Es ist noch nicht genug - jetzt nehme ich dir auch noch deine letzte Kraft , deinen jungen Körper , der noch blühen wollte , deine jungen Jahre , die noch heißes Verlangen trugen - , und schlage dich zum Krüppel . Ohnmächtig sollst du vor mir daliegen , und es war alles umsonst . Und sie konnte nicht einmal aufspringen , um sich zu wehren oder zu fliehen . Was half es ihr , wenn sie die Fäuste zum Himmel ballte und ihrem Geschick fluchte ? - Nein - kraftlos daliegen und warten , bis der Schlag sie traf oder an ihr vorbeiglitt . - Wie hatte sie nicht schon warten gelernt - auf Gesundheit und auf die Rückkehr zum Leben , aber auf den Tod warten , auf den wirklichen oder den anderen - den Tod bei lebendigem Leibe - , das war eine fürchterliche , verzehrende Geduld , die sie noch zu lernen hatte . Als der Arzt am nächsten Morgen wiederkam , stand Ellens Entschluß fest , sie wollte nun alles so rasch wie möglich festgesetzt haben . Aber es hieß noch eine Reihe von Tagen warten und sich zur Ruhe zwingen . Draußen war immer noch Sonnenschein und goldne Tage . Ellen meinte noch nie einen so lichten , strahlenden Herbst gesehen zu haben , es schien ihr fast wie eine gute Vorbedeutung , und mit der Entscheidung kam allmählich eine Art Zuversicht über sie . Manchmal lag sie lange da und betrachtete sich in ihrem Handspiegel - nein , sie sah noch nicht aus wie ein zerstörter Mensch . - Sonnenkind , so nannte Johnny sie - ja , sie hatte eigentlich immer noch ein Kindergesicht , nur etwas schmaler war es geworden , aber keine Leidenszüge . Am letzten Tage kamen viele von ihren Bekannten mit dem verborgenen Gedanken , sie vielleicht zum letztenmal zu sehen , Schwester Maria fragte , ob sie nicht doch mit einem Geistlichen reden wollte - und dann Johnny - er legte ihr einen Haufen Rosen aufs Bett , seinen Kopf dazu , und Ellen glaubte zu sehen , daß er weinte . » Aber Johnny « , sagte sie , » was habt ihr alle ? - Tut , als ob ihr mich schon begraben wolltet , und ich denke ja gar nicht daran zu sterben . « Jetzt , wo es so dicht vor ihr war , fand sie beinah etwas Festliches in der Gefahr und gewann ihre alte Fähigkeit wieder , über alles zu lachen . Es war ein trüber , grauer Nachmittag , und die ersten Schneeflocken trieben gegen die Fenster , als Ellen aus langer Betäubung wieder erwachte - wie durch einen Nebel sah sie Gesichter um sich her , dann sank sie wieder in den Nebel zurück , und es kam eine lange , halb bewußtlose Nacht - neben ihr die Schwester - ihre weißen Schleier schwankten hin und her wie große Flügel - - noch mehr Tage und Nächte - ein Gewirr von neuen wühlenden Schmerzen , schreckhaften Träumen und sengendem Durst - ein dumpfes , willenloses Ringen gegen unerträgliche Pein und dann wieder Zurücksinken in die milde Morphiumbetäubung . War das noch Leben oder war es schon Todeskampf ? Am ersten Morgen , wo sie wieder klar um sich sehen konnte , war ihr zumut , als sei sie schon weit fortgewesen , in dem dunklen Land , aus dem keiner mehr zurückkommt - und ein seltsames Gefühl von Erdenfremdheit durchzog sie , als ginge es sie nichts mehr an , ob sie wieder zu den Lebenden gehören sollte . Dezember 93 Den ganzen Tag in alten Briefen gelesen und zuletzt in meinem einstigen Münchener Tagebuch - bis dahin , wo es plötzlich abbricht ... Seither habe ich nie wieder geschrieben , es taumelte alles zu überstürzend rasch an mir vorbei und über mich weg , von einer Katastrophe zur andern , bis zu der langen Ruhezeit im Krankenhaus . Danach kann ich mich oft noch zurücksehnen - mein Gott , es war nicht leicht , von der stillen Zeit Abschied zu nehmen und so mit halben Kräften wieder hinaus - sich am Stock herumschleppen wie ein Krüppel . Und wo mich Bekannte sehen , dies Erstaunen - man hat ja immer nur gehört : mit der ist ' s aus . Es kommt mir beinahe vor , als wären sie enttäuscht , wenn einer wieder aufersteht von den Toten . - Und diese endlosen Fragen , warum ich immer noch hier bin , nicht bei meinem Mann . - Das weht einen so kalt und feindlich an , man möchte seine Habe auf den Rücken nehmen und davongehen - Gott weiß wohin . - Aber ich hätte es mir vorhersagen können . - Und wenn ich so dasitze und meine Umgebung ansehe , in der ich jetzt lebe - dies kleine , enge Atelier mit dem Feldbett und dem großen Tisch , weiter ist fast nichts darin - , da kommen so allerhand Gedanken . - Ja , ich bin jetzt nicht mehr die verwöhnte junge Frau , der man jeden Wunsch an den Augen abliest - , und auch nicht mehr die unverwüstliche Ellen früherer Tage , der die größte Misere am lustigsten schien . Der schwerste Kampf wird jetzt erst beginnen , wo ich ihm eigentlich nicht mehr gewachsen und schon recht kampfmüde bin . Da steht der Stock neben mir - der Stab Wehe - mein guter Doktor versichert mir , daß ich mit der Zeit wieder würde gehen können wie andere Menschen , aber dann redet er auch von Schonung und Pflege und ist entsetzt , wenn er hier heraufkommt : » Kann denn niemand etwas für Sie tun ? « - Aber das kann ich ihm nicht auseinandersetzen - - Reinhard tut immer noch für mich , was er kann , aber die Krankenzeit hat mehr verschlungen , wie ich ihm sagen möchte , und noch Schulden von früher her . - Es kommt