Du es denn anfangen , um ihre tausend Unvollkommenheiten des Herzens , des Charakters , des Geistes , die sie mit allen Sterblichen gemein hat , zu ertragen und mit freundlicher Nachsicht hinzunehmen ? und wie darfst Du von Zanetta das erwarten , was du selbst nicht zu leisten vermagst ? Gib alle Gedanken an sie für Gegenwart und Zukunft auf , und danke dem lieben Gott , daß er dich zur rechten Zeit durch die Erkenntnis ihres schiefen Näschens von großer Torheit und Elend abgehalten hat . Dabei blieb es . Während drei Sonntagen benutzte ich meine Muße , um an ' s Festland zu fahren und die Ufer der Brenta zu betrachten , die mir ganz sumpfig und unidyllisch vorkamen . Und als ich am vierten Sonntag wieder bei meiner guten Hauswirtin erschien , stellte sie mir ihren Sohn und Zanetta als glückliches Brautpaar vor , und ich stattete mit aufrichtiger Herzlichkeit meine Gratulation ab . Später , wenn je so etwas wie der Wunsch , durch ein Menschenherz glücklich zu werden , sich in mir regen wollte , warnte mich meine Erfahrung mit Zanetta . Ich gedachte der hunderttausend Unvollkommenheiten jedes Geschöpfes , und sah somit dessen Unvermögen ein , mir ein wechselloses Glück zu gewähren . Ein vorübergehendes schien mir aber nicht der Mühe wert , deshalb mit den schweren Sorgen und Pflichten des Ehestandes mich zu belasten . So wendete ich mehr und mehr mein Herz von jeder ausschließlichen Liebe zum Geschöpf ab ; denn wenn diese nicht mit einem hohen Grad von Resignation gepaart ist - und das ist sie selten - so wird sie zur Qual . Hingegen bemühte ich mich , alle Geschöpfe , alle ohne Unterschied , in Gott zu lieben , und dabei wurde mir das Herz leicht und frei , unbeschwert durch irdischen Ballast . Genügte die Liebe zu einem Menschen mir nicht für die Ewigkeit , weshalb sollte ich mir von der Leidenschaft die Täuschung vormalen lassen , als könne sie mir für eine Spanne Zeit genügen ? « » So besonnen oder so kalt ist aber nicht jeder , « wendete Judith ein . Sie hätte auch sagen können : » So gottliebend . « » Drum übe sich jeder beizeiten in der Entsagung , schlage es nicht allzu hoch an , wenn er es im irdischen Glück nicht sehr weit bringt , und hüte sich ganz besonders , auf Kosten anderer glücklich sein zu wollen , wie der rücksichtslose Egoismus es zu treiben pflegt . « » Sie geben mir sehr gute Lebensregeln , Herr Ernest und ich könnte , abgesehen von der Malerkunst , vieles von Ihnen lernen ; aber .... « - » Aber Sie werden nichts lernen , Fräulein Judith , gar nichts , auch nicht malen , so lange Sie immer aber sagen . Denn nur der kindliche Sinn lernt etwas , nimmt willig an und auf ; drum macht der Glaube - der Kindersinn in höchster Sphäre des Lernens - so ungemein , so überraschend klug . Darum verknöchert nichts so sehr das Auffassungsvermögen , als der Geist des Widerspruchs , die Negation . Es ist die Krankheit der Zeit , mit einem aber alles in Frage zu stellen . Darum begreift und versteht sie denn auch nichts - als Rechenexempel . « » Aber , « fuhr Judith fort und sah ihn mit ihren tieftraurigen Augen ruhig an , » ich habe nicht Ihre inneren Beweggründe , und deshalb kann ich nicht einsehen , urteilen und handeln wie Sie . Alles , was Sie sagen , kommt mir sehr schön , sehr edel , auch sehr anziehend vor ; gerade wie die Sibylla persica . Doch wie diese nur ein Bild , nur eine bemalte Leinwand ist , die mich in ich weiß nichtwas für angenehme Träumereien versetzt , aber nicht mein Leben lenkt und regiert ; so geht es mir auch mit Ihren Worten . « Ein feuchter Schimmer , wie von einer zerdrückten Träne , glitt über Ernest ' s Auge , als er entgegnete : » Ich bin ein Schwachkopf , der das immer wieder vergißt ! also verzeihen Sie mir , Fräulein Judith . Ach , wenn man überall das Wirken und Walten der Erlösung wahrnimmt , wie es in tausend unsichtbaren Kanälen die Staubeswelt durchrinnt und beseelt : so will einem gar nicht einleuchten , daß bei so vielen , vielen Menschen der Blick des Geistes noch nicht aufgegangen ist für dies Wunderwerk , während doch ihre lechzende Seele dahin getrieben werden müßte , um einen Trunk zu tun aus jenen Wassern , welche nicht von den dumpfen Zisternen der Menschenweisheit ummauert sind . « » Die Quellen der Tiefe , hab ' ich mir sagen lassen , entdeckte die Wünschelrute , « erwiderte Judith . » Können Sie mir eine solche verschaffen für Ihre unter- und überirdischen Bronnen ? « » Sehr leicht ! Berühren Sie Ihr Herz und die Welt mit dem Kreuz , so brechen vor Ihren Augen die gefesselten Bronnen der Tiefe auf und aus dem Abgrund des liebedurchwundeten Gottesherzens rauscht Ihnen die Flut der Gnaden entgegen , die jeden Durst stillt , und von jedem Fleck reinigt , und jeden Blick klar wäscht , und jedes Schifflein an die immerblühende Küste des ewigen Lebens trägt . « » Des ewigen Lebens ! « wiederholte Judith sinnend . » Welch eine unbegreifliche Vollkommenheit setzt das voraus , daß unser armseliges Leben übergehen könne zum ewigen Leben . « Madame Miranes unterbrach das ernste Gespräch zum großen Leidwesen ihrer Tochter . Sie hatte allerlei Pläne an Ernest mitzuteilen für ein Fest , das sie geben wollte . Ein gewöhnlicher Ball genügte ihr nicht , auch nicht einmal ein Ball en costume ; der konnte nebenher gehen . Es sollte so recht ein Fest aus Tausend und eine Nacht sein und alle übrigen Karnevalsfeste weit überstrahlen ; höchst glänzend , aber auch künstlerisch und poetisch sollte es sein . » Und dabei soll