und züchtigte ihn weidlich mit ihren großen , kräftigen Händen – dann stellte sie ihn auf die Beine und stieß ihn nach der offenen Tür , die vom Gange in das Klosterhaus führte . Zuerst hatte er , stumm vor Überraschung , keinen Laut von sich gegeben . Er war in seinem ganzen jungen Leben noch nicht geschlagen worden – wer von den Leuten hätte sich auch je an dem vergötterten Ratssöhnchen auf dem Klostergute vergreifen mögen ? – Er wußte nur , daß andere Geschöpfe unter seinen Gerten- und Peitschenhieben aufschrien , und nun schrie er selber , aber erst in dem Augenblick , wo ihn die unerbittliche Hand auf die Füße stellte ... Nun rannte er wie besessen durch den Gang und die Treppen hinab ; die eisenbeschlagenen Absätze tosten über die Stufen ; er kreischte wie ein Tier – je tiefer er hinab kam , desto durchdringender . Das gellte von den Treppenwänden und hallte aufschreckend durch die weite Flur des alten Klosterhauses . Das Gesinde lief zusammen , und der Rat kam entsetzt aus dem Amtszimmer und fing seinen auf ihn zustürzenden Sprößling in den Armen auf . Kreideweiß vor Schrecken trug er ihn in seine Stube , und die Hand , die das magere , braune Gesicht des Knaben beruhigend streichelte , zitterte sichtlich . Mosje Veit wußte , daß er an Krämpfen litt – die Mägde hatten in seiner Gegenwart davon gesprochen und die Zuckungen nachgeahmt . Seitdem traten diese Erscheinungen sehr häufig auf ; er warf sich hintenüber und zuckte mit Armen und Beinen , wenn irgend einer seiner Wünsche auf Widerstand stieß ... In diesem Augenblick nun durchschütterte eine wirkliche Aufregung , eine grenzenlose Wut , den dürren , schmächtigen Körper – er schlug um sich und wühlte , immer noch schreiend , den Kopf krampfhaft in die dicken Federkissen des Sofas , auf das der Rat ihn gelegt hatte . Dieser Zustand erschien allerdings beängstigend ; aber die kleinen , zwinkernden Augen des Patienten schielten sehr bewußt und beobachtend dem Vater nach , der angsterfüllt nach einem Schranke eilte , um das gewohnte , krampfstillende Mittel herbeizuholen . Da riß das Geschrei jäh ab , und das Schlagen auf dem Sofa verstummte . Diese plötzlich eintretende Stille hinter seinem Rücken machte den Rat erschreckt umsehen – Veit hatte sich aufgerichtet und starrte bestürzt nach der gegenüberliegenden Wand . Dem einen in Holz geschnitzten Heiligen dort war der segnend ausgestreckte Arm abgerissen – ein breiter dunkler Spalt trennte ihn weit vom Rumpfe . » Papa , die Wand geht entzwei – sie fällt ein ! « schrie er erschrocken auf . Mit einem fast wilden Satze sprang der Rat auf die Galerie ; er bückte sich , und unter seinen schiebenden Händen schloß sich der Spalt sofort geräuschlos . » Närrchen du ! « sagte er , die Stufen wieder herabkommend . » Die dicke Wand wird doch nicht einfallen ! Aber das vermorschte Holz kriegt allenthalben Risse – da muß der Tischler her und wieder einmal zusammenflicken . « Mosje Veit war ein kleiner Skeptiker . Sein scharfer Verstand und sein Lauern und Horchen in allen Ecken hatten ihm bereits jenen Kinderglauben geraubt , der alles für bare Münze nimmt , was Erwachsene sagen . Er schielte ungläubig nach dem Heiligen , der wieder scheinbar unverletzt das Weib zu seinen Füßen segnete – aber er schwieg und fing dann wieder an zu jammern , während der Rat an einen Tisch trat und die Arznei in einen Löffel voll Wasser schüttete . » Die Tante hat mich halbtot geschlagen , Papa ! « schrie Veit , er konnte den Augenblick nicht erwarten , wo der Vater fragen würde . Der Rat fuhr herum , als traue er seinen Ohren nicht . » Ja , furchtbar geschlagen und gestoßen hat sie mich . – Was kann ich denn dazu , wenn der dumme Bengel mir überall nachläuft , wie ein kleiner Hund ? « » Wer ? – Von wem sprichst du denn , mein Kind ? « fragte der Rat bebend – er glaubte , der Knabe beginne zu phantasieren . » Ich meine den fremden Jungen aus dem Schillingshofe , « versetzte Veit , sich ungeduldig herumwerfend ; » den blauen Bengel , der immer mit seinem großen Hund drüben im Garten spielt . – Er ist mitgelaufen bis in unsere Rumpelkammer – « » Er ist hier im Hause ? – Oben bei der Tante Therese ? « Veit nickte , und der halbe Inhalt des Löffels , den sein Vater in der Hand hielt , flog verschüttet auf die Dielen . 17. Schon während Veit heulend im Dämmerdunkel des Treppenhauses verschwunden war , hatte sich die Glut der Empörung auf dem Antlitz der Frau verflüchtigt ; es wurde wieder starr und weiß wie von Stein . Sie nahm den Zipfel ihrer breiten , blauleinenen Schürze und wischte dem kleinen José den Schweiß von dem erhitzten Gesichtchen . Dabei vermied sie jedoch beharrlich , in seine verweinten Augen zu sehen ; sie hatte auch kein beruhigendes Wort für das Kind , und als es auf ihren Wink hin , mitzukommen , seine Hand vertrauensvoll in die ihre schob , da zuckten die hartgearbeiteten Finger zusammen , als sei dieses weiche , warme Kinderhändchen ein zusammengeringeltes Reptil . Es war damals auch so eine Spätnachmittagstunde gewesen , als die heimlich aus Königsberg abgereiste Offiziersfrau den Vorsaal der Giebelwohnung betreten hatte . Da waren auch zögernde kleine Füße neben ihr hergetrippelt , und ein blondes Cherubimköpfchen hatte sich ängstlich an die Mutter geschmiegt , die mit harter Entschlossenheit das Einsiedlerleben auf dem Klostergute gegen eine immerhin glänzende Stellung eintauschte , um ihren Mann grausam zu strafen , ihn geflissentlich vor der Welt zu brandmarken ... damals hatte sie gemeint , das Kind an ihrer Hand so leiten zu können , daß es nie nach dem » leichtsinnigen « Vater zurückverlangen werde und für alle Zeit ihr ausschließliches Eigentum bleibe – eine furchtbare