man brauchte ihm nicht einmal gute Worte dafür zu geben , nur Geld , viel oder wenig , je nach dem Vermögen der Mutter . Frau Rosel , die arm war , kam vielleicht mit einer Taxe von zwanzig Gulden davon , was für sie freilich ein großer , aber nicht unerschwinglicher Betrag war . So hatte sie es Sender stets gesagt , so oft die Rede darauf gekommen , und hinzugefügt : » Gott hat ein Einsehen gehabt ! Die Sorg ' wenigstens hab ' ich mit dir nicht - es wär ' sonst auch wirklich zu viel ! « Es war keine Lüge , keine Heuchelei , wenn sie so sprach , sie glaubte es selbst so . Nur weil sie eine vorsorgliche Frau war , die alles gern rechtzeitig ordnete , war sie schon mehrere Monate vor der Rekrutierung , im Januar , nach dem Gemeindehause von Barnow gegangen und hatte Luiser Wonnenblum ihr Anliegen vorgetragen . Aber da harrte ihrer eine bittere Enttäuschung . Der kleine , höckerige , pockennarbige Mann blinzelte sie aus seinen schlauen Augen halb mitleidig , halb spöttisch an . » Liebe Frau Rosel « , sagte er überlegen . » Das geht ja nicht , Sender ist ja nicht Euer Sohn ! « » Was ? ! « schrie sie auf , faßte sich aber sofort wieder . » Da irrt Ihr Euch « , sagte sie ruhig . » Mein Sender ist nicht unter meinem Herzen gelegen , aber von seiner Geburt bis heut ' bin ich seine Mutter gewesen . Und auch mit dem Rabbi und den Ältesten hab ' ich ' s ausgemacht , daß er mein Kind ist , an dem sonst niemand ein Recht hat , und sie alle haben mir zugeschworen , er soll nie erfahren , daß er des Schnorrers Sohn ist ... Also - « Luiser hatte ihr ungeduldig zugehört . » Also ist er doch nicht für den Kaiser Euer leiblicher Sohn ! « fiel er ihr ins Wort , » und was kümmert den Kaiser , was Ihr mit dem Rabbi geredet habt ? ! ... Hier steht « - er schlug die Matrikel auf - » ich werd ' s Euch vorlesen , Frau Rosel - Sender Glatteis , Sohn des verstorbenen Talmudisten und Bettelmannes Mendel Glatteis aus Kowno und seiner gleich nach der Geburt des Knaben abgeschiedenen Ehefrau Miriam , unbekannten Geburtsnamens - und das allein gilt ! « Noch immer blieb Frau Rosel gelassen . » So schreibt hinzu « , sagte sie , » daß ich , die Witwe Rosel Kurländer , diesen Sender schon vor zwanzig Jahren an Kindes Statt angenommen habe ! « » Wie kann ich das ? Es wär ' ja eine Lüge ! « » Eine Lüge ? « schrie sie empört auf . » Meine Opfer , meine Tränen , meine schlaflosen Nächte eine Lüge ? ! « » Für den Kaiser ! « erwiderte er . » Den Kaiser ? ! ... Er soll alle Barnower fragen , ob es nicht wahr ist ! ... Und er ist ja auch ein Mensch und hat ein Herz ... « Luiser Wonnenblum lächelte . » Ihr redet , wie Ihr ' s versteht ! Ich sage : der Kaiser , denn wenn ich sagen würde : das Gesetz , so würdet Ihr mich ja noch weniger verstehen . Nämlich des Kaisers Wille ist aufgeschrieben , und danach richtet man sich , und davon gibt es keine Ausnahme . Sagt selbst : hat der Kaiser die Zeit , alle Barnower auszufragen und dann zu entscheiden , ob er der Rosel im Mauthaus den Gefallen tun will ? ! ... Nach dem Gesetz ist Sender nicht Euer Sohn ! Und Ihr könnt ihn auch nicht nachträglich an Kindes Statt annehmen . Adoptieren heißt das - versteht Ihr ? - adoptieren - « » Meinetwegen ! Aber warum nicht ? ! « » Weil Ihr keine Witwe seid ! « Frau Rosel legte die Hand an die Stirne . » Seid Ihr verrückt oder ich ? Keine Witwe ? « » Seid Ihr von Froim , dem Schreiber , geschieden ? Nein ! Ist er tot ? ! Ihr wißt es nicht ! Folglich seid Ihr keine Witwe ; sondern eine Frau , der der Mann durchgegangen ist . Da müßtet Ihr also zuerst eine Klage gegen Froim einreichen , weil er Euch böswillig verlassen hat . Und da man ihn nicht finden könnt ' , müßt ' man die Klage öffentlich ausschreiben und sagen : Meldest du dich ein Jahr nicht , so bist du tot ! Und dann wäret Ihr erst eine Witwe und könntet adoptieren . Aber das dauert mindestens zwei Jahre , und inzwischen kann Euer Sender schon Korporal sein ... « Frau Rosel richtete sich auf . » Das ist ja alles Unsinn « , sagte sie . » Auf welchem Friedhof Froim liegt , weiß ich nicht - Gott geb ' ihm die ewige Ruh ! Jetzt soll ich ihn klagen , weil ich ihn vor zweiundzwanzig Jahren weggejagt hab ' ? ! ... Reden wir deutsch , Reb Luiser ! Was verlangt Ihr ? ! « Luiser Wonnenblum erhob die Augen zum Himmel , als wollte er ihn zum Zeugen machen , welchen Unverstand ein Mann wie er über sich ergehen lassen müsse . » Aber , Frau Rosel ! « sagte er vorwurfsvoll und trat auf sie zu . » Hätt ' ich ' s denn dann nicht gleich gesagt ? ! Verdien ' denn ich nicht gern ? Aber da kann ich nichts tun , und wenn Ihr mir tausend Gulden gebt ... Wahrhaftig - aber - um Gotteswillen ! « unterbrach er sich erschreckt . Frau Rosel wankte , sie war einer Ohnmacht nahe . Hastig ließ er sie auf einen Stuhl gleiten . » So beruhigt Euch doch « , fuhr er fort . » Es ist ja keine Schlechtigkeit von mir ! Wenn