, unterstützt vom Kirchdiener , trat mit langsamen Schritten heran . Das Gebet war verrichtet , Ottilien das Kind auf die Arme gelegt , und als sie mit Neigung auf dasselbe heruntersah , erschrak sie nicht wenig an seinen offenen Augen ; denn sie glaubte in ihre eigenen zu sehen ; eine solche Übereinstimmung hätte jeden überraschen müssen . Mittler , der zunächst das Kind empfing , stutzte gleichfalls , indem er in der Bildung desselben eine so auffallende Ähnlichkeit , und zwar mit dem Hauptmann , erblickte , dergleichen ihm sonst noch nie vorgekommen war . Die Schwäche des guten alten Geistlichen hatte ihn gehindert , die Taufhandlung mit mehrerem als der gewöhnlichen Liturgie zu begleiten . Mittler indessen , voll von dem Gegenstande , gedachte seiner frühern Amtsverrichtungen und hatte überhaupt die Art , sich sogleich in jedem Falle zu denken , wie er nun reden , wie er sich äußern würde . Diesmal konnte er sich um so weniger zurückhalten , als es nur eine kleine Gesellschaft von lauter Freunden war , die ihn umgab . Er fing daher an , gegen das Ende des Akts mit Behaglichkeit sich an die Stelle des Geistlichen zu versetzen , in einer muntern Rede seine Patenpflichten und Hoffnungen zu äußern und um so mehr dabei zu verweilen , als er Charlottens Beifall in ihrer zufriedenen Miene zu erkennen glaubte . Daß der gute alte Mann sich gern gesetzt hätte , entging dem rüstigen Redner , der noch viel weniger dachte , daß er ein größeres Übel hervorzubringen auf dem Wege war ; denn nachdem er das Verhältnis eines jeden Anwesenden zum Kinde mit Nachdruck geschildert und Ottiliens Fassung dabei ziemlich auf die Probe gestellt hatte , so wandte er sich zuletzt gegen den Greis mit diesen Worten : » Und Sie , mein würdiger Altvater , können nunmehr mit Simeon sprechen : Herr , laß deinen Diener in Frieden fahren ; denn meine Augen haben den Heiland dieses Hauses gesehen . « Nun war er im Zuge , recht glänzend zu schließen , aber er bemerkte bald , daß der Alte , dem er das Kind hinhielt , sich zwar erst gegen dasselbe zu neigen schien , nachher aber schnell zurücksank . Vom Fall kaum abgehalten , ward er in einen Sessel gebracht , und man mußte ihn ungeachtet aller augenblicklichen Beihülfe für tot ansprechen . So unmittelbar Geburt und Tod , Sarg und Wiege nebeneinander zu sehen und zu denken , nicht bloß mit der Einbildungskraft , sondern mit den Augen diese ungeheuern Gegensätze zusammenzufassen , war für die Umstehenden eine schwere Aufgabe , je überraschender sie vorgelegt wurde . Ottilie allein betrachtete den Eingeschlummerten , der noch immer seine freundliche , einnehmende Miene behalten hatte , mit einer Art von Neid . Das Leben ihrer Seele war getötet ; warum sollte der Körper noch erhalten werden ? Führten sie auf diese Weise gar manchmal die unerfreulichen Begebenheiten des Tags auf die Betrachtung der Vergänglichkeit , des Scheidens , des Verlierens , so waren ihr dagegen wundersame nächtliche Erscheinungen zum Trost gegeben , die ihr das Dasein des Geliebten versicherten und ihr eigenes befestigten und belebten . Wenn sie sich abends zur Ruhe gelegt und im süßen Gefühl noch zwischen Schlaf und Wachen schwebte , schien es ihr , als wenn sie in einen ganz hellen , doch mild erleuchteten Raum hineinblickte . In diesem sah sie Eduarden ganz deutlich , und zwar nicht gekleidet , wie sie ihn sonst gesehen , sondern im kriegerischen Anzug , jedesmal in einer andern Stellung , die aber vollkommen natürlich war und nichts Phantastisches an sich hatte : stehend , gehend , liegend , reitend . Die Gestalt , bis aufs kleinste ausgemalt , bewegte sich willig vor ihr , ohne daß sie das mindeste dazu tat , ohne daß sie wollte oder die Einbildungskraft anstrengte . Manchmal sah sie ihn auch umgeben , besonders von etwas Beweglichem , das dunkler war als der helle Grund ; aber sie unterschied kaum Schattenbilder , die ihr zuweilen als Menschen , als Pferde , als Bäume und Gebirge vorkommen konnten . Gewöhnlich schlief sie über der Erscheinung ein , und wenn sie nach einer ruhigen Nacht morgens wieder erwachte , so war sie erquickt , getröstet ; sie fühlte sich überzeugt , Eduard lebe noch , sie stehe mit ihm noch in dem innigsten Verhältnis . Neuntes Kapitel Der Frühling war gekommen , später , aber auch rascher und freudiger als gewöhnlich . Ottilie fand nun im Garten die Frucht ihres Vorsehens ; alles keimte , grünte und blühte zur rechten Zeit ; manches , was hinter wohlangelegten Glashäusern und Beeten vorbereitet worden , trat nun sogleich der endlich von außen wirkenden Natur entgegen , und alles , was zu tun und zu besorgen war , blieb nicht bloß hoffnungsvolle Mühe wie bisher , sondern ward zum heitern Genusse . An dem Gärtner aber hatte sie zu trösten über manche durch Lucianens Wildheit entstandene Lücke unter den Topfgewächsen , über die zerstörte Symmetrie mancher Baumkrone . Sie machte ihm Mut , daß sich das alles bald wieder herstellen werde ; aber er hatte zu ein tiefes Gefühl , zu einen reinen Begriff von seinem Handwerk , als daß diese Trostgründe viel bei ihm hätten fruchten sollen . So wenig der Gärtner sich durch andere Liebhabereien und Neigungen zerstreuen darf , so wenig darf der ruhige Gang unterbrochen werden , den die Pflanze zur dauernden oder zur vorübergehenden Vollendung nimmt . Die Pflanze gleicht den eigensinnigen Menschen , von denen man alles erhalten kann , wenn man sie nach ihrer Art behandelt . Ein ruhiger Blick , eine stille Konsequenz , in jeder Jahrszeit , in jeder Stunde das ganz Gehörige zu tun , wird vielleicht von niemand mehr als vom Gärtner verlangt . Diese Eigenschaften besaß der gute Mann in einem hohen Grade , deswegen auch Ottilie so gern mit ihm wirkte ; aber sein eigentliches Talent konnte er schon einige Zeit nicht mehr