für Daniel darum . Man versprach , ihrem Wunsch zu willfahren , doch hinterrücks wurden Ränke gesponnen , und wenn sie mahnte , wurde sie gleißnerisch vertröstet . Sie wunderte sich , eine Feindseligkeit anzutreffen , die sich wie auf Verabredung von allen Seiten gegen den jungen Musiker kehrte . Keiner der Widersacher ließ sich sehen oder hören ; es war das erstemal , daß sie handelnd mit der Welt zusammenstieß , und ihre Entrüstung über die Feigheit und Falschheit hatte etwas Rührendes . Endlich , nach einer langen und für sie demütigenden Unterredung mit dem Allerweltsmakler Alexander Dörmaul , wurde ihr das Engagement Daniels für das nächste Frühjahr zugesagt . Die Freifrau nahm indessen Stunden bei Daniel . Es war ihr Wunsch , mit dem Bestand guter Klavierwerke vertraut gemacht und über ihre Art faßlich belehrt zu werden . Es dauerte lange , bis sie sich an seine mürrische Strenge gewöhnt hatte . Ihr war , als zerre er sie aus einem wohlig lauen Bad in kalte Zugluft ; sie verlangte nach ihren Dämmerungen zurück , nach ihren Auflösungen , nach ihren wehleidigen Stimmungen . Einmal wagte sie einen entzückten Ausruf , als er einen fugierten Satz trocken erklärte . Da schlug er den Klavierdeckel unter ihren Händen zu und sagte : » Adieu , Frau Baronin . « Er kam erst wieder , als sie ihn durch einen Brief zu kommen bat . Verdorbener Saft , vergebliche Mühe , dachte er , ohne doch die menschliche Würdigkeit der Freifrau zu übersehen . Die acht Stunden im Monat waren ihm eine bittere Plage ; trotzdem fand er sich mit zwanzig Mark für die Stunde zu hoch bezahlt und sagte es auch . Der Verdacht , daß man ihm ein Almosen reichen wolle , machte ihn im höchsten Grade unliebenswürdig . Ein Diener erlaubte sich eine freche Vertraulichkeit ; da packte er den Menschen am Kragen und schüttelte ihn , daß er blau im Gesicht wurde . Er war sehnig wie ein Jaguar und im Zorn äußerst zu fürchten . Die Freifrau mußte den Diener entlassen . Einst zeigte ihm die Freifrau ein altertümliches Glas aus Bergkristall , welches schön bemalt war . Indem er es bewundernd anblickte , ließ er es fallen und das Gefäß zerbrach . Er war zerknirscht wie ein Schuljunge , und die alte Dame mußte ihn mit vielen Überredungskünsten beruhigen . Da spielte er ihr zum Dank den ganzen Karneval von Schumann vor , den sie über alles liebte . Man konnte ihn jeden Vormittag über die Fleischbrücke eilen sehen . Er ging stets rasch ; die Schöße seines Mantels flogen . Er hatte stets die Mundwinkel auseinander gezogen und die Unterlippe zwischen die Zähne geklemmt . Sein Blick war zur Erde gerichtet ; im dichtesten Gedränge schien er allein zu sein . Die umgebogene Hutkrempe verbarg die Stirn ; seine schlenkernden Arme glichen den Flügelstümpfen eines Pinguins . Wenn er bisweilen stillestand und mit einem horchenden Ausdruck im Gesicht schaute , ohne zu sehen , sammelten sich Gassenjungen um ihn und grinsten . Einmal fragte ein kleiner Knabe seine Mutter : » Sag Mutter , wer ist das uralte Männlein dorten ? « So müssen wir ihn denken , an diesem Punkt seines Lebens , vor den Gewitterjahren seines Lebens ; so eilig , so abgekehrt , so mürrisch , so trocken scheinend , so von Phantasie und Begierde durch den engen Kreis seines Werktags gejagt , so jung und so uralt ; so müssen wir ihn denken . 5 Die Wohnung von Daniel und Gertrud hatte drei Zimmer . Zwei lagen gegen die Straße und eines , das Schlafzimmer , lag gegen den düstern Hof . Mit geringen Mitteln , aber mit Lust und Fleiß hatte Gertrud alles getan , um die Räume zu schmücken . Obgleich die Decken niedrig waren und die alten Mauern massig wuchteten , boten die Stuben einen freundlichen Anblick . In Daniels Arbeitszimmer war der Stutzflügel das beherrschende Möbelstück . Fuchsienstöcke auf dem Sims gaben der Kargheit einen idyllischen Rahmen . Die Mutter hatte ihm das Ölporträt seines Vaters zum Geschenk gemacht ; von seinem Platz über dem Sofa schaute das ernste Antlitz Gottfried Nothaffts auf den Sohn , und es schien , als wende er bisweilen den Blick fragend zur Totenmaske der Zingarella , die ihm gegenüber ihr unendliches Geisterlächeln an den Schatten des Raumes verlor . Gertrud mußte alle häuslichen Arbeiten selbst machen , denn eine Magd konnten sie nicht halten . Sie hatte aber auch in den Jahren von Daniels Abwesenheit das Notenschreiben erlernt . Der Provisor Seelenfromm , der beim Apotheker Pflaum bedienstet war , hatte sie darin unterrichtet . Er war ein Vetter der Notarin Rübsam , und sie hatte seine Bekanntschaft durch Lenore gemacht . In seinen Mußestunden komponierte er kleine Walzer und Militärmärsche und widmete sie den Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses . Auch Gertrud widmete er eine Komposition , betitelt Feenzauber , eine Gavotte . Als Daniel von ihrer Fertigkeit erfuhr , schlug er vor Erstaunen die Hände zusammen . Das seltsame Wesen sah in einem Glücksrausch zu ihm empor . » Ich will dir helfen , « sagte sie , und sie schrieb seine Notenschriften ins Reine . Auf der Straße gehend , schloß sie bisweilen die Augen . Eine Tonfolge zog an ihr vorüber , deren eigentümliche Sprache sie erst in diesem Augenblick verstand . Während sie mit einem Marktweib um den Preis des Gemüses handelte , war ihr Inneres voll Gesang . Bestimmte Töne und Tonverbindungen traten figürlich vor ihr Auge . So zum Beispiel glich das zweigestrichene B des Basses einer schwarzverschleierten Frau ; das E der Mittellage einem Jüngling , der die Arme dehnte . In den Akkorden , Harmonien und harmonischen Verwandlungen wurden diese Gestalten von einer Bewegung erfaßt , die sich nach dem Charakter der Komposition richtete . Ein Zug trauernder Gestalten zwischen Wolken und Sternen ; wilde Tiere , die von berittenen Jägern gehetzt werden ; Mädchen , welche Blumen aus