diese Nacht stürbe , und mit ihm jede Hoffnung , von Ottokar Kunde zu erhalten ! « Kaum in Worte gefaßt , erfüllte sie dieser Gedanke mit unaussprechlicher Angst ; von einer unsichtbaren Gewalt getrieben , rief sie , winkte sie . Ernesto sah noch einmal sich nach ihr um , sie flog den Felsen hinab , er eilte wieder hinauf ihr entgegen , und beide trafen an einem uralten steinernen Ruhesitz auf der Hälfte des Schloßberges wieder zusammen . » Ich möchte in meiner Einsamkeit gern aller meiner Freunde recht lebhaft gedenken , « sprach athemlos und tief erröthend Gabriele . » Die Tante , « fuhr sie in großer Verwirrung fort , » Aurelia , - und - Ernesto ! haben Sie keine Nachricht aus Rom ? « » Den Tag , ehe wir Karlsbad verließen , erhielt ich Briefe von dort , « erwiederte Ernesto und vermied es , Gabrielen anzusehen , um ihre Verwirrung nicht zu steigern . » Aurelia kränkelt oder glaubt zu kränkeln , die Luft in Rom sagt ihr nicht zu . Sie wird mit ihrer Mutter den Winter in Neapel zubringen , wo es freilich lustiger hergeht als in jenem , der Nemesis und der Vergangenheit geweihten großen Tempel , in der heiligen Roma , deren Andenken mich noch immer schmerzlich und freudig bewegt . Ottokar führt dort ein schönes , ernstes , der Erinnerung geweihtes Leben , unter den Trümmern versunkner Größe , unter den Wundern der Kunst . Ihn umgeben die ausgezeichnetsten Künstler , welche er gastfrei um sich zu versammlen weiß . Für jetzt hindern ihn Geschäfte daran , die Damen zu begleiten , vielleicht folgt er ihnen später nach , wenn das neue Jahr in jenen glücklichen Zonen den Frühling weckt . Annettens Stimme erscholl jetzt sehr ängstlich , sie rufte Gabrielen zu dem Vater und ersparte dieser dadurch die Verlegenheit einer Antwort auf Ernestos Erzählung . Den widerstrebendsten Gefühlen hingegeben , stieg sie , auf Annettens Arm gestützt , stumm und langsam den Felsen hinauf , während Ernesto sich gedankenvoll abwärts wandte . Noch schüchterner beklommen als in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes bei der Gräfin Rosenberg , betrat Gabriele das Zimmer , in welchem ihr Vater sie erwartete . Zu ihrem Erstaunen fand sie ihn von allen ihren Mappen umgeben . Ihre Stickereien , ihre Zeichnungen , ihre geschriebnen Auszüge aus Büchern , ihre Musikalien , alles lag auf einem großen Tische ausgebreitet vor ihm da . Auch ihre Laute , ihre Harfe , und ein schönes Fortepiano , welches einst ihrer Mutter angehörte , waren gestimmt und bereit . Auf des Barons Befehl hatte Frau Dalling alle diese Dinge müssen herbei schaffen lassen , während Gabriele mit Ernesto sich außer dem Schlosse befand . Jetzt begann ein förmliches Examen , in welchem der Baron mit großer Aufmerksamkeit und Sachkenntniß Gabrielen prüfte . Von allem , was sie früher und später erlernt hatte , mußte sie ihm Rechenschaft ablegen , von allem verlangte er Proben . Sie mußte auf sein Geheiß in fremden Sprachen ihm vorlesen und mit ihm sprechen , sie mußte singen , und auf den verschiednen Instrumenten sich hören lassen , welche eben zur Hand waren . Ihre Zeichnungen und andre künstliche Arbeiten betrachtete und beurtheilte er sehr verständig , und erforschte auch , wie weit ihr Unterricht in andrer wissenschaftlicher Hinsicht gereicht haben mochte . Zuerst wagte es Gabriele nur zitternd , auf seine Fragen zu antworten , doch allmählig gewann sie mehr Muth . Der Baron äußerte zwar keineswegs durch Worte seine Zufriedenheit mit dem , was sie leisten konnte , aber der Eifer , mit welchem er sie prüfte , die Aufmerksamkeit , deren er sie würdigte , bewiesen ihr solche . Vier Stunden waren auf diese Weise hingebracht worden , Mitternacht war nicht mehr fern , und Gabriele konnte sich vor Erschöpfung kaum noch aufrecht erhalten oder die Lippen regen , während ihr Vater noch immer unermüdet schien . » Nun ist es genug , « sprach er endlich , und machte mit der Hand eine verabschiedende Bewegung . » Ich weiß jetzt , daß du deine Zeit in der Stadt nicht schlecht angewendet hast , du hast viel und vieles gelernt . Ich bin zufrieden mit dir . Ruhe aus , morgen um die nehmliche Stunde lasse ich dich wieder rufen , bis dahin thue , was dir gefällt . « Gabriele vermochte es nicht , sich sogleich zu entfernen ; sie blieb stehen , als erwarte sie von ihm noch ein freundliches Wort , während er , in Gedanken verloren , vor sich hinstarrte . Auf ein kleines Geräusch vor der Thüre sah er sich um und ward Gabrielen gewahr , die mit bittendem Blicke noch dastand . » Warum gehst du nicht ? « fragte er , » du mußt die Nächte schlafen , deine Jugend verlangt dieß , meine Zeitordnung ist nicht für dich . Und nun genug , « sprach er nochmals mit gebietendem Ton , und winkte wieder mit der Hand , so daß Gabriele sich auf das schnellste entfernte , um ihm nicht widerspenstig zu erscheinen . An der Thüre begegnete ihr Moritz von Aarheim , der auf des Barons Einladung kam , um jetzt gegen Mitternacht bei dessen Mittagsessen gegenwärtig zu seyn . Ohnerachtet seines unruhigen Hanges zur Thätigkeit und seiner unermüdlichen Sprechlust , saß Moritz von Aarheim dennoch während der ganzen Mahlzeit schweigend und stumm dem Baron gegenüber und wartete nur auf eine Frage von diesem , um alsdann durch Antworten ein Gespräch herbei zu führen , das er so ohne alle Veranlassung nicht zu beginnen wagte . Des Barons gespenstisches , finsteres Wesen kam ihm unbeschreiblich grauenvoll vor . Und besonders seit jener heftigen Scene , die er bei Erwähnung eines künftigen Schloßbaues mit ihm gehabt hatte , ging er ihm gern überall aus dem Wege . Längst wäre er abgereist , wenn er nicht Gabrielens Ankunft hätte abwarten wollen , um das Eigenthum seines Verwandten doch nicht wieder