Buch aus der Tasche . » Sie verlieren Ihre Noten « , sagte Leontin , Schillers Don Carlos erkennend . » Warum Noten ? « fragte der Fremde . » Darum « , sagte Leontin , » weil Euch die ganze Natur nur der Text dazu ist , den Ihr nach den Dingern da aborgelt , und je schwieriger und würgender die Koloraturen sind , daß Ihr davon ganz rot und blau im Gesichte werdet und die Tränen samt den Augen heraustreten , je begeisterter und gerührter seid Ihr . Macht doch die Augen fest zu in der Musik und im Sausen des Waldes , daß Ihr die ganze Welt vergeßt und Euch vor allem ! « Der Fremde wußte nicht recht , was er darauf antworten sollte . Leontin fand ihn zuletzt gar possierlich ; sie gingen und sprachen noch viel zusammen und es fand sich am Ende , daß er ein abgedankter Liebhaber der Schmachtenden in der Residenz sei , den er früher manchmal bei ihr gesehen . Der Einklang der Seelen hatte sie zusammen - , und ich weiß nicht was , wieder auseinandergeführt . Er rühmte viel , wie dieses seelenvolle Weib mit Geschmack , treu und tugendhaft liebe . » Treu ? - sie ist ja verheiratet « , sagte Friedrich unschuldig . » Ei , was ! « fiel ihm Leontin ins Wort , » diese Alwinas , diese neuen Heloisen , diese Erbschleicherinnen der Tugend sind pfiffiger als Gottes Wort . Nicht wahr , der Teufel stinkt nicht und hat keine Hörner , und Ehebrechen und Ehebrechen ist zweierlei ? « - Der Fremde war verlegen wie ein Schulknabe . Es neigte sich indes zum Abend , aber die Luft war schwül geworden und man hörte von fern donnern . Das letztere war dem Fremden eben recht ; der Donner , den er nicht anders als rollend nannte , schien ihn mit einem neuen Anfalle von Genialität aufzublähen . Er versicherte , er müsse im Gewitter einsam und im Freien sein , das wäre von jeher so seine Art , und nahm Abschied von ihnen . Leontin klopfte ihn beim Weggehn tüchtig auf die Achsel : » Beten und fasten Sie fleißig und dann schauen Sie wieder in Gottes Welt hinaus , wie da der Herr genialisch ist . Es ist doch nichts lächerlicher « , sagte er , da jener fort war , » als eine aus der Mode gekommene Genialität . Man weiß dann gar nicht , was die Kerls eigentlich haben wollen . « Es gewitterte indes immer stärker und näher . Leontin bestieg schnell eine hohe Tanne , die am Abhange stand , um das Wetter zu beschauen . Der Wind , der dem Gewitter vorausflog , rauschte durch die dunklen Äste des Baumes und neigte den Wipfel über den Abgrund hinaus . » Ich sehe in das Städtchen , in alle Straßen hinab « , rief Leontin von oben , » wie die Leute eilig hin und her laufen , und die Fenster und Türen schließen , und mit den Laden klappern vor dem heranziehenden Wetter ! Es achtet ihrer doch nicht und zieht über sie weg . Unsern Don Carlos sehe ich auf einer Felsenspitze , den Batterien des Gewitters gegenüber , er steht , die Arme über der Brust verschränkt , den Hut tief in die Augen gedrückt , den einen Fuß trotzig vorwärts , pfui , pfui , über den Hochmut ! Den Rhein seh ich kommen , zu dem alle Flüsse des Landes flüchten , langsam und dunkelgrün , Schiffe rudern eilig ans Ufer , eines seh ich mit Gott geradaus fahren ; fahre , herrlicher Strom ! Wie Gottes Flügel rauschen , und die Wälder sich neigen , und die Welt still wird , wenn der Herr mit ihr spricht . Wo ist dein Witz , deine Pracht , deine Genialität ? Warum wird unten auf den Flächen alles eins und unkenntlich wie ein Meer , und nur die Burgen stehen einzeln und unterschieden zwischen den wehenden Glockenklängen und schweifenden Blitzen . Du könntest mich wahnwitzig machen unten , erschreckliches Bild meiner Zeit , wo das zertrümmerte Alte in einsamer Höhe steht , wo nur das einzelne gilt und sich , schroff und scharf im Sonnenlichte abgezeichnet , hervorhebt , während das Ganze in farblosen Massen gestaltlos liegt , wie ein ungeheurer , grauer Vorhang , an dem unsere Gedanken , gleich Riesenschatten aus einer andern Welt , sich abarbeiten . « - Der Wind verwehte seine Worte in die grenzenlose Luft . Es regnete schon lange . Der Regen und der Sturm wurden endlich so heftig , daß er sich nicht mehr auf dem Baume erhalten konnte . Er stieg herab , und sie kehrten zu der Burg zurück . Als das Wetter sich nach einiger Zeit wieder verzogen hatte , brachen sie aus ihrem Schlupfwinkel auf , um sich in das Städtchen hinunterzubegeben . Da trafen sie an dem Ausgange der Burg mit den zwei Jägern zusammen , die sie frühmorgens über den Rhein fahren gesehen , und die ebenfalls das Gewitter in der Burg belagert gehalten hatte . Es war schon dunkel geworden , so daß sie einander nicht wohl erkennen konnten . Die Bäume hingen voll heller Tropfen , der enge Fußsteig war durch den Regen äußerst glatt geworden . Die beiden Jäger gingen sehr vorsichtig und furchtsam , hielten sich an alle Sträucher und glitten mehrere Male bald Friedrich , bald Leontin in die Arme , worüber sie vom letztern , der ihnen durchaus nicht helfen wollte , viel Gelächter ausstehn mußten . Erwin sprang mit einer ihm sonst nie gewöhnlichen Wildheit allen weit voraus , wie ein Gems den Berg hinab . Allen wurde wohl , als sie nach der langen Einsamkeit in das Städtchen hinunterkamen , wo es recht patriarchalisch aussah . Auf den Gassen ging jung und alt , sprechend und lachend , nach dem Regen spazieren , die Mädchen des Städtchens saßen draußen vor