Severina hatte immer einen bescheidenen , entgegenkommenden Ton gegenüber Adrienne , denn diese war ihr beinahe als Arnolds , des älteren Bruders Joachims Frau , eine Respektsperson . Adrienne war dem jungen Mädchen dankbar für all die Mühe und Liebe , die sie an das Kind verwandte ; im übrigen fiel es ihr nicht entfernt ein , in Severina mehr zu sehen als einen Schützling von Fannys , nach so vielen Seiten hin wirkender Großmut . Das fühlte Severina wohl heraus und ihre herbe Seele verschmähte es , sich in dieser Zeit des Alleinseins Adriennen ins Herz zu schmeicheln , gerade weil sie ihr künftig verwandtschaftlich nahe zu treten hoffte . So gingen sie denn still neben einander her . Höchstens beschäftigte Adrienne sich einmal so weit mit dem Mädchen , daß sie sie gegen die Pastorin in Schutz nahm . Diese benützte Fannys Abwesenheit , um Severina wieder mehr zur Lektüre frommer Bücher anzuhalten , sie mit tausend kleinen Quälereien in ruhelose Bewegung zu bringen . Und Severina , durch jahrelanges Geduldüben längst gewohnt , mit stoischer Ruhe zuzuhören , Severina ertrug jetzt das Wesen ihrer Pflegemutter nicht . Ihr Herz zitterte , ihre Nächte waren schlaflos vor Sorge um ihn . Daneben war ihr all der Kleinkram des Lebens unerträglich . Wenn die Pastorin so bei ihnen saß und endlose Beispiele erzählte von üblen Folgen , die Mangel an Demut , die Eitelkeit und Vergnügungssucht bei irgend welcher Trine oder Lise aus dem Pfarrsprengel gehabt , dann quoll in Severinas Herzen eine Ungeduld auf , ein Zorn , eine Raserei beinahe , daß sie sich hätte mit einem Schrei auf die monoton redende Frau werfen können , um ihr den Mund zuzuhalten . Wenn sie , die Verwaiste , die Einsame doch ein Herz gehabt hätte , sich wild daran auszuweinen . Und die Eine , die Gute , die ihrer darbenden Seele bisher das Brot der Güte und Teilnahme gereicht , die Eine war vielleicht gerade im Begriff , ihr , der Armen , das einzige Gut zu stehlen . Unbewußt zu stehlen - ganz gewiß , unbewußt . Wenn Fanny hier wäre ! Ohne Besinnen hätte Severina zu ihren Füßen gefleht , ihr den Geliebten nicht zu rauben . Und Fanny war nicht die Frau einem armen Mädchen weh zu thun . Was konnte ihr denn Joachim mehr sein als der Gegenstand flüchtigen Wohlwollens ! Und dann kam Joachims Brief . Severina erhielt ihn vom Kutscher des Schlittens zugesteckt . Er solle ihn heimlich abliefern , sagte der Mann , der auch von Fanny den mündlichen Bescheid der veränderten Dispositionen mitbrachte . Sie trug ihn zwei Stunden in ihrer Kleidertasche umher , ehe sie die Einsamkeit fand , ihn zu lesen , die Einsamkeit ihrer Schlafstube . Sie las . Sie verstand nicht . Ihr ganzes Wesen war wie gelähmt . So lag sie eine lange , furchtbare Nacht unbeweglich , mit starren Augen ins Dunkle schauend , nicht im stande , etwas zu denken . Sie wußte nur , daß sie nicht ohne ihn leben könne . Als sie am andern Morgen zum Vorschein kam , erschrak das ganze Haus . Severina hatte verzerrte Züge . » Ich habe Kopfweh , « sagte sie . » Ich will spazieren gehen . « Sie lief einige Stunden im Freien umher . Ihr Weg führte sie an der Hütte einer alten Taglöhnerfrau vorbei , die seit Jahren gelähmt war und von Fanny und der Pfarre aus unterhalten wurde . Sie hatte die Frau oft besucht und mit ihrem Leiden Mitleid gefühlt . Nun überkam sie eine seltsame Neugier , wie sich ihre eigene Not mit dem Elend der Alten messen lasse . Die lag in ihrem sauberen Bett , im sauberen Stübchen , las in der Bibel und trank daneben einen kräftigen Haferschleim , den man ihr schon heute aus der Herrenküche geschickt . Die äußerste Zufriedenheit leuchtete von dem guten Gesicht der Alten . » Wie geht es , Mutter Holten ? « » Gut , Frölein ; immer so gut , wie unser Herrgott es irgend einrichten kann . Wie lieg ' ich hier , bei dem tauigen Wetter , so warm und trocken und satt , und manch einer läuft mit bloßen Füßen auf der Landstraße umher . « » Habt Ihr denn keine Schmerzen ? « fragte das Mädchen . » O ja . Aber das Reißen am Leibe hält man geduldig aus , wenn das Herz man seinen stillen Frieden hat , « sagte die Alte mit beschaulicher Ruhe im Faltengesicht . Wenn nur das Herz seinen stillen Frieden hat ! Am Bett der Alten niederknieend , legte Severina ihr Gesicht in das rotweiß gewürfelte Federbett . Eine seltsame Neidempfindung zog durch ihr Herz . Sie hätte lieber auch da liegen mögen , gelähmt , alt , arm , aber hinausgehoben über jeden heißen Wunsch . Hinter ihr öffnete sich die Thür - der Pastor kam , um der Alten seinen täglichen Besuch zu machen . Befremdet sah er seine Pflegetochter hier in einer Stellung , die auf den ersten Blick eine vollkommene Fassungslosigkeit verriet . » Severina , « rief er mit sanfter Mißbilligung . Sie sprang empor und warf sich an seine Brust . Da war doch noch eine treue , stille , liebevolle Seele , die allezeit Mitleid mit ihr gehabt . An dieser Brust war sie nicht bloß geduldet , hielt sie kein heißer Irrtum fest , da war ihr die Heimat . Aufschluchzend klammerte sie sich dort an . » Was ist Dir , mein Kind ? Mutter Holten , was ist vorgefallen ? « fragte der Pastor erschreckt . » Ich weiß nicht , « sprach die Alte , nicht minder erstaunt , das Fräulein so fassungslos zu sehen , in deren Gesicht sie sonst nur eine gleichsam widerwillige Freundlichkeit oder mürrische Verschlossenheit gekannt . » Nun , Severina - welchem Vorkommnis gelten Deine Thränen ? Hat etwa die Mutter ... « Severina richtete sich auf