fühle die Verwandtschaft mit Oleander , ja sogar mit einer Heldenseele , Jagellona von Werdeck , ich bin kein Fremdling mehr in diesen Landen . Doch , was unterhalt ' ich , quäl ' ich Sie mit Dingen , theure Franziska , die diesen Winter mich außer Athem und Besinnung brachten ! Ich kann nur einen kurzen Gruß - vielleicht einen ewigen Abschied - senden . Die Zeit , die Stimmung , die Ruhe fehlen , um meiner minder gewandten Feder Raum zu lassen , in meiner unsichern Muttersprache dasselbe zu sagen . Die deutsche Sprache ist jetzt fast meine Muttersprache . Vergessen Sie mich , wenn es sein muß ! In großer Bedrängniß Ihr Louis Armand « . Ackermann sah mit tiefstem Antheil Franziska ' s Verzweiflung . Was ist ihm geschehen ? Was kann ihm drohen ? rief sie . Selma , die selbst weinte , suchte zu trösten . Aber Heunisch , der Jäger , der eben dazu kam , störte allen Trost . Er rief Franziska bei Seite und sagte : Ursula Marzahn stirbt diese Nacht . Sie geht hin ... aber hab ' ich mich vor ihr im Leben nicht gefürchtet , im Tod ist sie mir wie ein Gespenst . Sie sagt Dinge am letzten Sonntag als die Glocken läuteten ... Franziska , habe deinen alten Onkel lieb ! Komm ' mit auf drei Tage , bis sie zur Ruhe ist ! Ackermann bedauerte das bevorstehende Leid , mußte aber gestehen , daß der Onkel etwas Billiges verlangte . Er redete Franziska zu , zu gehen . Heunisch nahm sie sogleich und führte sie , indem er ein Bündelchen trug und ihre Thränen für Antheil an seinem Verluste hielt , jenen Fußpfad an der Sägemühle und dem schwarzen Kreuz vorüber , von dem er sagte : Seit die Ursula fast wie vernünftig gesprochen , fürcht ' ich mich vor dem Kreuz da ! Selma mußte wenig Stunden nach Franziska ' s Entfernung sagen : Es ist gut , daß sie einige Tage entfernt ist ! Sie zeigte dem Vater das neueste Zeitungsblatt ... Es enthielt die Nachricht , daß ein Apostel der kommunistischen Irrlehren , der diesen Winter über , aller Warnungen ungeachtet , besonders im Kreise der Willing ' schen Maschinenarbeiter für seine staatsgefährlichen Theorieen gewirkt hätte , ein Franzose , Namens Louis Armand , vermittelst Zwangspaß aus den diesseitigen Staaten entfernt worden wäre . O bitt ' re Welt ! rief Ackermann . O gold ' ne Jugend , an die sich der Rost des Lebens setzt ! Traum des Glückes , warum löst dich der Tod nicht ab , warum das Erwachen zu dem jammervollen Geständnisse : Wir Alle sind Menschen ! Und dann erläuterte er Selma den Begriff eines Zwangspasses . Entfernt ? sagte er . Louis Armand ! Der Freund Egon ' s ! Verbunden mit ihm durch einen Grabeshügel ! Trennt so die Welt ? Wirft sie immer wieder die Hölle zwischen die Seelen ? Ist Wahrheit des Geistes da , wo Lüge der Herzen ? Armer , kindlicher Fremdling ! Wie ehrtest du dein Volk durch ihm sonst fremde Bescheidenheit , Treue und deinen sittlichen Werth ! Selma ! Erkennst du jetzt , warum ich die Natur so liebe und in ihrem Leben mich ausruhe von meinem Leben ? Selma aber sah , hörte nicht . Ihr Auge stierte auf eine andre Stelle derselben Zeitung . Vater , lies ! rief sie mit fieberhafter Erregung ... Ackermann nahm und las das Blatt . Die Stelle lautete : » Bekanntmachung . Der wegen politischer Umtriebe verfolgte Referendar Dankmar Wildungen hat sich der ihm bevorstehenden Untersuchung durch die Flucht entzogen . Alle Sicherheitsbehörden des In- und Auslandes werden aufgefordert , zu seiner Verhaftnahme behülflich zu sein . Es folgt das Signalement . « Es ist Siegbert ' s Bruder ! sagte Ackermann . Die guten Geister sind von Egon gewichen . Ackermann verfiel in tiefste Traurigkeit . Er schien unfähig , heute noch in seinem sonst so freudig ergriffenen Berufe zu wirken . Selma ehrte seinen Schmerz . Siegbert ' s Gestalt trat ihr durch den ihr unbekannten , wenig besprochenen Bruder verklärter entgegen . Oleander , der zum Unterrichte kam , war selbst so erschüttert , daß er sich nicht sammeln konnte . Er ging bewegt und ließ die vor Kummer Schweigenden ohne Abschied zurück . Er hätte so gern dem reinsten Genusse des Frühlings gelebt ! Liebe und Freundschaft waren seine ewigen Sterne und nun schienen sie düster umschleiert . So traurig hatten ihm die Lerchen nie gesungen . Der Abend kommt . Die große rothe Feuerglut des Himmels erlischt . Dunkelblaue Wolken ziehen nächtlich herauf . Der Tag so linde . Am Abend weht ein kühlerer Lufthauch . Die Arbeiter feiern , ziehen heim , hier und dorthin , auf Dörfer , Gehöfte . Im Hofe wird ' s still . Nur fern beim alten Sandrart hört man noch ein Rollen von Tausenden von Erdäpfeln , die man aus den Wintergruben ausgräbt und aufschüttet . Man hat sich verspätet , man schüttet sie auf Breter , die sie abschüssig in den Bauernhof rollen lassen , noch spät Abends . Es wird ganz dunkel . Auch diese Arbeit ist gethan . Alles nun still . Ackermann ruht auf dem Sopha . Selma spricht zuweilen ein Wort der Theilnahme für Franziska , die bei einer Sterbenden , die sie nicht liebte , im Hause wachen müsse . Eine Uhr pickt . Alles leise , Alles still und traurig ... Da bellt ein Hund lauter als sonst , bald bellen noch mehr ; zuletzt alle . Es wird lebendig draußen ... Wer kommt noch so spät ? Herr Ackermann zu Hause ? sagte eine Stimme draußen . Als die Magd antwortet , heißt es : Braucht man auf dem Hofe hier nicht noch Arbeiter ? Ich höre , man hat viel Arbeiter gesucht . Braucht Herr Ackermann noch ein paar gesunde Hände ? Welche Stimme ! rief Selma ...