unter die Linde tragen , sie sonnte sich und atmete die erquickende Luft ein . Sie war ein großer , guter Charakter , das alte , schlichte Mädchen . Taktvoller und feinfühlender konnte niemand auf Erden sein . Mit keiner Andeutung hatte sie meine schmerzende Wunde berührt . Nur immer bemüht , mich zu trösten , war sie voll tausend kleiner Zärtlichkeiten gegen mich gewesen . Mir bangte heimlich vor ihren Vorwürfen , ich hatte schon gemeint zu hören : » Ich wußte es ja vorher – du wolltest es ja nicht besser – ich hab ' s ja gleich gesagt ! « Nichts von alledem . Gewarnt hatte sie mich , und nun ich unglücklich geworden , da nahm sie mich voll Liebe an ihr Herz und verschloß den Jammer , den sie darüber empfand , tief in ihrer Brust . Der Sommer verging , der Herbstwind fuhr über die abgemähten Felder , und jeder Tag brachte mir neue Gedanken an die selige Zeit im vorigen Jahre . Der zweite September kam mit demselben schönen Mondschein . Ich lehnte unter der Linde und sah nach dem Schlosse und dem Park hinüber . Diesmal war der Schein nicht so golden und klar wie damals , ein leichter Nebel hing wie ein feiner , duftiger Schleier über der Landschaft , oder waren es die Tränen , die mir im Auge standen ? Das alte Lied fiel mir ein , das ich heute vor einem Jahre so jubelnd gesungen , als ich , meine Hand in der seinen , neben ihm auf dem Waldwege dahin ritt . » Oh , nicht den letzten Vers ! « hatte er gebeten . Mond ist gegangen . Erloschen die Stern ' , So blaß meine Wangen , Und er , – ach so fern ! Wo mochte er sein ? Ach , es verging kein Tag , keine Stunde , in der ich nicht an ihn dachte – wie hätte ich ihn jemals vergessen können ! Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte , ob er glücklich ist , dann wollt ' ich ja gern meinen Schmerz weiter tragen durchs Leben . Ach , alles Glück der Welt für ihn ! Wieder vergingen die Wochen so langsam , so eintönig . Die Adventszeit kam heran , wieder lag Schnee auf Bäumen und Dächern . Ich konnte die alten , grauen Mauern des Schlosses ganz deutlich durch die entlaubten Bäume schimmern sehen , wenn ich oben in meines Vaters Stube am Fenster stand . Wieder war die schönste Schlittenbahn , und die Kinder hatten unter unserer Linde einen großen Schneemann aufgebaut . Das Weihnachtsfest stand vor der Tür . Wie bangte mir davor – wie sollte ich ihn nur verleben , diesen Abend ? Ohne Freude besorgte ich die kleinen Geschenke für meinen Vater und Kathrin , manche Träne fiel auf die Kleidchen , die mir Frau v. Bendeleben geschickt hatte , damit ich sie für die Dorfkinder nähe . – Und dann kam der Baron und bat mich , seiner Frau bei der Christbescherung im Schlosse zu helfen . » Es versteht sich von selbst , Gretel « , sagte er , » nur unter der Bedingung , daß du es gern tust . Du kommst jetzt so selten , daß man schier Angst hat , dich darum zu bitten , so traurig und blaß siehst du aus , wenn du bei uns bist . Ich hatte mir das ganz anders gedacht , meinte , du würdest wenigstens jeden Tag einmal hinaufgesprungen kommen . Freilich , die alte Kathrin , die nun so gelähmt ist – da mußt du die Wirtschaft führen . Sag , Kind , singst du auch noch ? « » Nein « , sagte ich leise , » ich glaube , mein Vater macht sich nichts daraus , und – « ich wollte hinzufügen : » mir ist das Singen vergangen « – schwieg aber . Am Tage vor dem Heiligen Abend stand ich wieder in dem hohen Saal und legte die Christgeschenke unter den Baum . Frau v. Bendeleben sprach freundlich und ruhig mit mir . » Du kommst doch morgen abend auch einmal herauf , Gretchen ? « bat sie . » Es wird ein stilles Weihnachtsfest in diesem Jahre . Bergens kommen nicht , Hannas wegen , sie wagt sich nicht mehr vom Hause fort . Wir werden wohl ganz allein sein . Komm nur ja auf ein Stündchen , mein Mann würde dich zu sehr vermissen . – Das ist für die große Annerl vom Waldhüter , die Ostern konfirmiert wird « , fuhr sie fort und legte einen Zettel auf das schwarze Kleid . » Das ist aus einem Trauerkleide von Ruth gemacht « – sie strich seufzend mit der Hand über das weiche , schwarze , wollene Gewebe – , » nun wird es schon ein Jahr , seit sie Witwe ist , vorgestern war der Todestag und am dritten Feiertage kam sie hier an . Mein Gott , ich sehe sie noch immer verstört und blaß in den Saal treten . Was muß man doch alles erleben ! « Wir waren bald fertig mit dem Aufbauen der Sachen . » Du könntest einmal zur Gräfin gehen , Gretchen , und sie fragen , ob sie der Bescherung beiwohnen will « , bat sie . » Ich will indessen die Lichter am Baume anzünden . Hör ' nur , wie die kleine Gesellschaft nebenan lärmt . Sie sind schon ungeduldig , Mamsell Rißmann kann sie kaum noch bändigen . « Mich berührte der Auftrag nicht angenehm . Die Erinnerung , wie ich schon einmal mit Hanna hingegangen war , um die schöne Gräfin zu holen , wurde wieder lebendig . Eben beschloß ich , Johann zu schicken , als ich Liesel erblickte , die eilig aus den Zimmern der Gräfin kam und mich beinahe umgerannt hätte , so rasch eilte sie dahin . » Jesses ! Fräulein Gretchen ! Nun , seien Sie nur nicht