– vergessen kann ich es nicht , daß er meinen Vater in den Tod jagte und zehn Jahre lang den Makel auf seiner Ehre ließ . Aber was Ronald sterbend that , das galt nicht mir und nicht der Gerechtigkeit , das galt einzig dir , Edith ! In deiner Erinnerung wollte er versöhnt dastehen , du solltest um ihn weinen . « » Und ich habe geweint ! « sagte Edith leise . » Ich weiß , aber nun laß das ruhen ! Diese Erinnerung war es doch nicht , die wir hier suchen wollten . Sieh , da steht unser › Verheißungswort ‹ – es hat doch recht behalten ! « Damit zog Ernst seine Gattin noch einige Schritte vorwärts . Sie standen wieder vor der Waldkapelle , wo sich aus dem grauen , zerfallenen Mauerwerk das alte Denkmal hob . Die Epheuranken hatten es noch dichter eingesponnen , aber dazwischen webte leuchtendes Sonnengefunkel auf dem dunklen , bemoosten Stein mit der halbverwischten Inschrift und jenem Verheißungswort , das auch einst leuchtend wie ein Sonnenstrahl in ein dunkles , schon halb aufgegebenes Dasein gefallen war : » Erwachen ! Zu Leben und Licht ! « Der höhere Standpunkt Ja , Gnädige , es ist schon richtig so , die Sach ' mit dem Schleier Wenn ' s auch lange her ist , schon viele hundert Jahr , so geht ' s noch heutzutag , man soll ' s nur versuchen . Wenn em Bub was Liebes hat , dann muß er ihm den Schleier stehlen – ein Fürtuch thut ' s auch , wenn ' s ein Mädel aus den Bergen ist – dann vergißt ' s ihn nimmer . Er liegt ihm im Sinn Tag und Nacht und es kommt nimmer los von ihm – aber gestohl ' n muß es halt sein . « Es war ein alter Bauer in Lodenjacke und Kniestrümpfen der soeben eine der Bergsagen erzählt hatte , an denen die Alpen so reich sind , und nun mit feierlichem Ernste den alten Volksglauben vertrat , der sich daran knüpfte . Seine Zuhörer , eine junge Dame und ein halb erwachsener Knabe , lauschten mit voller Aufmerksamkeit der wundersamen Geschichte , wahrend die beiden Herren , die etwas abseits auf der grünen Matte der Alm lagerten , sich ablehnender verhielten . Der Aeltere , ein Mann in vorgerückten Jahren , mit ergrautem Haar und freundlich wohlwollenden Zügen , lächelte nur , während sich in dem Gesichte des Jüngeren der herbste Spott ausprägte . » Nun hören Sie nur diesen Unsinn , Herr Kollege ! « sagte er halblaut . » Und dabei spricht der Mensch im Tone felsenfester Ueberzeugung ! Dieses Volk mit seinem Aberglauben hat doch noch entsetzlich weit bis zum Lichte der Vernunft ! « » Wozu sich denn so ereifern , lieber Normann , « sagte der Aeltere ruhig , » Lassen Sie doch dem Volke das bißchen Poesie , das noch in seinen Sagen und Bräuchen wiederklingt , sonst ist sie ja nirgends mehr zu finden . « » Ist auch gar nicht nötig , « brummte Normann . » Man kann auch ohne das fertig werden im Leben . « » Je nachdem , mit zwanzig Jahren denkt man anders darüber . Ich habe auch meine poetischen Jugendsünden gehabt , ich habe sogar einigemal Verse verbrochen . Nun , entsetzen Sie sich nur nicht , besagte Verse waren ganz ehrbar an meine damalige Braut und spätere Ehegemahlin gerichtet . In solchem Falle greift auch einmal ein Mann der Wissenschaft in die Saiten der Leier – Sie haben das freilich wohl niemals gethan ? « » Ich ? Aber , Herr Professor Herwig ! « » Nehmen Sie es nur nicht übel , « lachte Herwig . » Ihnen traut das ja auch niemand zu . – Nun , Dora , hast du endlich genug von der Wundergeschichte ? « Die letzte Frage galt der jungen Dame , die soeben herantrat . Es war ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren , eine frische , anmutige Erscheinung , welcher der dunkelblaue Reiseanzug allerliebst stand . Der leichte Filzhut mit dem blauen Schleier , der auf den braunen Flechten saß , beschattete ein rosiges Gesicht mit klaren braunen Augen und zwei Grübchen in den Wangen , aus denen der Schelm lachte , und das ganze Wesen sprühte von jener glücklichen Heiterkeit und jenem Uebermut , den nur die Jugend kennt . » O Papa , ich plaudere so gern mit den Leuten , « erwiderte sie , » und wenn der Sepp nun vollends auf die Bergsagen kommt , hat er in mir die dankbarste Zuhörerin . Aber ist es nicht schön hier auf der Alm ? Sieh nur , wie reizend unser Schlehdorf dort unten liegt , wie der See blitzt im Sonnenschein ! Und droben auf dem Gipfel muß es noch schöner sein , da sieht man über all die Bergeshäupter weg , weit in das Land hinaus . Ich war noch nie dort oben , heut aber steigen wir jedenfalls hinauf , nicht wahr , Friedel ? « Sie wandte sich zu dem Knaben , der gleichfalls städtisch gekleidet war , dessen dürftiger und schon vielfach abgetragener Anzug aber verriet , daß er nur eine dienende Stellung in der Gesellschaft einnahm . Er mochte dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein und war hochaufgeschossen , aber mager und schwächlich . Das reiche , blonde Haar fiel um ein blasses Gesicht , das recht kümmerlich aussah mit seiner krankhaften Farbe und den dunklen Ringen um die Augen . Anziehend waren nur diese großen blauen Augen selbst , die freilich nicht in froher Reise- und Wanderlust strahlten wie die der jungen Dame . Sie hatten im Gegenteil einen recht müden , traurigen Ausdruck und doch leuchteten sie auf , als von der weiten Aussicht droben auf der Höhe die Rede war . Der Knabe war augenscheinlich eines jener armen verkümmerten Stadtkinder , die in engen Straßen und dunklen Höfen aufwachsen ,