könnte , so macht es mich auch wieder schüchtern . Was mir am Herzen liegt , es ganz erfüllt und einnimmt , will ich bestritten oder anerkannt wissen . Bedächte ich nicht mehr , ich gäbe meine gegenwärtige Stellung auf , und entfernte mich unter einem schicklichen Vorwande . Es ist zudem so Manches hier , was mich wegtreibt . Ich habe auch deshalb schon einmal ganz im Geheim an die Frau Gräfin auf der Burg geschrieben , und sie um ihren Rath gebeten , allein sie macht es , entweder wie unser gemeinschaftlicher Lehrer , dem sie wohl näher stehen mag als ich , oder sie ist verlegen um der Frau Präsidentin willen , und schweigt . Laß ich mir erst lange Zeit , so werde ich unwillkührlich in solche Verbindlichkeiten verstrickt , die mir das Gehen unmöglich machen . Noch heute kam der kleine Georg weinend zu mir , und bat mich , mit ihm zu seiner Mutter zu kommen , die jetzt immer so betrübt sei und gar nicht spreche ; sie werde gewiß wieder vergnügt werden , wenn ich ihr eine von den hübschen Geschichten vorlesen wolle , die da vor mir in dem großen Buche ständen . Er wies dabei auf eine Sammlung heiliger Sagen , die mit schönen Holzschnitten geziert , eine Quelle angenehmer Unterhaltung für ihn waren . Ich wagte nicht , des Kleinen Aufforderung zu folgen . Doch als wir nach der Mittagstafel noch eine Weile versammelt blieben , fragte mich die gnädige Frau nach dem Buche , von dem ihr Georg gesprochen hatte . Ich holte es auf ihren Befehl herbei . Sie blätterte mit Achtsamkeit darin . Darauf schloß sie es wieder , und sagte , indem sie mir es zurück gab : » es geht ein stiller , einfacher Sinn durch diese Gattung von Dichtungen , allein es ist nicht mehr der unsrige . Wir werden davon gerührt , aber nicht befriedigt . « » Dichtungen ! « rief ich ganz bestürzt , » Sie zweifeln an der Aechtheit der Ueberlieferung ? « » Nun , so oder so ! « entgegnete sie leicht . » Ob innerlich oder äußerlich erlebt , es sind Erscheinungen einer Zeit , die hinter uns liegt . Wir wenden uns wohl dahin zurück , allein das Leben läßt sich nichts aufbinden . Es hat seine eigene Bedingungen , man schraubt es nicht zusammen . Zum Verweilen findet Niemand mehr Raum da . « Ich war so erschrocken und verlegen , daß ich sie sprachlos anstarrte . Sie mochte nicht wissen , was sie aus meinem Schweigen machen sollte . » Glauben Sie mir , « fuhr sie , vielleicht deshalb lebhafter , fort , » nur das Naturgemäße bewegt sich zu freier und erhöheter Entwickelung fort . Künstliche Zustände der Seele lassen uns , wie bei gezwungenen Stellungen des Körpers , jeden äußern Anstoß fürchten , der dem Spiel ein Ende machen könnte . « » O ! « rief ich , mit vor Schmerz zusammengefalteten Händen , » die Verehrung des Höchsten und Heiligen , das brünstige Hingeben heißer Anbetung ist wahrlich unabhängig von der Farbe der Zeit , und wie die Gemeinschaft der Geister nicht wechselt , und die Liebe nicht altert , so hat auch ihre Sprache eine ewige Jugend ; sie darf mich heute wie ehemals in den schlichten Worten rufen , und wird mein Ohr offen finden . « Die Augen meiner schönen Gegnerin ruhten prüfend auf mir . Sie schwieg eine Weile , dann sagte sie : » Wir reden nächstens mehr hierüber . Ich bin heute durch Vieles befangen . Ich fühle wohl , was auf Ihre Einwürfe zu antworten wäre , allein ich kann mich nicht zusammenfassen . Es fliegt mir so kraus durch den Sinn . Nächstens ! hören Sie wohl , nächstens noch recht viel über diesen Gegenstand ! « Sie sagte dies mit großem Ernst , indem sie sich abwandt , und mich stehen ließ . Ich war erschrocken über meine Heftigkeit . Ich sah ihr verlegen nach . Seitdem kann ich es nicht hindern , daß mir mein leidenschaftlicher Eifer verdächtig scheint . Sie war so ruhig , so fest . Welche von beiden Ueberzeugungen , ihre oder die meine , hat den festesten Grund ? Herr Gott ! wenn ich ein Gefangener , kein Geretteter wäre , wenn ich knechtisch unter das Gesetz flüchtete , und nur wähnte , in der Wahrheit zu leben ! Ich darf sie nicht fragen , ich werde ganz irre . Von jeher haben mir die eignen Gedanken zu schaffen gemacht . Ich entschlage mich ihrer gern . Aber hier werden sie so oft und so laut angesprochen , daß es keine Rettung giebt . Und doch sind es diese Gespräche gerade , die mich nöthigen , zu bleiben . Soll ich verschmähen , mir selbst klar zu werden ? Sagen Sie doch , kann ein Feldflüchtiger Anspruch auf die Siegespalme machen ? Lieber Herr Baron , wenn wir einmal wieder zusammen einen Spatziergang durch den Wald machen könnten ! Ich bin in diesen Tagen zu der Frau Oberhofmeisterin auf die Burg beschieden . Ich zähle diese vortreffliche Dame unter meine Beschützerinnen . Ihr meine Aufwartung machen zu dürfen , gereicht mir zu großer Ehre . Vielleicht bin ich so glücklich , Sie , mein bester Herr Baron , auf dem Schlosse anzutreffen . Von welchem Trost würde mir Ihr gütiger , beruhigender Zuspruch sein ! Emma an den Geistlichen Ich fürchte , ehrwürdiger Herr , ich bin einer warmen Aufwallung des Herzens allzurasch gefolgt . Mich quält der leise Vorwurf , Hugo beunruhigt , ihn unsicher gemacht , ein freundliches , natürliches Verhältniß gestört zu haben . Ich sehe das Hugo an . Er sagt nichts , aber seine Traurigkeit lastet schwer auf mir . Sehen Sie , es kam so unwillkührlich . An einem von den Abenden , an welchen wir die Ankunft meiner Mutter erwarteten , ich gespannt auf jedes Geräusch horchte