und in der allgemeinen Kopflosigkeit nahm man ihr Anerbieten an , das in einem ruhigen Augenblick wohl lächelnd abgewiesen wäre . Und nun stellte sich die Kleine vor die Lampen und den dunkeln Zuschauerraum , im weißen Kleid mit dem goldenen Gürtel , wie sie so oft vor dem strahlenden Spiegel gestanden . Wie Laertes sie ermahnt : » Schlaf nicht , laß von dir hören « , antwortet sie in süßer Verwirrung ihr » Zweifelst du daran ? « Und in den drei Worten klang ihre Angst und Hoffnung , ihre Liebe und Furcht so wunderbar an die Ohren der Hörenden , daß alle zusammenzuckten , als in Ahnung des angeknüpften Unheils dieser lieblichen Gestalt ; und in einem Nu war ein Faden gesponnen zwischen ihrem Munde und den Herzen der Zuschauer , den spürte sie immer stärker werden , wie sie dem Bruder ihre kindliche Ermahnung gibt und ihrem Vater antworten muß , bis zu dem » Ich will gehorchen , Herr « . Da war erst eine atemlose Stille , wie der Zwischenvorhang fiel , und ihr schien , als müßten alle ihre Herzschläge hören , und dann kam ein sonderbares Geräusch , das sie erst gar nicht verstand , wiewohl sie schon oft den Beifall für andre gehört hatte , und wie sie noch so zweifelnd harrte , da ging der Vorhang wieder in die Höhe und ihre Mitspieler führten sie mit dankbarer Verbeugung vor die Rampe . Dann sprachen andre mit ihr , und sie antwortete und fühlte , daß sie beglückwünscht wurde , und trat wieder auf , und das Stück hatte seinen Fortgang , und auch die Stelle sprach sie : » Da ist Rosmarin , das ist zur Erinnerung : ich bitte Euch , liebes Herz , gedenket meiner ! Und da ist Vergißmeinnicht , das ist für Liebestreue . « Schwankend und mit unsicheren Schritten ging sie nach Hause , wo ihre Mutter sie erwartete , die noch nichts ahnte ; und wie sie in das helle Kämmerchen trat , wo das dürftige Abendbrot auf dem Tische stand und die Mutter fleißig an einem Kleid für sie nähte , da konnte sie sich zuerst gar nicht verständlich machen , aber die Mutter erriet schon und jubelte , und eine Lustigkeit kam ihr über das verhärmte Gesicht , und sie wurde beweglich und geschwätzig als eine alte Schauspielerin , die freilich nie zum Höheren gekommen war , und indes die Tochter munter aß , erzählte sie alte Bühnengeschichten und die Legenden , wie diese entdeckt war und jener seinen ersten Erfolg gehabt hatte , fragte dazwischen und beantwortete selbst ihre Fragen , und hatte endlich in allem ein so wunderliches Wesen , daß die Tochter zuletzt in ein lautes und herzliches Lachen ausbrechen mußte . Erst spät gingen die beiden schlafen unter vielen Plänen und Hoffnungen , und früher wie sonst wachten sie wieder auf , wie die helle Wintersonne auf die gefrorenen Fensterscheiben schien . Lachend vor Kälte sprang sie aus dem Bett , heizte schnell den kleinen Eisenofen an und kroch wieder in das warme Lager , um noch in behaglichen Gesprächen abzuwarten , bis das Stübchen sich erwärmte und das dicke Eis des Fensters abtaute . Dann erhoben sich die beiden , kleideten sich an und bereiteten sich das Frühstück ; wie sie sich setzen wollten , klingelte der Briefträger ; sie kam jubelnd zurück ; da war ein Brief von Ivo , der war gewiß gestern im Theater gewesen und hatte gleich geschrieben . Aber wie sie den Brief aufgerissen hatte , wurde sie totenblaß ; hastig kleidete sie sich für die Straße an und eilte in Ivos Wohnung . Da standen schon Neugierige auf der Straße , und Schutzleute bewachten den Eingang des Zimmers , damit nicht Unberufene eindringen sollten , aber durch ihren Anblick wurden sie bestürzt und ließen sie durch . Da lag Ivo auf dem Fußboden , unentstellt , denn seine Kugel hatte gut getroffen , und nur die Tischdecke war ein wenig verschoben . Der Pistolenkasten stand auf dem Schreibtisch ; sie nahm die andre Waffe heraus , ehe den Schutzleuten ihre Bewegung klar wurde , und indem sie gegen sich abdrückte , fiel sie neben ihrem Geliebten zur Erde . Wie die Unglücksfälle über die gräfliche Familie hereinbrachen , bemühten sich bereitwillige Verwandte um Hilfe . Ein Vetter erschien , ein älterer und unverheirateter Mann , der als ein Sonderling galt , der ordnete , was zunächst notwendig war , denn die junge Gräfin Maria war zu unerfahren , und die alten Herrschaften schienen beide ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig zu sein . Deren Schicksal war nun bestimmt und unabänderlich , und so bemühte sich der Vetter vornehmlich , für die junge Dame etwas auszudenken . In der ersten Zeit erschien die recht verschlossen und ohne Teilnahme für irgend etwas , bis an einem Abend der Vetter im Ärger aus sich herausging und sie schalt , daß sie wohl auch nur so sei wie alle , die etwas musizieren , etwas malen , englische Romane lesen und Konversation machen . Auf die Vorwürfe erwiderte sie , daß sie gar keine besonderen Talente gehabt habe und wohl gern die Hauswirtschaft geleitet hätte , aber das habe sie nicht gedurft ; aber wenn es möglich sei , daß sie etwas nach ihrem Willen tun dürfe , so möchte sie wohl Krankenpflegerin werden . Hierüber wurde der Verwandte recht erstaunt und fragte sie , ob sie denn fromm sei ; das verneinte sie und sagte , sie habe vieles gelesen , und wenn sie sich auch kein Urteil anmaßen wolle , so müsse sie doch sagen , daß sie nicht kirchengläubig sei ; und wie der Verwandte weiter forschte , stellte sich heraus , daß sie gänzlich atheistisch gesinnt war , und wollte aber Menschen nützlich sein und eine Beschäftigung haben , die sie befriedigte . Da wurde der Verwandte gerührt und erzählte , daß er als junger Mann eine große Neigung zur Medizin