recht tief dem Mißverstande preisgibt . - Bleibe Du mir nur gut , o Heilige ! - Und Du ! Du ! an die ich immer denke ! Du ! Du ! - Du weißt doch - - - An meine Heilige . V. Wien . Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld . - Seit acht Tagen wiederhole ich mir nun alle Morgen , wann ich aufstehe , das : Auch ich in Wien ! und doch habe ich noch keine Zeile an Dich darüber zu Papiere gebracht . In die unendliche Lebenslust , wie sie hier in schaumenden Bechern ausgeschenkt wird , mag ich mich wohl für eine Zeitlang stürzen , aber es ekelt mich nachher an , etwas davon aufzuschreiben oder gar Betrachtungen darüber zu machen . Es ist eben der Genuß der Stunde , die nichts als Stunde sein will und kann . Und den guten , tandelhaften , kindischen , liebenswürdigen Wiener mag ich , so lange ich einmal hier bin , gern leiden , obwohl ich nicht für das Leben mit ihm umgehen könnte , eben so wenig als für immer in einer ganz an den Augenblick verlorenen Stadt wohnen , in der man am Ende nur durch eine verzweiflungsvolle Ascese wieder zu sich selbst käme . Dieses an den Augenblick Verlorensein ist jedoch nicht der historische Trieb , der sich in Paris stündlich auf der Gasse herumtummelt , in der eiligen Begier , vom laufenden Strom der Tagesgeschichte und der öffentlichen Bewegung mit erfaßt zu werden . Wien will nichts als panem et Circenses , und hat keine andern historischen Triebe , als zum Sperl , zum Strauß , in den Prater , in den Augarten , zu Lanner und Morelly , in den Volksgarten und zur Promenade am Graben und Kohlmarkt . Danach läuft und rennt es athemlos , darum schmückt und trägt es sich im festlichen Prunke , und die Dreivierteltakte eines Strauß füllen die Weltgeschichte eines ganzen Tages aus . Darum nichts heut von allen diesen Herrlichkeiten , die mich zwar berauscht , aber auch noch nicht einmal zu einem Epigramm begeistert haben . Doch wird es gewiß noch kommen , und meine nächsten Blätter an