recht häufig um ihn , und besonders Girlinger ward nicht müde , ihn zu vivisecieren . Er sprach es direkt aus , daß Stilpe für ihn das interessanteste Schauspiel sei , und daß er ihn ganz sicher niemals aus den Augen verlieren werde . Er hatte natürlich auch schon eine Prognose bis ins Letzte in Bereitschaft , hütete sich aber doch , sie mit Bestimmtheit verlauten zu lassen . Die Kühnheit Wipperts , der im Geiste schon das Sterbebett Stilpes in der Charité mit der Aufschrift del . trem . sah , besaß er doch nicht . Dafür dachte er seinem Metier zufolge mehr an Plötzensee . Barmann , der in Secunda deutsche Literaturgeschichte traktierte , huldigte höheren Perspektiven ; er konstruierte sich einen modernen Fall Günther . Stössel war im Grunde voll phantastischer Erwartungen : - Paßt auf : Plötzlich tritt er mit einem Werke hervor . Jetzt ist alles Schutt und Scherben . Aber mit einem Male wird er sich zusammenfassen und aufraffen , und dann zeigt er erst seine wahre Gestalt , seine innerliche Kraft . Vielleicht muß er blos erst heiraten ! So psychologisierte jeder nach seinen Erfahrungen , und Stilpe ward nicht müde , in bunter Folge jeder Ansicht neue Nahrung zu geben . Zu einer konkreten Zusammenfassung reeller Unterlagen für diese psychologischen Bemühungen kam , es aber erst als Girlinger nach Berlin versetzt wurde . Es war etwa über ein Jahr nach der Gründung des Momus , da sandte Girlinger folgenden Bericht quoad Stilpe an das Leipziger Cénacle : Endlich ist es mir gelungen , nicht blos Authentisches über den Fall Stilpe-Momus zu erfahren , sondern auch unsern ehemaligen Schaunard selber aufzufinden . Ich hätte euch schon früher allerlei mitteilen können , aber ich wollte mit Thatsachen aufwarten und nicht blos referieren , was ihr aus den Zeitungen von damals ebensogut wißt , wie ich , und was doch durchweg mehr oder weniger feindliche Preßmache war . Ich verkehre hier ab und zu mit Journalisten und habe in dieser Gesellschaft zuweilen versucht , das Gespräch auf Stilpe zu bringen , aber es ist mir nicht gelungen , von dort her mehr zu vernehmen als Äußerungen einer fertigen Verachtung , die sich nicht zur Darlegung von Gründen herbeilassen wollte . Stilpe gilt in diesen Kreisen einfach als bête noire , und schon aus Korpsgeist vereinigt man sich zu einstimmiger Verdammung des räudigen Schafes . Nur einige geben noch zu , daß der » Mensch « ein » starkes pamphletistisches Talent besessen habe « , aber auch sie fügen die Bemerkung daran , daß er » nicht einmal für einen Schmähschreiber genug Charakter besitze « . Den Momus-Krach stellen sie als wohlverdiente Strafe hin 1 ) für die Frivolität , die das Gepräge dieser ganzen Gründung gewesen sei und 2 ) für das » ans Gaunerhafte grenzende Gebahren , das Stilpe in der ganzen Angelegenheit gezeigt haben soll und zwar sowohl bei Aufbringung wie bei Verwendung der Momusgelder . Durch Zufall lernte ich dann eine Gruppe von Dichtern kennen , die über jedem Verdachte journalistischer Verbindungen stehen , weil sie es schon längst aufgegeben haben , ihre Erzeugnisse durch die periodische Presse zu verbreiten , und die gerade über den Momusfall mitreden können , weil sie an ihm beteiligt gewesen sind . Da sie trotzdem im Grunde von Stilpe nicht viel wissen wollen ( weil er , wie sie sagen , den Momusgedanken prostituiert hat ) , so ist es erlaubt , ihre Aussagen wenigstens für insoweit objektiv zu halten , als die Herren überhaupt einer objektiven Betrachtung der Dinge dieser Welt fähig sind . Von diesen Herren habe ich nun dies erfahren : Das Momustheater erlitt ein vollkommenes Fiasko , weil es als Tingeltangel » immerhin « zu künstlerisch , als Kunstinstitut aber viel zu sehr Tingeltangel gewesen sei . Das Publikum lehnte » das bischen Literatur und Kunst « , was dabei mitspielte , schon als zu viel ab , und die Presse , die im Verein mit dem » Schock Berliner Kunst- und Literaturfreunde « sich » wenigstens den Anschein gab , etwas Künstlerisches erwartet zu haben « , erklärte mit » der ganzen Entrüstung lackierter Elitemenschen « , daß sie von Literatur und Kunst im Momus nicht mehr zu finden vermöchten , als im » Malepartus « . Das sei nun freilich zuviel gesagt , meinten meine » Dichter « , und sie führten zum Beweis der » Nüance von reeller Litteratur im Momus « jeder eine Programmnummer an , die den Citierenden zum Verfasser hatte . Ich muß gestehen , daß schon die Titel dieser Programmnummern mich in Staunen versetzten , und als mir eine Probe » interpunktionsloser Lyrik « vorgetragen wurde , die im Momus unter » Pizzicatobegleitung von acht Bratschen « deklamiert worden ist , da begriff ich , daß das dem Publikum zu viel gewesen war . Diese merkwürdigen Dichter amüsierten sich übrigens selber am meisten über ihre Programmnummern , und ich vermochte mir nicht darüber klar zu werden , ob sie diese Produkte ernst oder als einen Ulk nahmen , den sie sich mit Stilpe erlaubt hatten . Es war bei der Première sehr lärmhaft zugegangen , und zwar hatten , wie meine Dichter behaupten , zwei Parteien » um die Palme des Radaus gerungen « : In erster Linie die journalistischen Feinde Stilpes und dann ein Aufgebot der christlichen Jünglingsvereine . Nach Allem , was ich zumal über die Balletleistungen des Momus vernommen habe , muß ich erklären , daß ich die Opposition derart inkorporierter Jünglinge verstehe . Es ist auch sehr bald die Polizei gegen den Schnitt der Balletgewänder im Momustheater eingeschritten . Dieser Umstand in Verbindung mit dem einmütigen Verdikte der Presse , daß der Momus durchaus kein Kunstinstitut im höheren Sinne sei , hat den Aufsichtsrat der Momus-Gesellschaft , also die Geldgeber , veranlaßt , sich den Paragraphen in Stilpes Kontrakt zunutze zu machen , der es gestattete , den » artistischen Direktor « zu entlassen , freilich unter Zahlung einer sehr beträchtlichen