sondern als tue ein jeder von ihnen das , was er gerade trieb , aus persönlichem freien Willen und Vergnügen . So jetzt diesen sogenannten Krieg gegen die Boxer . Ihnen gegenüber , auf der anderen Seite des Platzes , in den kaiserlichen Absteigeräumen des Himmelstempels , hausten englische Offiziere , und ihre indischen Reiter kampierten in dem großen Park , der den Tempel umgibt . Die heiligste Stätte Pekings war das , vor der jeder Chinese ehrfurchtsvollen Schauder empfand , denn hier , auf hoher marmorner Estrade , opferte ja der Kaiser alljährlich seiner göttlichen Heimat , dem Himmel , legte vor ihm Rechenschaft über sein letztes Regierungsjahr ab und erflehte das Mandat , ein weiteres Jahr zu herrschen . Früher durfte niemand diesen weihevollen Ort betreten . Jetzt war er eine Kaserne fremder Barbaren ! Auch die Russen und Japaner hatten ihre gesonderten Gebiete in der Stadt ; und die Truppen der verschiedenen anderen Völker , die Tschun nicht immer recht voneinander unterscheiden konnte , besaßen ihre getrennten Quartiere . Schließlich war für Tschuns Herrn aber doch auch noch in einem entlegenen Stadtteil ein altes , weitläufiges Yamen gefunden worden . Und es erwies sich , daß es dasselbe war , wo Tschun vor ein paar Monaten die abendliche Schaustellung der Boxer mit angesehen hatte . Welch seltsame Wandlung seitdem ! Wie siegessicher war damals in dem überfüllten Hofe der Untergang aller fremden Teufel prophezeit worden ! Und jetzt stand das Yamen verlassen . Der Besitzer war vor den Barbaren geflohen und der Kaiserin nachgeeilt , und jene zogen nun hier als Sieger ein . Um das Yamen für die Fremden bewohnbar zu machen , galt es vor allem , es auszuräumen und all die tausenderlei Dinge wegzuschaffen , die , im Gedanken , daß sie einmal gebraucht werden könnten , von Chinesen nie fortgeworfen werden und sich in ihren Häusern zu ungeahnter Fülle ansammeln . Neben wertvollen Stücken kam da unendlich viel Gerümpel zutage . Kulis , die Tschun angeworben hatte , sollten all das wegschaffen . Dazwischen aber mischten sich die Soldaten in diese Arbeit , lachten über die seltsame Anhäufung von Fetzen und Scherben , trieben Unfug mit all dem fremdartigen Plunder . Es waren ausgelassene junge Menschen , die es nicht sonderlich böse meinten , aber Tschun empfand es alles als Hohn . Er entsann sich des blinkenden Napfscherbens , den er auf dem Trümmerhaufen seines eigenen einstmaligen Häuschens liegen gesehen , und es würgte ihn etwas in der Kehle . » Warum siehst Du so griesgrämig aus ? « rief ihm einer der Soldaten zu . » Würdet Ihr froh aussehen , wenn all das in Eurem Lande geschähe ? « antwortete Tschun . Der Soldat und seine Kameraden sahen sich zuerst verdutzt an , und dann brachen sie in ein schallendes Gelächter aus . Es war aber auch zu komisch ! Ihr Land mit diesem Pekinger Misthaufen zu vergleichen ! Aber sie betrachteten Tschun von da an als einen ungemütlichen Spielverderber und setzten nun ihrerseits etwas hinein , ihn möglichst zu necken . Und es bot sich dazu häufig Gelegenheit , denn Tschuns Amt bestand gerade darin , für die vielen Bewohner des Yamens und ihren ganzen Haushalt den Verkehr mit den Chinesen zu vermitteln . Da gab es immer irgend etwas , was dieser oder jener von ihm wollte . Und hörte er nicht rasch genug auf die verschiedenen Wünsche , so zogen sie ihn gelegentlich am Zopf . Besonders gern tat das ein böser Korporal ; er nannte es » die Schnur zur Klingel im Kopf in Bewegung setzen « . Ja , es waren rohe Leute , die von Manier und Zeremonien offenbar noch weniger Ahnung hatten als die Bewohner der Gesandtschaften , die Tschun bisher gekannt hatte . Jene , die ja angeblich geschickt worden waren , » um gute Beziehungen mit China zu pflegen , « hatten etwas von diesem Bestreben doch immerhin auch im Verkehr mit ihren chinesischen Bediensteten gezeigt - diese neuen Fremden dagegen traten herrisch auf und erklärten anmaßend , daß sie gekommen seien , um endlich mal Ordnung und ein strammes Regiment in diesem verlotterten , korrupten Lande einzuführen . Tatsächlich versuchte auch schon in den ersten Tagen nach dem Entsatz jeder in seinem Gebiet auf seine Weise zu regieren . Sie » pazifizierten die Stadt « , wie sie es nannten , und bildeten sich ein , sie von » zweifelhaften Elementen « zu säubern - und waren dabei doch so unwissend , daß sie eigentlich in jedem Zopfträger einen » alten Boxer « sahen . Sogar Tschun riefen sie so . Und er hatte doch im Petang mitgekämpft und bei der Erbeutung der Kanone geholfen ! Es machte Tschun oft ganz ungeduldig , diese neuen Fremden untereinander voll Ueberhebung von China reden zu hören ; mit Hochmut urteilten sie über alles , glaubten jede Sache besser zu wissen und kannten und verstanden doch eigentlich noch gar nichts , waren ja auch zumeist erst vor wenigen Tagen ans Land gestiegen . Und was wurde nicht alles unter diesem strammen Regiment stillschweigend geduldet ! Was taten , die es führten , nicht gar selbst ! Die Sucht , zu plündern , lag wie eine Epidemie in der Luft . Die Boxer hatten sie zuerst gebracht . Aber nun wurden alle , Chinesen und Fremde , davon ergriffen . Jeder zog wie ein Schatzgräber auf geheimnisvolle Wege aus . In einer der Gesandtschaften wurde dann all die Beute öffentlich versteigert . Das gab dem ganzen seltsamen Handel einen ehrbaren , offiziellen Anstrich . Ein unlauteres Gewerbe war dadurch , unter obrigkeitlicher Kontrolle , systematisiert . Man sprach auch nicht von Beute , sondern von Funden . Schätze an Pelzen und Seide , an Altertümern aller Art , kamen da unter den Hammer . Neben diesen mehr privaten gab es aber auch ganz große nationale Transaktionen , die schon eher den Charakter staatlicher Finanzoperationen trugen ! Von den Inselzwergen wurde erzählt , sie hätten auf