die grünen Zweige der Bäume stehlen ... Ein Olivenwald vollends ist an sich schon zauberisch ... Seine Schatten sind so licht , das Laub ist so seltsam graugrün blitzend ... Und wenn seine Stämme hundertjährig sind , so sind die Gestalten der Zweige und über dem Boden herausragenden Wurzeln so phantastisch , daß sie sich im purpurnen Dämmerlicht der Sonne zu bewegen scheinen wie die Bäume in den » Metamorphosen « Ovid ' s ... Ein magischer Sommernachttraum gaukelt durch einen solchen uralten Olivenhain ... Sieben , acht Stämme sind zu Einem zusammengewunden ... Wie Polypen von Holz sind sie aufgeschnitten , das Mark ist heraus und nur die Rinde noch zurückgeblieben , aber die trägt die graugrünen Blätterkronen mit den blauen kleinen Pflaumen der Frucht ganz so , als wäre Herz und Seele noch drinnen ... Diese groteske Welt , voll Fratzen , als hätte sie Höllen-Breughel geschaffen , schwimmt nun im Lichte und wird zu purem Golde ; die untergegangene Sonne läßt am Horizont einen riesigen Baldachin der glänzendsten Stickerei zurück ... Flimmernde Goldfranzen hängen in Himmelsbreite an violetten und rosa Wölkchen ... Während nach der östlichen Seite hin schon die Nacht urschnell und tiefblau , mit sofort sichtbaren Sternen aufleuchtet , steht noch im Westen diese Phantasmagorie der Farbenmischungen eine wunderbare Weile ... Endlich wird auch sie röther und röther ; die goldnen Franzen , die Stickereien von Millionen von Goldperlen erbleichen ; dann wird der westliche Himmel dunkelblauroth ... Nun schwimmt der Olivenwald wie in einem Meer von aufgelöstem Ultramarin ... Die Nacht im Osten ist schon tiefschwarz ... Alles das lehrt - Ewigkeit des Schönen ... In seiner dunkeln Zelle hatte Hubertus heute eine zinnerne Oellampe ... Sie war an sich armselig , aber sie konnte doch in Pompeji gestanden haben ... Der Docht brennt in der Mitte gleichsam eines Tulpenkelches aus vier Oeffnungen ... Er las jenen Brief , den er mit Pater Sebastus verabredet , um durch Bonaventura ' s Vermittelung vielleicht für sie beide ein besseres Loos zu erzielen , als das ihrer durch den Spruch aus Santa-Maria da unten harrte und selbst für den Fall harrte , daß sie sich diesem römischen oder sonst einem Kloster der Alcantariner einreihen durften ... Der Brief mußte so geschrieben sein , daß er im äußersten Fall auch in die Hand des Generals gerathen und sie nicht aufs neue compromittiren , nicht zur Fortsetzung ihrer Leiden Anlaß geben durfte ... So hatte denn Dr. Heinrich Klingsohr , weiland göttinger Privatdocent , ganz im gebührenden Ton , wie etwa Pater Vincente gethan haben würde , wörtlich an Bonaventura geschrieben1 : » Vivat Jesus ! Vivat Maria ! Halleluja ! Friede sei mit Ihnen , hochwürdigster Herr und hochgnädigster Herr Bischof ! Hat unser Ohr recht gehört , so ist ein Wunder geschehen ! Hochgeehrtester Herr , Sie verweilen nicht mehr auf deutscher Erde , wo das Salz dumm geworden ist , Sie führen den apostolischen Stab im Lande der Verheißung ! ... Hochgnädigster Herr und Bischof ! Wir sind die beiden Flüchtlinge aus dem Kloster Himmelpfort , die wir schon einmal Schutz gefunden durch Ihre gnädigste Frau Mutter , als wir lieber unter den Thieren des Waldes und in einer Hütte von Baumzweigen wohnen wollten , als länger in der üppigen Völlerei der entarteten Minderbrüder des heiligen Franciscus . Lieblosigkeit , Zank , Mangel an gottseliger Gesinnung haben uns von einer Stätte getrieben , wo unser allerheiligster Herr Jesus von seinen eigenen Jüngern täglich noch gekreuzigt wird ! In dem großen Feldzug , den die Kirche gegen den Belial der Aufklärung gerade in unserm Vaterland zu bestehen hat , sind diese Klöster , in denen sich nichts als der Schein der alten Regeln erhalten hat , nur zu Verschanzungen des bösen Feindes nütze . Provinzial Maurus hat an unsern General eine Liste unserer Verbrechen geschickt und so müssen wir denn , da man uns ohne Richterspruch verurtheilte , unser sehnsüchtiges Verlangen nach der reformirten Regel der Minderbrüder durch eine Gefangenschaft büßen , die hier auf San-Pietro in Montorio bereits drei Vierteljahre dauert ; freilich schmachten wir in der Nähe des Kerkers , den der selige Bartolomäus von Saluzzo zehn Jahre lang innehatte ... Aber die Krone des Himmels zu gewinnen wird , ach ! zu mühselig für die schwache Kraft unsrer Sterblichkeit ... Hochgnädigster Herr Bischof ! Wir schöpfen wol Muth aus dem Vorbild der Märtyrer und heiligsten Apostel , aber unsere Kräfte schwinden , unsere Hoffnungen auf die Macht der Wahrheit erlöschen , zu schwer für menschliche Schultern ist , was wir seither erlitten ! ... Von dem unterzeichneten Pater Sebastus , hochgnädigster Herr Bischof , wissen Sie aus einer denkwürdigen Stunde mit dem gefangenen Kirchenfürsten , daß er die Rettung seiner Seele dem Bruder Abtödter verdankt , der im Gegentheil im Lebendigmachen sich auch hier schon mannichfach bewährt hat . O daß ich in einem einfachen , schlichten Menschen mehr fand , als in meinen weiland Genossen , Hochgebildeten , die mich durch die sophistische Moral der heidnischen glänzenden Laster zum Tödten eines Mitmenschen , Ihres Verwandten , reizen konnten ! Hubertus hat mich oft meilenweit Nachts auf seinen Greisesarmen getragen , wenn wir auf unserer Flucht mit nackten Füßen den Häschern zu entrinnen suchten . Vom Düsternbrook , von der verhängnißvollen blitzzerschlagenen Eiche an bis zu den trauernden Cypressen dieses heiligen Sanct-Peter-Kreuzes-Hügels verfolgte uns das Concil von Trident , nach dem ein entsprungener Mönch seinem Kloster zurückzuführen ist ... Wir lebten von Wurzeln und Beeren , suchten die einsamsten Straßen des Rhöngebirges , des Schwarzwaldes und der Alpen auf ... Nie legten wir unser hären Gewand ab , unsers heiligsten Franciscus Ehrenkleid , das ich einst , Sie wissen es , im schnöden Rückfall um jene Lucinde verleugnen konnte ... Nie gönnten wir uns eine andere Erquickung , als unsern blutenden Füßen die kühlende Welle des Waldbachs ... Auf der Schweizergrenze ergriffen uns die durch Steckbriefe aufgewiegelten Häscher ... Nur der Kraft des Bruders Hubertus , die er indessen seinem Gebet zuzuschreiben bittet