über die Bedeutung der vorgelegten Abhandlung zu entscheiden hat . “ „ Ich dächte “ , rief Moritz , „ eine solche Dilettantenarbeit können wir Alle beurteilen , es ist eben die moderne Spielerei mit den sogenannten Hemmungs ­ fasern.16 Dahinter steckt ja nicht viel ! “ Sämtliche Anwesende blickten gespannt auf Johannes , der ernst und ruhig im Sessel lehnte . „ Eine Dilettantenarbeit ist es nicht . Ich gebe zu , daß es vorgegriffen und einseitig sein mag , alle Selbst ­ beherrschung auf die Hemmung von Reflexen zurück ­ führen zu wollen , jedenfalls zeugt aber die Auffassung der Hartwich von einem , weit über das gewöhnliche Laienwissen gehenden Verständnis der heutigen Nervenphysiologie , und ich kann nicht leugnen , daß eine so selbständige Verwertung des Gelernten der Beweis entschiedener Produktivität ist . “ Dabei sah er Her ­ bert an . „ Wirklich ? “ fragte dieser spitz . „ Ja ! “ bestätigte Möllner mit Wärme , „ dennoch aber — gebe ich meine Stimme zu ihrer Aufnahme nicht — und somit ist die Sache erledigt , denn wir sind nun Fünf gegen Drei ! “ Die Anwesenden sahen sich teils erstaunt , teils unwillig an . „ Was ist denn das ? “ rief Heim , „ Du warst ja heute ganz entzückt von dem Genie dieses Mädchens . “ „ Auf Dich haben wir uns verlassen , “ klagte Hilsborn . „ Das ist die erste Ungerechtigkeit , deren sich unser verehrter Freund Möllner schuldig macht ! “ sagte Taun kopfschüttelnd . Johannes blickte die entrüsteten Kollegen mit stiller Freude an und sah es deshalb wohl nicht , daß ihm Herbert die Hand hinstreckte , um sich für seinen Beistand zu bedanken . „ Gott Lob ! “ flüsterte dieser , „ daß Sie der Närrin den Garaus gemacht haben , “ und sog wohlgefällig , den Inhalt seines Glases aus . „ Johannes , Johannes ! “ sagte Hilsborn wieder , „ warum hast Du dem Mädchen und uns das getan ? “ „ Warum ? “ fragte Johannes und aus seinen Augen strahlte ein Licht , welches sein ganzes Antlitz verklärte ; „ weil sie mir mehr am Herzen liegt als Euch Allen ! “ „ Auf diese Weise aber bestätigst Du das wahrlich nicht , “ meinte Hilsborn . „ Glaubst Du , kurzsichtiger Mann ? “ sprach Möllner ernst . „ Was kann es Dir schaden , wenn die Hartwich glücklich wird ? “ grollte Hilsborn weiter . Möllner sah ihn lächelnd an . „ Wenn wir einem Kinde ein Messer wegnehmen , womit es spielt , so ge ­ schieht es nicht , weil wir fürchten , daß es uns , son ­ dern daß es sich selbst damit verletzen könnte . Das Kind wird uns freilich für seinen Feind halten , — aber deshalb meinen wir es doch gut . “ „ Nun , die Hartwich soll doch wohl nicht das Kind sein , das Du so bevormunden willst ? “ „ Ja , Hilsborn ! Das Weib steht unter der Vor ­ mundschaft des Mannes , wie groß es immer sei ! Wir sind sein leitendes Schicksal , wir haben es zu erziehen , zu schützen , und sind für seine Entwicklung verantwortlich . Wer von Euch , meine lieben Freunde Heim , Taun und Hilsborn , wird mir , wenn ich ihn auf sein Gewissen frage , nicht zugeben , daß die Hartwich auf einem Irrwege ist , daß sie über diejenigen Grenzen ihres Geschlechts hinaustreten will , welche eben die natürliche Scheidewand zwischen den Ge ­ schlechtern bilden ? Ich habe nichts gegen eine geistige Tätigkeit der Frau , welche ihre Kräfte innerhalb ihrer Sphäre beschäftigt , und ich stecke die Grenzen dieser Sphäre viel weiter , als zum Beispiel unser Kollege Herbert und mein Schwager Moritz . Aber ich habe eine so hohe Verehrung für echte Weiblichkeit , daß ich kein Vorhaben unterstützen werde , welches nur auf Kosten derselben ausgeführt werden kann . “ „ Ich glaube “ , sagte Moritz , „ daß die Hartwich schon mit der Weiblichkeit , von welcher Du sprichst , gebrochen hat , sonst würde sie gar nicht auf solche Gedanken gekommen sein . Da ist wohl nicht mehr viel zu verderben . “ „ Du urteilst wieder voreilig , Moritz , wie immer , “ sagte Johannes . „ Wenn Du wüßtest , unter welchen Einflüssen dieses Mädchen aufgewachsen ist , Du wür ­ dest begreifen , daß es nicht ein Mangel an Zartgefühl , sondern ein hoher Mut ist , welcher sie vor den Schrecknissen eines physiologischen Studiums nicht erbeben , eine priesterliche leidenschaftliche Begeisterung , welche sie über das Einzelne hinweg nur auf das Ganze blicken läßt . Ein zu grelles Licht , das uns in die Augen strömt , macht uns blind für das Nächstliegende ; so war es wohl dem geistreichen Mädchen , als ihr ein Licht von Erkenntnissen aufging , das alles Wirkliche für sie in eine Glorie hüllte . “ Moritzens sonst so munteres Schelmengesicht wurde plötzlich ernst und er blickte mit einem Ausdruck von unverhehlter Besorgnis auf Möllner . „ Johannes , Du sprichst , als hättest Du ein persönliches Interesse für dies verschrobene Geschöpf . “ „ Warum soll ich es leugnen ? Ja , das habe ich auch ! “ Ums Himmelswillen ! “ rief Moritz , „ Du wirst doch unserem Freund Hilsborn nicht ins Gehege kommen ? Denn der hat , wie mir scheint , Absichten auf sie . “ „ O , da irrst Du Dich Moritz “ , erwiderte Hilsborn ; „ ihre gefährliche Emanzipationsbestrebungen flößen mir wohl Teilnahme ein , aber keineswegs den Wunsch , sie zu besitzen , — wenn ich sie auch gerne zur Schülerin haben möchte , so folgt doch daraus noch nicht , daß ich sie heiraten will . “ „ Siehst Du Hilsborn “ , sagte Johannes heiter , , , das ist der Unterschied zwischen