– Witwen und Waisen um das Ihrige betrog , so gewiß muß es ihm auch zustehen , im Kirchenbuche Dinge niederzuschreiben , die solcher öffentlichen Anklage gleichkommen . Ich bin sogar der Ansicht , daß dies häufiger geschehen und ein derartiges Vorgehen unter die ständigen Kirchenzuchtsmittel aufgenommen werden sollte . Denn es gibt in der Tat Naturen , die vor solchem auf Jahrhunderte hin unerbittlich überliefertem Wort mehr Respekt haben , ja mehr in Furcht sind , als vor einem lebzeitigen Skandal . Ein Amtsmißbrauch ist aber um so weniger zu befürchten , als ein Appell von seiten der in gewissem Sinne mitbetroffenen Verwandtschaft an die vorgesetzte kirchliche Behörde ja jederzeit offen stehn und selbstverständlich , im Falle sich ein Übergriff herausstellen sollte , zur Entfernung des Geistlichen aus seinem Amt eventuell auch zu weiterer Bestrafung führen würde . – Was übrigens speziell unseren Pastor Redde betrifft , so muß ihm dieser » letzte Schlabrendorf auf Siethen « ein ganz besondrer Dorn im Auge gewesen sein , da wir in anderweiten , einige Jahre später gemachten Kirchenbuchaufzeichnungen eben diesen Redde nicht nur als einen durchaus unzelotischen , sondern sogar als einen höchst komplaisanten und beinah höfischen alten Herrn kennenlernen . Es bezieht sich dies namentlich auf ein französisch abgefaßtes und an eine damals etwa sieben Jahre alte Komtesse Brandenburg ( Tochter Friedrich Wilhelms II. ) gerichtetes Sinngedicht , das nach Überschrift und Inhalt folgendermaßen lautet : A l ' anniversaire de la naissance de Mlle. Julie , Comtesse de Brandebourg , celebré le 4 Janvier à Siethen par le curé Redde . » Vos fleurs de la jeunesse – S ' augementent dès ce jour – Les fruits de la sagesse – En viennent à leur tour . – O gardez tout bouton afin qu ' il bien fleurisse , – Afin que toute fleur en fruit pour vous mêurisse . « 49 Einer dieser Söhne ( der dritte ) Gustav Graf Schlabrendorf , geboren 1750 , preußischer Kammerherr und Stiftsherr zu Magdeburg , ist der durch seine Schriften , insonderheit auch durch seine Pariser Schicksale während der Revolutionszeit berühmt gewordene Graf Schlabrendorf . Er war ein Anhänger der Girondisten , weshalb er sich , in den Schreckenstagen , auf Antrag Robespierres eingekerkert sah . An dem Tage , wo der Karren vorfuhr , um ihn und andere Verurteilte zum Schafott abzuholen , fehlten ihm seine Stiefel , worauf hin er erklärte : » man könne doch am Ende verlangen in Stiefeln guillotiniert zu werden . « Es hatte das seine Wirkung , und der Scherge , der infolge dieser Bemerkung in eine gute Laune gekommen war , antwortete : » eh bien ; demain matin « . Am andern Morgen aber , wo des Grafen Name nicht mehr auf der Liste stand , wurd ' er vergessen und bald danach , nach dem inzwischen erfolgten Sturze Robespierres , in Freiheit gesetzt . Unter Napoleon , obwohl dieser von Schlabrendorfs scharfer Kritik über ihn hörte , blieb er als » Sonderling « unangefochten . Er war Philosoph und Philanthrop und verwendete seine nicht unbedeutenden Einkünfte zu wohltätigen Zwecken , besonders für seine Landsleute . Nach den Befreiungskriegen ( er blieb immer in Paris ) empfing er das Eiserne Kreuz . Er starb daselbst am 22. August 1824 . In Gröben befand sich ein Porträt von ihm , Kniestück , das um seiner storren Frisur und seiner Glotzaugen willen das Entsetzen aller Kinder war , die des Bildes daselbst ansichtig wurden . Es kam später fort und befindet sich jetzt auf dem Kalkreuthschen bei Landsberg a. W. gelegenen Schloß Hohenwalde . 50 Es gab damals zwei Generäle von Ryssel in der preußischen Armee , beide katholischer Konfession und beide Divisionäre , von denen der eine zuletzt in Neisse , der andre ( der im Text erwähnte ) in Trier stand . Beide waren früher in sächsischen Diensten gewesen und einer derselben hatte noch bei Groß-Beeren eine sächsische Brigade gegen uns kommandiert . Der Triersche nahm Anfang der zwanziger Jahre seinen Abschied und starb in Giebichenstein bei Halle . Der Berliner Witz gefiel sich übrigens damals , unter Ausnutzung des Namens » Ryssel « , in folgendem etwas gewagtem Wortspiele : » Welcher Unterschied ist zwischen einem Elefanten und Friedrich Wilhelm III. ? « » Der Elefant hat einen Ryssel und Friedrich Wilhelm hat zwei . « 51 An dieser in Portlandzement ausgeführten Kanzel befinden sich die Statuetten von Luther , Melanchthon und Calvin , was , unmittelbar vor Einweihung der Kirche , eine Kontroverse herbeiführte . Da Gröben , von den Tagen der Reformation an , immer lutherisch gewesen war , so protestierte der Geistliche , trotz seiner intimen Stellung zur Patronin , aufs entschiedenste gegen die Zulassung Calvins . Aber Frau von Scharnhorst bestand darauf und drang mit ihrem Willen durch . Es scheint mir indessen unzweifelhaft , daß der Geistliche ( Pastor Henschke , Freund und Erzieher Fräulein Johannas ) im Rechte war . Es würde doch beispielsweise sehr auffallen und dem entschiedensten Widerspruch aller reformierten Geistlichen begegnen , wenn seitens einer zufälligen Majorität unserer » Kolonie « plötzlich der Beschluß gefaßt werden sollte , die Statue Luthers an den Kanzeln unserer französisch-reformierten Kirche anzubringen . 52 Während der Verhandlungen , die bereits vielfach über die Pfarrgründungsfrage stattgefunden haben , ist es bis jetzt ganz unmöglich gewesen , den Bauer aus dem Sattel zu heben . Auf die Bemerkung : » Und Ihr werdet dann auch nicht länger nötig haben , Eure Kinder bei Winterwetter eine halbe Meile weit zum Konfirmationsunterricht zu schicken « antwortete man einmütig : » Ei , auf diese zwei Tage freuen sich ja die Kinder die ganze Woche ; da haben sie Schlittenbahn und schneeballen sich und kommen immer frisch und munter nach Hause . « 53 In dem Punkte , daß man im Kabinett eine gewisse Bestrittenheit der Scharnhorstschen Verdienste wegleugnen wollte , hatte man gewiß unrecht , aber darin andererseits gewiß recht , daß er mindestens » unopportun « war , in