Gouvernante , während sie Giselas dargebotene Hand herzlich drückte . » Ich nehm ' es nicht an , schon um der Gräfin selbst willen nicht ! ... Gott segne ihr gutes Herz ! Sie soll nie eine trübe Stunde haben , am allerwenigsten aber um meinetwillen ! ... Aber Ihnen , Frau von Herbeck , sage ich noch eins « , fügte sie tiefernst hinzu und hob fast feierlich den Zeigefinger . » Der Mann geht , den Sie › wie eine Natter zertreten ‹ haben . Sein Beruf ist ihm genommen worden , und das trifft ihn tausendmal härter , als wenn er Mangel leiden müßte ... Es ist eben eine Zeit , wo Sie alles wagen können , denn Sie werden beschützt ! ... Aber glauben Sie ja nicht , weil Sie jetzt die Wahrheit unter den Füßen haben , daß es auch so bleibt ! ... Sehen Sie sich Neuenfeld an ! Da wächst der Geist , den Sie mit niedertreten wollen , mit jeder Stunde ! Und wenn Sie mit Keulen draufschlagen , Sie bringen ihn nicht unter , er verschlingt Sie doch zuletzt , denn er hat das ewige Leben – er geht ja mit der Liebe zusammen , die das Christentum zu allererst predigt ... Setzen Sie immerhin den alten Teufel mit seiner Hölle wieder ein , stellen Sie ihn vermessen dem lieben Gott gegenüber , bauen Sie ihm einen Thron , höher als den , auf dem der Allmächtige sitzt – es hilft Ihnen alles nichts – Sie machen eine Leiche nicht wieder lebendig ! « Sie verbeugte sich gegen die Minister und die junge Gräfin und ging . Seine Exzellenz sah ihr sprachlos nach , diese Kühnheit überstieg alle Grenzen ; und er hatte nicht einmal Gelegenheit , die Frau zu strafen – er konnte ihren Mann doch nicht zweimal pensionieren ... Das sah einer Niederlage sehr ähnlich ; in solchen Fällen aber hatte Seine Exzellenz nie anders gewollt . Er setzte sich demnach sehr gelassen nieder und zündete seine erloschene Zigarre aufs neue an . Frau von Herbeck , deren bleichgewordene Lippen im tiefsten Zorn bebten , warf ihm einen heimlichen Blick voll Gift und Galle zu – in diesem Augenblick war doch die berühmte diplomatische Ruhe wahrhaftig nicht am Platze ! » Ein unverschämtes Weib ! « stieß die Baronin heftig hervor . » Und das wirst du ungestraft hingehen lassen , Fleury ? « » Ei was – laß sie laufen ! « entgegnete er verächtlich . Er lehnte sich behaglich zurück und ließ einige blaue Duftringel seinen Lippen entschweben , während er mit einem Blick seine Stieftochter vom Kopf bis zu Füßen musterte – sie stand noch mit allen Zeichen tiefster Erregung vor ihm . » Nun , meine Tochter « , sagte er ironisch lächelnd , » du warst ja eben im Begriff , dein altes Greinsfelder Patronatsrecht zum Besten des fortgeschickten Pfarrers aufzufrischen ! ... Toleranz ist eine schöne Sache , aber neu und pikant wäre es doch , wenn sich die katholische Gräfin Sturm von einem protestantischen Geistlichen die Messe lesen ließe ! « Gisela hielt die gefalteten Hände fest gegen die Brust gedrückt , als wolle sie das Klopfen ihres Herzens beschwichtigen . » Das ist mir nicht eingefallen , Papa ! « entgegnete sie mit gepreßter Stimme . » Ich wollte den armen Vertriebenen eine Heimat geben und ihr Leben sorgenfrei machen ! « » Sehr großmütig , meine Tochter « , spottete der Minister , » wenn auch ein wenig taktlos , da ich es bin , der sie › vertrieben ‹ hat , wie du beliebst , dich auszudrücken . « » O liebe Gräfin , haben Sie sich wirklich durch das Lügengewebe betören lassen ? « rief Frau von Herbeck . Bei diesen Tönen voll Hohn und Haß brach die mühsam behauptete Fassung des jungen Mädchens zusammen . » Das Lügengewebe ? « wiederholte sie , und ihre Augen flammten . » Die Frau sprach die Wahrheit ! « fuhr sie entschieden fort . » Da war auch nicht ein Wort , das mich nicht bis ins innerste Herz getroffen hätte ! ... Wie kindisch lenksam und unerfahren bin ich bis jetzt gewesen ! Ich habe Menschen und Dinge mit Ihren Augen angesehen , Frau von Herbeck – ich war denkfaul und blind ! Das ist ein bitterer Vorwurf , den ich mir machen muß – « Sie schwieg plötzlich , ihre Lippen legten sich fest aufeinander . Sie hatte einen tiefen Abscheu vor aller aufbrausenden Heftigkeit , und jetzt strömten ihr die Worte über die Lippen , ihr Klang fiel zündend auf ihr Herz zurück und riß sie fort – das durfte nicht sein . Sie preßte einen Moment die schmalen Hände gegen die Schläfe , dann ergriff sie ihren Hut . » Papa , ich fühle , daß ich aufgeregt bin « , sagte sie mit ihrer süßen Stimme , in der bereits der sanfte Klang wieder vorherrschte . » Darf ich mich ein wenig in den Wald zurückziehen ? « Der Minister schien mit der » gereizten « Stieftochter dieselbe Nachsicht zu haben wie einst mit dem kranken Kind . Er hatte sie mit keinem Wort , keiner Bewegung unterbrochen , und jetzt winkte er ihr väterlich und gütig gewährend mit der Hand . Sie schritt über die Wiese in den Wald hinein . » Sie sind alt geworden , Frau von Herbeck ! « sagte Seine Exzellenz beißend und schonungslos zu der erbleichenden Gouvernante , als das blaue Kleid hinter dem Gebüsch verschwunden war . » Da machen sich andere Zügel nötig ! « ... 15 Gisela schritt am Seeufer hin . Sie hielt den Strohhut in der rechten , während ihre linke Hand mechanisch das niedrige , elastische Ufergebüsch durch die Finger gleiten ließ . Der schwache Morgenwind , der das blonde Haar der jungen Dame leise hob , kräuselte auch die sonnenfunkelnde Wasserfläche – sie schien besät mit zahllosen flatternden und pickenden goldenen Vögeln