Sie ruhig thun sollen . Die hätte Ihnen den Kopf deswegen nicht abgerissen . Die sieht ja aus , wie die Güte selbst . Ei und was für feine Sachen ! Die können wir gerade brauchen , um schneller gesund zu werden und endlich zu unserem Luischen herauszukommen . ' n süsser Balg ist das Gör . Ich kann ' s gar nicht mehr erwarten , bis Sie ' s zu sehen kriegen . Wenn Sie mir blos sagen wollten , was es eigentlich zu weinen gibt , Lottchen ? « Lotte trocknete ihre Thränen . » Ach , liebe Frau Korn , es ist nur - ich weiss nicht , ob Sie mich verstehen werden - sehen Sie , wenn jemand so gut zu einem ist , wie Frau Wohlgebrecht - und man muss ihn dann belügen für all ' seine Güte , - das ist zu schrecklich , Frau Korn . « » Warum soll ich das nicht verstehen ? Ich würde die Frau auch nicht belügen . Der sagte ich die Wahrheit gerade heraus . Lieber heute wie morgen . « » Sie würde es mir nie vergeben , nie wieder freundlich mit mir sein - « » Das wollen wir abwarten . « » Und dann - ich - ich kann ihn doch nicht beschuldigen , gerade ihr gegenüber nicht . Sie liebt ihn so und ist so stolz auf ihn . « » Auch was rares , um drauf stolz zu sein « , brummelte Frau Korn vor sich hin . Aber sie kam vorerst nicht wieder darauf zurück . So grosse Eile hatte das Geständnis ja am Ende nicht . Viel wichtiger war es , dass Lotte nun endlich ganz gesund wurde . An Frau Wohlgebrecht lag es jedenfalls nicht , wenn Lottes Genesung einstweilen noch nicht die gewünschten Fortschritte machte . Sie hegte und pflegte Lotte , wie man ein eigenes Kind nicht besser hätte hegen und pflegen können . Ganz wunderbar war es , wie die grenzenlose Güte dieser kinderlosen Frau die feinsten Mutterinstinkte in ihr ersetzte . Sie las in Lottes Herzen wie nur eine Mutter im Herzen eines geliebten Kindes liest . So hatte sie auch bald mit unbeirrbarer Sicherheit herausgefunden , dass Lottes Krankheit sowohl , wie ihre gesamten herabgekommenen Verhältnisse , weit mehr im Seelischen als im Körperlichen ihren Ursprung hatten , weit mehr durch innere , denn durch äussere Gründe veranlasst waren , und lange brauchte sie nicht zu suchen , um sich vollständig klar darüber zu sein , dass ihr Neffe zum mindesten nicht schuldlos an diesem Schiffbruch des lieben Madchens war . Wenn dies überhaupt noch möglich gewesen wäre , hätte sie ihre Güte verdoppeln mögen , um wieder gut an ihr zu machen , was Gerhart schlecht gemacht . Wie das alles zusammenhing , wie und woraus sich die augen-blicklichen Verhaltnisse entwickelt hatten , wie weit es mit den beiden gekommen war , danach forschte sie nicht . Es genügte ihr , dass Lotte krank und unglücklich war , um sich ganz auf die Seite des Mädchens zu stellen . Wenn sie das liebe Geschöpf nur erst heraus gehabt hätte aus diesen vier armseligen Wänden ! Aber davon wollte das eigensinnige kleine Ding ja nichts wissen , nicht um die Welt . Nun , wenn sie erst gesund sein wurde und einen kleinen Puff vertragen konnte , wurde man ein Wort deutsch mit ihr reden . Hier durfte sie in keinem Falle bleiben . Von Gerhart sprachen die Beiden während ihrer häufigen Zusammenkünfte niemals ein Wort . Ein einziges Mal hatte Frau Wohlgebrecht von ihm angefangen . Vielleicht dass Lottchen sich danach sehnte , dass es ihr gut that . Aber als sie sich erbleichend abgewandt und sich mit einer ganz gleichgültigen Sache zu thun gemacht hatte , hatte Frau Wohlgebrecht sich ' s zugeschworen , das Gespräch nie wieder auf ihren Neffen zu bringen . Dass er der allein Schuldige sei , stand seit dieser Stunde bei ihr fest . Niemand hätte es vermocht , sie davon abzubringen . Um Ende Januar - Lotte hatte , wie Frau Wohlgebrecht nachträglich erfuhr , am Vormittag ihre erste Ausfahrt mit Frau Korn gemacht - traf Frau Wohlgebrecht bei einem ihrer häufigen Besuche Lena oben bei Lotte an . Sie freute sich , dass die Schwestern trotz der veränderten Lebensverhältnisse beider noch so herzlich zu einander hielten , ja es kam Frau Wohlgebrecht so vor , als ob das heut eigentlich mehr denn sonst der Fall sei . Sie überraschte sie nämlich in einer scheinbar sehr intimen Unterhaltung , die die Schwestern stockend und errötend unterbrachen , als sie ins Zimmer trat . Gehört hatte sie von dem , was gesprochen worden war , nichts weiter als den warmen Ausdruck Lottes : » Du glaubst es nicht , Lena , wie lieb es ist ! « Frau Wohlgebrechts gutmütiger Takt half den beiden ziemlich schnell , ihre Fassung zu gewinnen . Um das Gespräch rasch in Fluss zu bringen , that denn auch Lena das ihre , und erzählte Frau Wohlgebrecht , die sie seit jenem Dezemberabend nicht wieder gesehen , als sie Lotte zum Weihnachtsfest einzuladen kam , dass ihnen beiden eine grosse Freude bevorstehe . Sie würden endlich einmal jemand aus der Heimat wiedersehen ! Ob der Vater auf Besuch käme ? erkundigte sich teilnehmend Frau Wohlgebrecht . Lena lachte hell auf bei dem Gedanken . » Vater und eine Reise machen . Da kennen Sie unseren Alten schlecht . Der wird aus Karstens warmer Stube gehen und seine Pfeife und seinen Korn auch nur auf ein paar Stunden entbehren ! Nein , Vater geht nicht aus seiner Ofenecke ' raus , der macht keine Reise . Wir erwarten einen Jugendfreund , der sein Geschäft zu Hause verkauft hat und , da er zu Vermögen gekommen ist , sich hier etablieren will . Er kommt in vierzehn Tagen bis drei Wochen , um ein Geschäftslokal zu suchen . Sorgen Sie nur , Frau Wohlgebrecht