rührt keinen Bissen an . Allmiteinander reden wir ihm zu , daß er essen möge . Seine mageren Hände strecken sich aus dem Lodenüberwurf hervor und nach der Speise aus , aber sie zucken wieder zurück und der Junge zittert und hebt endlich an zu schluchzen . Später bittet er um ein Stück Brot , das er mit Heißhunger verschlingt . Dabei fallen ihm die schwarzen Locken über die Augen herab , er streicht sie nicht zur Seite . Zuletzt taucht er das Brot in den Wasserkrug und ißt mit gesteigerter Gier und trinkt das Wasser bis auf den letzten Tropfen . Wir stehen herum und wir sehen ihm zu und wir schütteln unsere weisen Häupter und wollen fragen und fragen ; und der Junge hört nichts und starrt in die Spanlunte , die an der Wand leuchtet , oder zum Fenster hinaus in die Dunkelheit . Noch in derselben Nacht haben ich und der Grassteiger den Knaben hinaufgeführt in den Hinterwald zu seiner Mutter Hütte . Ein paarmal hat er uns davon und die Lehnen hinanklettern wollen in den Wald . Stumm wie ein Maulwurf und scheu wie ein Reh ist er gewesen . Wir kommen zu des schwarzen Mathes Haus , die schwarze Hütte genannt . Da liegt alles in tiefer Ruh . Das Brünnlein flüstert vor der Tür ; das Geäste der Tannen ächzt über dem Dache . In der Nacht hört man auf solche Dinge ; am Tage ist , wenn einer so sagen dürfte , das stete Tönen des Lichtes , da wird dergleichen selten beachtet . Der Grassteiger hält den Knaben an der Hand . Ich stelle mich an ein Fenster und rufe hinein durch die Papierscheibe : » Adelheid , wacht ein wenig auf ! « Da ist drinnen ein kleines Geräusch und ein verzagtes Fragen , wer denn draußen . » Der Andreas Erdmann von Winkelsteg ist da und noch zwei andere ! « sage ich . » Erschreckt aber nicht . In der neuen Kirche hat sich ein Wunder zugetragen . Der Herr hat den Lazarus erweckt ! « In der Hütte leckt mehrmals ein roter Schein an den Wänden , wie matte Blitze zu sehen . Das Weib hat an der Herdglut einen Span angeblasen . Sie leuchtet uns zur Türe herein , aber als sie den Knaben sieht , fällt der Span zu Boden und verlischt . Da ich endlich wieder ein Licht zuwege bringe , lehnt das Weib an dem Türpfosten und Lazarus liegt auf dem Angesichte . Er wimmert . Der Grassteiger hebt ihn empor und tut ihm die Locken aus dem Antlitz . Die Adelheid steht fast regungslos im Nachtkleide ; nur in ihrer Brust ist Unruhe . Sie legt die beiden Hände über die Brust , sie wendet sich gegen die Wand und lechzt nach Atem , ich habe gemeint , sie bricht uns zusammen . Letztlich wendet sie sich zum Knaben und sagt : » Bist wohl einmal da , Lazarus ? « - Und zu uns : » Tut euch ab dort auf der Bank , will gleich eine Suppe kochen ! « - Und wieder zum Knaben : » Zieh ' die nassen Schuh ' aus , Bub ! « Er hat gar keine Schuhe an den Füßen ; Sohlen aus Baumrinden hat er angebunden . Das Weib geht zum Bette , weckt das Mädchen , es möge schnell aufstehen , es sei der Lazarus gekommen . Das Mädchen hebt an zu weinen . Die Suppe steht fertig auf dem Tisch ; der Knabe starrt mit seinen großen Augen den Tisch und die Mutter an . Und jetzt erst bricht das Mutterherz los : » Mein Kind , du kennst mich nimmer ! Ja , ich bin alt geworden über die hundert Jahr ' ! Wo bist mir gewesen diese ewige Zeit ! Jesus Maria ! « Sie reißt das Kind an ihre Brust . Lazarus läßt es geschehen und starrt zur Erde ; ich merke wohl , wie seine Lippen zucken , aber er sagt kein Wort . Er muß Bedeutsames erfahren haben ; seine Seele liegt unter einem Banne . Als er hierauf seinen Lodenüberwurf austut , um auf das frisch bereitete Lager zu steigen , langt er aus diesem Übertuch eine Handvoll grauer Körner und streut sie mit einem Wurf über den Fußboden hin . Kaum das geschehen , hebt er an , sich zu bücken und die Körner , Steinchen sind es , wieder aufzulesen . Er zählt sie in seiner Hand und sucht dann in allen Fugen und Winkeln , und hebt mit Sorgfalt jedes der Körnchen , und zählt und sucht wieder , und sucht mit Gelassenheit eine lange Weile auf dem Estrich der Hütte , bis er das letzte Stück hebt und ihm die Zahl in der Hand voll ist . Und selbunter haben wir den Jungen zum ersten Male lächeln gesehen . Danach tut er die Steinlein wieder in die Tasche seines Überwurfes und geht zu Bette . Er schläft bald ein . Wir sind noch lange am Herd gestanden bei der Spanlunte und haben unsere Gedanken ausgesprochen über das Seltsame , wie es mit und in diesem Kinde ist . Christmonat 1818 . Der Knabe Lazarus muß in einer wunderbar mächtigen Schule gewesen sein . Von seinem Jähzorne ist kaum eine Spur mehr , nur geht , wenn er erregt ist , ein kurzes , blitzartiges Zucken durch sein Wesen . Er wird auch wieder fröhlich und heiter . Von seinem Leben im Jahre seiner Abwesenheit will er nichts Rechtes aussagen . Paulus hätte ihm verboten , mehr zu reden , als nötig . Zuweilen erzählt er aber doch , nur sind die Worte unklar und verwirrt , schier wie Traumrednerei . Er spricht von einem Felsenhause und von einem guten , ernsten Manne , und von Bußübungen , und von einem Kreuzbilde . Lebhaft und bestimmt werden seine Worte nur , wenn er in der Lage ist , seine und des Mannes