Oswald wußte , außer vortrefflichen Anlagen und einem rastlosen Fleiß keine anderen Empfehlungen auf Erden hatte , machte auf Oswald einen sehr angenehmen Eindruck . Es sah es daher , trotz seiner innern Unruhe , nicht ungern , daß Herr von Langen große Lust zu haben schien , das angefangene Gespräch fortzusetzen ; auch that es ihm wohl , in dieser Menge unbekannter Menschen einen zu haben , der seine Bekanntschaft gesucht hatte . Wie wär ' s , Herr von Langen , sagte er nach einigem Hinund Herreden , wenn Sie mir für die Auskunft , die ich Ihnen über einen Abwesenden geben konnte , Auskunft über einige Anwesende gäben . Wer ist zum Beispiel der alte Herr dort im blauen Frack mit den weißen Haaren und dem rothen Gesicht , der so entsetzlich schreit , als ob er sich Jemand , der auf der anderen Seite eines tosenden Wildbaches steht , verständlich machen wollte ? Das ist Graf Grieben , einer unserer reichsten Edelleute . Sie kennen doch die hübsche Anecdote , die ihm vor einigen Jahren mit dem König passirt ist ? Nein , wollen Sie sie mir erzählen ? Der König besucht auf einer Reise die nahe Hafenstadt . An der Landungsbrücke , wo sich die Spitzen der Behörden , der Adel und so weiter zu seinem Empfange eingefunden haben , hält des Grafen mit sechs herrlichen Braunen bespannte Equipage , auf jedem der Sattelpferde ein Jockey in der gräflichen Livrée . Der König bewundert die schönen Thiere . Alles eigene Zucht , Majestät , schreit der Graf mit einer kühnen Handbewegung . Die Jockey ' s auch ? antwortete der witzige Monarch . Nicht übel , sagte Oswald , und wer ist die große starke Dame mit den männlich-kühnen Zügen , die eben mit den drei schönen Mädchen in den Saal tritt ? Eine Baronin von Nadelitz mit ihren Töchtern . Sie ist eine Katharina von Rußland im Kleinen . Ursprünglich hütete sie die Gänse des Barons , ihres nachherigen Gemahls . Sie soll so wunderbarer schön gewesen sein , daß sich jeder Mann in sie verlieben mußte , und dabei so guten Herzens , daß nicht leicht Jemand , ohne gehört zu werden , von ihr ging . So soll die Ehe nicht die glücklichste gewesen sein . Die Töchter sind auf alle Fälle sehr hübsch , sagte Oswald . Der Baron ist also todt ? Ja ; seitdem hat sie , wie man zu sagen pflegt , die Hosen angezogen , das heißt diesmal in des Wortes ernstester Bedeutung . Ich selbst habe sie in Stulpenstiefeln und Inexpressibeln mit ihrem Inspector auf einem Felde gehen sehen , auf dem man bei jedem Schritt bis über die Knöchel einsank . Wer sind die beiden hübschen Mädchen , die jetzt Arm in Arm durch den Saal kommen ? Emilie von Breesen und Lisbeth von Meyen ; sie sind erst letzte Ostern eingesegnet , und tragen , so viel ich weiß , heute zum ersten Mal lange Kleider . Soll ich Sie vorstellen ? Oswald antwortete nicht ; denn in diesem Augenblick ging die Thür auf und von Herrn von Barnewitz begleitet , dessen Gesicht in der Erwartung der von ihm so fein eingefädelten Ueberraschung vor Freude glänzte , trat ein Mann in den Saal , dessen Erscheinung offenbar einige Sensation erregte . Die laute Stimme des Grafen Grieben verstummte , einzelne Herren steckten die Köpfe zusammen , und in dem Kreise der Damen um Frau von Barnewitz auf dem Sopha wurde es verhältnißmäßig still . Der Ankömmling war ein Mann von hohem , aber allzu schlanken Wuchs , dessen äußerst nachlässige Haltung das Mißverhältniß zwischen Höhe und Breite nur noch mehr hervortreten ließ . Auf dem langen Leibe saß ein kleiner Kopf , dessen wohlgerundeter Schädel mit einem kurzen , starken , schwarzen Haar bedeckt war . Ein Bart von derselben Beschaffenheit zog sich um Kinn und Wangen und Mund , so daß nur die obere Hälfte seines Gesichts dem Physiognomen zur ungehinderten Beobachtung blieb . Aber auf dieser Hälfte stand schon des Räthselhaften genug . Die Stirn war eher hoch als breit , aber von außerordentlich zarten und zugleich kühnen Linien umschrieben . Ein Paar wie mit dem Pinsel gezeichnete Brauen zogen sich in einer leichten Krümmung über einem Paar grauer Augen hin , deren Ausdruck in diesem Momente wenigstens , wo sie rasch über die Versammlung flogen , mindestens nicht angenehm war , eben so wenig wie das Lächeln , das wie Wetterleuchten an der feinen , geraden Nase mit den beweglichen Flügeln hinzuckte , und des Mannes ganze Antwort auf das lustige Geschwätz zu sein schien , mit dem Herr von Barnewitz ihn überschüttete , während er ihn von der Thür bis zu dem Platze der Dame vom Hause auf dem Sopha begleitete . Frau von Barnewitz erhob sich , den Ankömmling zu begrüßen , der ihr die Hand küßte und nach einer leichten Verbeugung gegen die anderen Damen sich auf einen leeren Stuhl neben ihr sinken ließ und alsbald , ohne die Uebrigen weiter zu beachten , eine lebhafte Unterhaltung mit ihr begann . Oswald hatte den Ankömmling mit dem Auge des Indianers , der den Spuren seines Todfeindes nachspürt , beobachtet , denn er hatte auf den ersten Blick jenen Reiter wieder erkannt , der ihm und Bemperlein im Walde begegnete . Es war der Baron Oldenburg . Nun geben Sie Acht , sagte Herr von Barnewitz , auf Oswald zutretend und sich vergnügt die Hände reibend . Ich bin ganz Auge , sagte Oswald mit einem nicht eben sehr natürlichen Lächeln . Worauf sollen Sie Acht geben ? fragte Herr von Langen , während Barnewitz sich zu einer andern Gruppe wandte . Herr von Barnewitz hatte die Güte gehabt , mich auf Baron Oldenburg , der eben eintrat , als auf einen höchst interessanten Mann aufmerksam zu machen . Ah , das ist Oldenburg ? sagte Herr von Langen , ich kannte ihn noch nicht . Da fuhr ein