den Gruß an den Großvater ! « 257 Bald darauf hielten sie vor dem Gasthof » Zur grünen Tanne « , und die Augen der Mutter strahlten ganz eigen aus dem Gesicht , als sie die oberen Fenster des Hauses streiften . Der Wirt , der voller Verwunderung über die vornehmen Gäste herbeistürzte , versicherte , daß zwei schöne Zimmer frei wären , und die drei stiegen nun , nachdem sie einen mit roten Backsteinfliesen ausgelegten Flur durchschritten hatten , die sauber gescheuerte Treppe empor , die dick mit schneeweißem Sand bestreut war , und standen bald darauf in einem niedrigen Eckzimmer mit einfacher Ausstattung . Der Wirt schloß die Tür nach dem Nebenraum auf , fragte , ob die Damen essen wollten , es sei Schweinebraten da mit Erbsenbrei , aber auch ein Beefsteak oder ein Schnitzel könne bereitet werden . Frau Professor entschied sich für das erstere , bat zunächst um Waschwasser , und als sie den Reisestaub abgeschüttelt und das kräftige Gericht in der sauberen Stube der Wirtin gespeist hatten , fand die Professorin keine Ruhe mehr . » Nun kommt , « sagte sie , » nun geht mit mir auf den Wegen meiner Jugend . « Sie hatte sich zuvor erkundigt , ob der Baron Zweistetten anwesend sei , und erfuhr , daß er seit Jahren schon im Auslande weile . Es ziehe ihn ja nichts zurück zu Haus und Herd , da er ein lediger Herr sei , meinte der Wirt , der allerdings der Enkel des » uralten « Weigel war . Ein Jammer und ein Elend sei es , fügte er hinzu , daß der Herr nun wahrscheinlich so hinsterben werde ohne Erben und der herrliche Besitz an eine ganz entfernte Seitenlinie käme . Wenn übrigens die gnädige Frau das Schloß ansehen wolle , der alte Diener habe die Schlüssel und zeige gern Haus und Garten . » Wir wollen es freilich ansehen , « antwortete die Professorin . » Und ich weiß auch , wo der alte Diener haust , wenn ' s noch so ist wie früher . Ich kenne dort jeden Schritt und Tritt . « Der junge Wirt blickte der vornehmen Erscheinung verwundert nach . » Vielleicht Verwandtschaft vom Herrn Baron , « meinte er zu seiner hübschen Frau . Die Damen gingen indessen im Schlosse umher , durch verlassene Zimmer und Säle , in denen Möbel längst verflossener Zeit standen und die Luft roch wie das Potpourri der seligen 258 Großmutter , nach Staub und verwelkten Rosen . Alte Porträts schauten von den Wänden , und die schwere Seide der Fenstervorhänge war brüchig und verschossen . Die jungen Mädchen hielten sich an der Hand und folgten der vorausschreitenden Mutter , die hie und da einmal stehen blieb , irgend einem Mobelstück oder einem Bild schwermütig zunickte wie einem alten Bekannten . Einige wenige Zimmer zeigten die Spuren des Bewohntseins . Bequeme Fauteuils standen darin , moderne Teppiche lagen auf dem Boden , und über dem Sofa hingen die Bilder von Kaiser Wilhem I. und Bismarck . » Des Herrn Barons Zimmer ! « sagte der Diener erklärend . Und hier weilte die Professorin ein wenig länger . Sie stand abgewendet von den Kindern am Schreibtisch , ihre Hand lag leicht und wie liebkosend auf der Platte des altertümlichen Möbels und in ihren Augen schimmerte es feucht . Das machte , sie hatte auf dem Tische zwischen einigen anderen Bildern ein winziges Daguerreotyp erblickt . Sie hatte die gekannt , die aus dem Rahmen 259 blickte , wie sich selber so gut . Ein Mädchenkopf mit hellen Haaren und schelmischen großen Augen – wie oft hatte er ihr lächelnd aus dem eigenen Spiegel entgegengeschaut – damals – ach damals ! Und das Bildchen stand da noch immer ! – Und » er « war unvermählt geblieben ! – Wie anders hätte sich doch ihr Leben gestalten können , wenn – ja wenn – . Ob sie heute noch tauschen möchte ? Nein , nein , tausendmal nein ! Als sie sich ihren Töchtern wieder zuwandte , zuckte eine tiefe Bewegung über ihr Gesicht . Aber sie bezwang sich und schritt wieder voran aus den Zimmern hinaus in das Treppenhaus , hinunter in die Halle und blieb dort vor einer Thür stehen , die in einen Seitenflügel führte . » Hier schließen Sie einmal auf ! « sagte sie bittend . » Da ist nichts zu sehen , Madame , da sind leere Räume , die hat früher ' mal der Rentmeister bewohnt , « berichtete der Diener . » Aber für mich ist darin noch allerlei zu sehen , lieber Mann , « antwortete sie . » Da drin bin ich geboren und groß gewachsen , und da habe ich mich verlobt , da ist meine Hochzeit gefeiert worden , meine Eltern haben dort gewohnt lange Jahre . « Der Mann nahm verlegen und eine Entschuldigung murmelnd einen Schlüssel aus einer kleinen Mauernische neben der Tür und öffnete mit einem verwunderten Blick auf die Frau . – Ein paar dämmerige Räume lagen vor ihnen , deren verbindende Türen geöffnet waren , sie waren vollkommen leer . Aber die Professorin eilte im ersten Zimmer gleich zu dem Fenster hinüber und stieß die Läden zurück . Die Sonne huschte durch das Laub der Lindenbäume in die weißgetünchten Räume , spielte in goldigen Flecken auf der Diele und blinkte so gut sie konnte aus dem braunen Kachelofen zurück . Die Mädchen blickten verwundert über die Schmucklosigkeit der kahlen Wände die Mutter an . Aber die stand lächelnd mitten im Zimmer , und dennoch liefen ihr die Tränen über die Wangen . » O lieber Gott , « sagte sie leise , » wie sonderbar ist es , daß ich noch einmal hier stehe ! Seht , Kinder , da am Ofen hatte Vaters Lehnstuhl seinen Platz und die Hunde lagen daneben . Am Fenster dort hinter der Zitzgardine war Mutters Nähtisch , ein Asklepienstock blühte da mit dichten Blättern , aber