Schrecken herum . » Um Gott , Margarete - ! « Die Damen im Wagen bogen sich vor und starrten die reiche Kaufmannstochter an , die , erhitzt und bestaubt , im einfachen Morgenkleid und einen schwarzen Shawl um den Kopf gebunden , wie ein Dienstmädchen dahergekommen war . » Wie , Fräulein Lamprecht , Ihre Nichte , lieber Landrat ? « fragte die dicke Dame stockend und ungläubig , aber auch mit jener beschränkten Neugier , die sich selbst in den peinlichsten Momenten vordrängt . Er antwortete nicht , und Margarete hatte nicht einmal einen Blick für seine zukünftige vornehme Schwiegermutter - was wußte sie in diesem entsetzlichen Augenblick von den Beziehungen dieser drei Menschen zu einander ! In wilder Angst haftete ihr Auge auf Herberts verstörtem Gesicht . » Margarete - « er sprach nicht weiter , aber sein Ton voll innerer Qual sagte ihr alles . Sie schauderte in sich zusammen , stieß seine Hand , die sie noch fest umklammert hielt , von sich und schritt über den Hof nach dem Pavillon . » Es scheint ihr sehr nahe zu gehen - sie hat den Kopf total verloren , « hörte sie die klare , kühle Stimme der schönen Heloise mitleidig hinter sich sagen . » Wie wäre es sonst möglich gewesen , so derangiert die Straßen der Stadt zu passieren ! « In dem Hausflur des Pavillons standen zwei im Fortgehen begriffene Aerzte der Stadt und die in Thränen schwimmende Faktorin , und halblaute Worte von Gehirnschlag und einem schönen , beneidenswerten Tod schlugen an Margaretens Ohr . Ohne die Augen zu heben , glitt sie an den Sprechenden vorüber und trat in das Zimmer , wo der Papa sich aufzuhalten pflegte . Ja , da lag er auf dem Ruhebett - sein schönes Gesicht hob sich in tiefer Blässe von dem dunkelroten Polster - ein friedlich Schlafender , dem die jähe , schmerzlos hinraffende Hand alle dunkeln Rätsel von der Stirn gestreift hatte ! - Zu seinen Füßen saß der Großpapa den weißen Kopf in den Händen vergraben . Der alte Mann sah auf , als die Enkelin in stummem Schmerz an dem Ruhebett niedersank - ihm war es nicht verwunderlich , sie » so derangiert « auf eigenen Füßen ankommen zu sehen , er kannte seine Gretel . Schweigend , mit sanfter Hand zog er sie an sich , und da , an seiner treuen Brust , brachen endlich die wohlthätigen Thränen unaufhaltsam hervor ... 16 Im Flursaal , zwischen der Thüre des großen Salons und dem gegenüberliegenden mittleren Fenster , war der traditionelle Platz , wo alle , die im Leben den Namen Lamprecht getragen , noch einmal in glanzvoller , wenn auch stummer Abschiedsrolle erschienen , ehe sie das feuchte Mauergewölbe draußen auf dem stillen Platz vor dem Thore bezogen . Hier hatte auch die böse Frau Judith gelegen , einen lächelnden Glanz auf dem zornmütigen Gesicht - hatte sie doch ihren verzweifelten Kampf mit dem Tode , nach dem bindenden , ihrem Eheherrn mühsam abgerungenen Eid , sofort willig aufgegeben und ihren hageren , unschönen Leib zur ewigen Ruhe ausgestreckt . Und hier , unter den fremdländischen , blühenden Gewächsen , die den silberbeschlagenen Sarg der reichen Frau umstanden , sollte Herr Justus Lamprecht die schöne Dore zum erstenmal gesehen haben . Sie war die verwaiste Tochter eines fernen Geschäftsfreundes gewesen , welcher Herrn Justus testamentarisch zu ihrem Vormund ernannt hatte . Und da sollte eines Abends eine Reisekutsche vor dem Lamprechtschen Hause gehalten haben , und weil keine Menschenseele sich um das Fuhrwerk gekümmert hatte , wohl aber erschrecklich viel Leute in das Haus und die glänzend helle Treppe hinaufgeströmt waren , da sollte das angekommene fremde Mädchen aus dem Wagen geschlüpft und mit den Leuten gegangen sein , bis sie oben mit erschreckten Augen vor der toten Frau gestanden . Das war ihr erster Einzug im Hause ihres zukünftigen Ehemannes gewesen , » ein ganz schlechtes Zeichen « , und auch schon um deswillen hatte es dann später so kommen müssen , daß sie schon nach wenigen Jahren auf derselben Stelle eingebahrt gelegen , wie ein schönes Wachsbild , mit ihrem toten Engelchen im Arm , und im strengen , blumenlosen Winter doch mit kostbaren , weither geholten Blumen förmlich überschüttet ; und die weiße Seide ihres Sterbekleides war über den Sarg hinausgeflossen und hatte wie Schnee ellenlang die Dielen des Flursaales bedeckt . Das erzählten sich die Leute heute noch ... Seitdem hatte noch manches stille Antlitz an dieser Stelle die letzten geflüsterten Richtersprüche über sich ergehen lassen müssen ; Väter und Söhne , Mütter und Töchter , alle hatten auf dieser Station gerastet , und in Abwechselung mit den greisenhaften , lebensmüden Auswanderern des Hauses hatte auch manche vorzeitig in der Jugendblüte hingestreckte schöne Mannesgestalt da gelegen . Aber einen Toten , wie den letztverstorbenen Lamprecht , hatte der Flursaal noch nicht beherbergt . Alte Mütterchen , die unter dem Strom von Schaulustigen auch mühsam die Treppe hinaufgeklettert waren , wußten das ganz genau zu sagen ; sie hatten ihr ganzes langes Leben hindurch nicht ein einziges Mal gefehlt , wenn in Lamprechts Hause der Trauersaal hergerichtet war . Und sie hatten recht mit ihrer Behauptung - lag doch dieser herrliche , reckenhafte Mann da , als werde und müsse er jeden Augenblick , verwundert über sein seltsames Bett , aufspringen , die Blumen abschütteln , den Schlaf aus den Gliedern recken und die Neugierigen mit seinen feurigen Augen spöttisch anstrahlen ! ... Und andere , die Männer , die zusammen zischelten , hatten auch recht , wenn sie meinten , die letzte mächtige Säule des alten Hauses sei mit ihm gebrochen - was nun werden solle ? - Die Schattengestalt , die da lang und schlotterig , den dünnen Hals in einen steifen Halskragen gezwängt , und die dürren Finger in stetem Frösteln aneinander reibend , hin und her glitt , sie war so jämmerlich anzusehen neben dem gewaltigen Toten , daß man mit diesem