Wohlwollen , als er uns sogleich die Pachtübernahme gestattete , alles Das fesselte dich ... was läßt sich gegen einen magnetischen Einfluß thun , den du selbst auf die Locke , die ich ihm im Scherze raubte , übertrugst ... Hast du ihn nicht selbst verehrt wie keinen andern fremden Menschen der Erde ? sagte Selma . Hätt ' ich Das ? Wer betrachtete die Locke , dies Kleinod , dies Angedenken an den damals so Lieben , so Theuren , so Guten , zärtlicher ? Wir hatten einen Wettkampf unsrer Liebe und du bist ermattet , du bist enttäuscht , du bist hoffnungsloser als ich ... Selma ! Ich rede ernstlich mit dem Kinde der Fremde . Vertheidige ihn nicht gegen mich und nicht gegen dich ! Es ist ein Fürst ! Uns weit , weit entfremdet ! Und willst du das Leben eines frivolen jungen Weltmannes entschuldigen , der mit liebenswürdigen Formen und großen Fähigkeiten des Geistes eine unläugbare Verderbtheit des Herzens verbindet ? Schaudert dich nicht vor den Untiefen der Laster , in die du leider schon hast einblicken dürfen ? Selma wandte sich ab und weinte . Wenn es wahr ist , sagte Ackermann , daß Egon eine einfache Bürgerliche , wie Melanie Schlurck , heirathen könnte , so entstand in dir vielleicht der Gedanke : Er ist nicht stolz , ohne Vorurtheile , er ist edel , er könnte auch dich lieben ! Aber ich beschwöre dich , Kind , gib diese Träumereien auf ! Vertheidige ihn nicht ! Laß ihn hinfahren in seiner regellosen Kometenbahn ! Reine Naturen würden sich nur in seiner Nähe versengen . Und wär ' es ein Engel und die Tugend selbst , Selma , höre ein Wort deines Vaters , ein ernstes , du darfst ihn nicht lieben ! Selma richtete das traurige Auge fragend und erstaunt zum Vater . Ich darf ihn nicht lieben ? Nie ! Nie ! wiederholte dieser . Du darfst ihn nicht lieben ! Und nun genug ! Selma war von Ackermann erzogen , wie man Kinder erziehen soll . Er verlangte Gehorsam . Keine Furcht , aber Gehorsam . Und doch folgte sie nur da , wo sie überzeugt war . Ihr kluges , fragendes Aufblicken bei diesem unbedingten : Nie ! Nie ! des Vaters durfte diesen nicht befremden ; doch wider seine Gewohnheit blieb er ihr die Gründe seines unbedingten Wortes schuldig , wiederholte es noch einmal und warf Selma in einen Zustand der Zerrissenheit , der sie um so unglücklicher machte , als sie sah , daß auch der Vater litt und in jene melancholische Stimmung verfiel , die sie sonst sogleich bemüht war , an ihm zu verscheuchen . Heute zum ersten Male stand ihr kein Scherz zu Gebote . Sie lehnte sich in die Ecke und weinte - der Vater sah auf die durchnäßten , öden , traurigen Felder - der Wagen fuhr so hin - mit diesem Winter starb Selma Alles ; denn warum sollte sie nicht lieben , auch ohne Hoffnung , jemals zu besitzen ? Die Weihnachtszeit kam heran und brachte kleine Weihnachtsfreuden . Ein Tannenbaum flimmerte den Pfar-rerskindern ; aber die Hoffnung , der Vater käme selbst , erfüllte sich nicht . Neujahr brachte wieder Frost . Es war Winter und blieb Winter , auch in den Gemüthern . Ackermann las und schrieb viel . Selma nahm ihren Unterricht fort . Oleander dichtete , duldete , hoffte . Fränzchen erfuhr selten etwas von Louis . Heinrich Sandrart hatte zu Weihnachten nicht kommen können , da der politischen drohenden Stürme wegen keine Beurlaubungen gegeben wurden . Er schrieb öfters an Heunisch , der im Frühjahr sicher die Auflösung der immer kranken Ursula erwartete und von dem weitern Verlauf der sonderbaren Vorfälle , die in seinem Hause stattgefunden hatten , nichts mehr erfuhr . Der junge Zeck quälte sich , das Geschäft seines Vaters fortzuführen . Es gelang ihm nur mit Mühe . In ' s Amthaus , nach dem Ullagrunde und Randhartingen brachte Oleander zuweilen Briefe von Siegbert und Louis mit , Briefe , die immer inhaltreich , immer anregend waren , doch auch viel Trübes und Besorgliches für die allgemeinen Zustände enthielten . Frau von Sänger tröstete sich , daß die » fliegenden Kolonnen « eher nun verstärkt wurden , als aufhören sollten . Graf Bensheim , Herr von Sengebusch erwarteten bevorstehende große Ereignisse . Herr von Zeisel beobachtete im Stillen Ackermann ' s großartige Zurüstungen zum erwachenden Frühjahr . Sie sahen sich selten , da seine Frau ihre Abneigung gegen Menschen , die ihren Einfluß und den Justizrath Schlurck verdrängt hatten , nicht bemeistern konnte . Und in der That lebt man im Winter nirgends abgeschlossener als auf dem Lande . Die Bewohner zweier Dörfer , die sich ganz in der Nähe liegen , berühren sich monatelang nicht . Erst der Frühling führt Alles wieder zusammen und wie nach einer langen Entfernung begrüßen sich dann die naheliegenden Nachbarn und wünschen sich gegenseitig Glück zum überstandenen Winter und freuen sich , einander wieder wohlbehalten und leidlich unverändert anzutreffen . Die öffentlichen Verhältnisse hatten sich bis zum Unglaublichen umgeworfen . Die große Flut einer ziellosen Bewegung , die alle Dämme , alle Ufer gebrochen hatte , war zwar in ihrer verheerenden Wirkung gehemmt , aber nicht zurückgelenkt in ein felsenstarkes Bett oder einen mit Klugheit gebauten Kanal . Diese großen , trübe aufgewühlten Gewässer stauten . Ein kleiner Abzugsweg und aufs Neue mußten sie mit verheerender Gewalt fortstürzen . Fürst Egon von Hohenberg hatte , ein neuer Perseus , die Chimära der Revolution bändigen wollen . Anfangs glaubte er es durch ein vernichtendes Zauberwort zu können , durch eine ideelle Lösung des geheimnißvollen Sphinxräthsels ; allein bald hatte er , wie alle übrigen Gegner der Zeit , zu Feuer und Schwert greifen müssen . Aus der Doktrin , die seine Unternehmungen anfangs höchst ehrenwerth erscheinen ließ , mußte er bald hinausrücken auf das Feld der gewöhnlichen Praxis ; denn nur die Ideen , die eine