und gesunden Verstandessinnen erleben lassen will . Seine Zeit wollte es freilich haben , bis ich mir aus dem gegenwärtigen Spuk meinen alten , lieben Sohn von damals herausgeholt hatte und an ihn glauben konnte . Nicht daß er , mein Velten , etwa wie ein Spuk ausgesehen hätte ; nein , ganz respektabel grau , nur mit ein bißchen zuviel Haut und zuwenig Fleisch auf den Knochen und müde , Herr Oberregierungsrat ! Müde , müde ! Wie einer , der seit einem Menschenalter nicht von den Füßen gekommen ist ! Todmüde von seinem Wege durch sein junges Leben ! Natürlich nötige ich ihn denn aufs Sofa , und da sitzt er und sagt nichts , aber lacht ; und das , Herr , das Lachen hat meinem letzten Zweifel ein Ende machen müssen Menschenmöglich ist es ja nicht ; aber Ihre Stube ist frei , Velten , habe ich gesagt . Soll ich nach Ihrem Gepäck schicken , oder wollen Sie es selber holen - ich weiß nicht , woher ! ? - Ja , das weiß ich auch nicht ! lacht er mich wieder an und reicht mir über den Tisch da seine Brieftasche Meine Papiere für die Polizei und die Miete wie schicklich pränumerando ; behalten Sie gleich den ganzen Bettel , ich gehe heute früh zu Bette . - Und keine Wäsche ? Und keine Bücher ? - Nichts ! - O du lieber , lieber Gott , so kommen Sie zu der Fechtmeisterin Feucht zurück ? - So ! sagt er nur und reicht mir über den Tisch die Hand , und ich fühle wohl , daß die ein bißchen fieberisch ist ; aber meine ist ja desto kälter , und so fasse ich fest zu und rufe Ja , wenn das so ist , bleibst du natürlich bei mir . Es ist zwar spät am Tage für mich : aber für einen langt ' s wohl noch . Dich füttere und flicke ich mit unseres Herrgotts Hülfe noch heraus ! Jaja , Herr Oberregierungsrat , in dem Augenblicke habe ich den Mann du genannt , als hätte ich ihn wie ein Kind auf dem Arme ! Daß das nicht so war , konnte ich damals ja noch nicht wissen . Aber drüben sitzt die Frau auf seinem leeren Bett ; ich darf Sie wirklich nicht zu lange aufhalten hier bei mir , Herr Krumhardt ; Sie sind nebenan wohl nötiger . Also kurz : er hat sein letztes halbes Jahr bei mir zugebracht und ist bei mir gestorben . Mühe hat er mir nicht gemacht und Unkosten auch nicht ; aber ( und hier leuchteten die Augen der fast Neunzigjährigen wie die eines greisen Feldherrn über ein Schlachtfeld ) Freude hat er mir auch jetzt wieder gemacht : er war doch der Närrischste , aber auch der Tapferste von euch allen . Schade , daß er zu feine Nerven mitbekommen hatte und so , so , so sein Leben führen und so , so zum Ende kommen mußte , wenn er nicht als euer aller Narr oder im Irrenhause zugrunde gehen wollte . « Ein leichtbewegtes Herz Ist ein elend Gut Auf der wankenden Erde , murmelte ich , bis ins Tiefste durch das ruhige Wort der verstandesklaren Greisin erschüttert . » Das ist es , was er drüben mit Kohle an die Wand geschrieben hat . Nun sitzt die Frau Mungo davor und hält den Kopf mit beiden Händen darüber - das arme Ding . Als ob sie die Schuld davon trüge , daß euer Velten eigentumlos über und von der Erde gegangen ist ! Was hilft es mir , daß ich der lieben Seele zurede Du konntest nichts daran ändern , Herz ; es mußte eben auch einmal einen solchen Egoisten zu euch anderen , wenn auch nur der Rarität wegen , in der Welt geben . In ein Kloster , wie meine liebe Leonie , konnte der nicht gehen . Mitleiden hat er wohl gehabt , aber ein Barmherziger Bruder steckte nicht in ihm . Oh , wie die zwei sich zum erstenmal wiedersahen bei der Fechtmeisterin Feucht , die Barmherzige Schwester aus dem Diakonissenhause am Rhein und dieser von allen Straßen der Welt , beide ohne Eigentum auf und an der Erde ! « » Leonie des Beaux und Velten Andres ? « stammelte ich . » Ja , die beiden auch . Sie erinnern sich der Zeit wohl , wo das Vorderhaus noch stand und wir alle , selbst ich , noch jung waren . Nun war es im September , und er hatte sich vollkommen bei mir eingerichtet , das heißt eigentlich ich ihm alles . Nicht aus meinem Geldbeutel : in seiner Brieftasche hat er genug Scheine aus aller möglichen Herren Ländern gehabt , daß ich ihm davon nicht bloß noch ein halb Dutzend Hemden , sondern auch alles übrige besorgen konnte - nach seinem jetzigen kuriosen Leben wohl noch auf Jahre hinaus . Auch in der Leihbibliothek hatte ich ihn abonnieren müssen ; denn ausgegangen ist er kaum mehr - da entschuldigte er sich immer mit seinen kranken Füßen . Auf seinem alten Studentensofa und seinem Bett hat er gelegen und den lieben langen Tag und auch manchmal die Nacht durch gelesen , alles , was ihm einmal gefallen hat in seiner Kindheit und Jugend , und immer aus den alten , schmierigen , ekligen , zerrissenen Bänden von Olims Zeiten . Brachte ich ihm ein neues Exemplar , ließ er ' s liegen und meinte Mutter Feucht , das ist das rechte nicht . - Jaja , man konnte sich bei allem irgend etwas denken , aber man mußte sich wirklich sehr in seine Grillen und Schrullen hineinfinden . Und sehen Sie mal , Herr Oberregierungsrat , das ist jetzt denn auch wirklich mein Stolz und meine Freude , daß er mit denselbigen , ich meine die Schrullen und Grillen , nur bei mir eine Unterkunft gesucht hat . Ja , er ist freilich