immer , immer sah sie doch an jeder Wand ein Bildnis noch Von einem Menschen , der verschwand und ihr als Kind das Herz entwand . Um so mehr war ich daher überrascht , als sie jetzt auf meine Frage : was sie über die Zukunft ihres Sohnes beschlossen habe ? mit niedergeschlagenen Augen antwortete : » Wenn ich den Taube heiratete , Fräulein Hardine ? « » Unsern Hofmeister ? Bewirbt er sich denn um dich ? « » Er hat mich seit meiner Kinderzeit liebgehabt und es mir vor wenigen Tagen gestanden . « » Und du ? « Sie schüttelte die Locken mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Wehmut und stolzer Erinnerung . » Lieben , ich ? « rief sie mit einem Schauder . » O niemals , niemals wieder ! Aber , « setzte sie nach einer Pause gelassen hinzu , » aber ich würde friedlich mit ihm leben , und er würde meinem Knaben ein guter Vater sein . « » So dächtest du , ihm dein Geheimnis zu bekennen , Dorothee ? « » Wie sollte ich nicht , Fräulein Hardine ? Ich nähme ihn ja nur , um das Kind zu versorgen . Nur um des Kindes willen . « » Auch schon ehe er dein Mann geworden ist , es ihm bekennen ? « » Wenn Sie es für Pflicht halten , auch schon zuvor . « » Und du glaubst , daß er dennoch dein Mann werden würde ? « » Ich glaube es , Fräulein Hardine . « Ich schwieg eine Weile . Dorothee saß mir im Fenster gegenüber , die Hände über der Brust gekreuzt . Unwillkürlich fiel mein Blick auf den Verlobungsring , den sie noch immer am Finger trug . Sie bemerkte den Blick und sagte errötend , indem sie sich vergeblich bemühte , den Reif abzustreifen : » Er ist mir ins Fleisch gewachsen « . Es war im achten Jahre , seit Siegmund Faber von hinnen gegangen , im fünften seines spurlosen Verschwindens ; niemand zweifelte an seinem Tode . Lebte er aber selbst - und eine innerliche Stimme sagte mir immerfort : » er lebt ! « - , lebte er und kehrte er zurück : dieser Mann konnte nimmermehr dieses Weibes Gatte werden . Welch mildere Täuschung aber hätte sich für ihn finden lassen , als die lange Getreue endlich einem natürlichen Berufe gefolgt zu sehen . Ich wußte demnach nichts Stichhaltiges einzuwenden , insofern sich wirklich ein Mann fand , der seine Ehre nicht durch die bewußte Unehre seiner Frau beleidigt fand . Doch beschlossen wir , den Fall unserem treuen Gewissensrate vorzulegen , und machten uns auf den Weg nach dem Kloster . » Ich spreche Ihnen , mein Kind , « so ließ der Propst sich vernehmen , » die Berechtigung zur Freiheit nicht ab , und ich für mein Teil würde den Mann nicht tadeln , der dem geliebten Weibe einen Fehltritt vergibt und mit ihr vereint sich bemüht , dessen Wirkungen auf andere in Segen zu verwandeln . Ich habe aber Grund zu glauben , daß unser hohes Konsistorium diese Auffassung nicht teilt . Die Gegenwart des Knaben brächte voraussichtlich Ihr Geheimnis ans Licht , Ihr Mann würde aus seinem Lehramte scheiden müssen , dem einzigen , zu dem er gebildet und berufen ist . « » Wir würden still auf dem Lande leben , und - ich bin nicht unbemittelt , Hochwürden , « stammelte Dorothee , den Purpur der Scham auf den Wangen . » Hinreichend für Sie und allenfalls für Ihr Kind . Aber für eine zweite , vielleicht zahlreiche Familie ? Und gesetzt den wenn auch unwahrscheinlichen Fall der Heimkehr Doktor Fabers : er würde seine Schenkung nicht zurücknehmen und er dürfte es nicht . Aber müßte es eine Natur wie die unseres Taube nicht zu Boden drücken , seine und der Seinigen Existenz von dem Treugute des Getäuschten abhängig zu sehen ? Indessen , selbst diese beiden möglichen Zwischenfälle ungerechnet - kennen Sie das Leben eines Lehrers auf dem Lande , liebe Dorothee ? « Es hatte diese Besprechung auf dem Rückwege vom Kloster stattgefunden . Unmerklich aber waren wir von unserem Begleiter seitwärts durch ein Nachbardorf geführt worden und standen bei den letzten Worten vor einem Häuschen , dessen Bestimmung ein vieltöniger stockernder Chorus mit obligaten Donnerschlägen des Vorbeters verkündigte . Ein Schulhaus , und keines von den bescheidensten seiner Zeit , denn von den Schäden des Siebenjährigen Krieges ausgeheilt , stand es auch jetzt noch unversehrt unter Dach und Fach . Dessenungeachtet , wir konnten es nicht leugnen , für ein idyllisches Stilleben war die Wohnstube , in welche wir vorüberstreifend blickten , doch ein wenig dumpf und kahl . Die kleine Dorl hätte mit der Hand an die Decke reichen können . Die Fensterscheiben glichen Schiefertafeln , welche im Schulgebrauche blind geworden waren , und in dem Kachelofen brodelte , nicht eben sinnerquickend , das Runkelfutter für die Kuh . Wir setzten unsere Umschau fort und weilten in der Musterung der hartköpfigen kleinen Menschenherde und ihres kahlköpfigen treuen Hirten . Keine Frage : das Lehramt hat seine Poesie . Schwerlich aber würde sie in unseren Augen zu kurz gekommen sein , hätte ein leiser Anflug der kindlichen Pausbacken auf dem hehren Antlitz ihres Hüters reflektiert ; auch ein Ersatzstück für das , was eines Tages schwarzer Manchester auf seinem Leibe geheißen , würde von uns nicht als sträfliche Eitelkeit verlästert worden sein . Aufrichtige Bewunderung hingegen zollten wir im Weiterschreiten der musivischen Kunst , welche auf der Hauswäsche über dem Gartenzaun entwickelt war . Diese Kunstleistung mochte unseren Führer verlocken , nach der Bekanntschaft mit dem Schulregenten uns auch die der Hausregentin inmitten ihrer privaten kleinen Herde zugute kommen zu lassen . Und wiederum ein Chorus mit obligaten Donnerschlägen lockte uns über den Hof auf ein Ackerstück , das sich den stolzen Namen » Garten « beigelegt hatte . Hier stand sie , die Heldin unseres Idylls ! Eine klassische